Joseph Guggenmos / Sophie Schmid: Und was denkt die Maus am Donnerstag?
Denkt die Maus am Donnerstag dasselbe wie an jedem Tag? Denkt sie an das große Glück im riesengroßen Schinkenstück? In einem schmalen Bändchen im quadratischen Kleinformat wird dieser beinahe schon klassischen lyrischen Frage noch einmal mit viel Esprit nachgegangen: Zwischen Vorsatzpapier und Schmutztitel wird das bekannte Gedicht von Joseph Guggenmos noch einmal vorgestellt, danach widmet sich Sophie Schmid nach und nach den einzelnen Textpassagen und setzt diese verspielt ins Bild: Geradezu schamlos lukullisch erscheint die Maus da, wenn sie von einem Wurstbrot mit viel Wurst und wenig Brot träumt, oder das hohe Lied auf mögliche Heldentaten singt, die aus aus dem Saft und der Kraft, die ein Schinkenstück gibt, entspringt ... Vor naturfarbenen Hintergrund gestellt bleiben die zeichnungen ganz auf diepfiffige Maus und ihre herrlichen Gedankensprünge konzentriert.
Bajazzo 2007.
40 S., € 10,20.
ISBN 978-3-907588-79-6
Hör zu, es ist kein Tier so klein, das nicht von dir ein Bruder könnte sein. Gedichte und Bilder. Hg. v. Armin Abmeier.
Gerade das Tiergedicht würde sich wunderbar eignen, kinderlyrische Nettigkeiten in immer wieder neu auszustatten. Doch die im Titel angedeutete Bruder- (und natürlich auch) Schwesternschaft zwischen Tier, Kind und Gedicht wird in diesem auf höchstem künstlerischen Niveau erarbeiteten Lyrik-Band nicht nur ernst genommen, sondern in faszinierender Bandbreite ausgestaltet. Als Verkleinerungsform im (göttlichen, menschlichen, literarischen) Dasein empfunden, lassen sich in der Zusammenschau vom Tier als explizierter, dem Kind als lesender und hineingelesener und dem Gedicht als literarischer Figur ganz existenzielle Fragen stellen – von der Frage nach der Weltordnung über die Frage des an den richtigen Platz gestellt Seins , bis hin zu den letzten Dingen. Die historische Bandbreite der Gedichtauswahl sowie der Entschluss, diesen Gedichten auch grafisch Raum zu geben, wird an Sorgsamkeit in der Gestaltung noch übertroffen von der Werkschau zeitgenössischer Illustrationskunst: Je Gedicht präsentiert ein/e arrivierte/r Illustratorin aus dem deutschsprachigen Raum ihrer ganzseitige künstlerische Interpretation. Ein Must-Have für alle an Kinderliteratur Interessierten!
Carlsen 2006.
144 S., € 25,60.
ISBN 978-3-551-51684-8
Gerda Anger-Schmidt / Renate Habinger: Muss man Miezen siezen?
Der Tag, an dem gefragt wird, welche Miezen man siezen muss, ist der Tag, an dem die Litan-Ei die Lombard-Ei entzw-Eit, das entlaufene Känguru Heidiganz Eggenfelden in Aufruhr versetzt, heimische Haselmäuse Hochzeitstorten Hamstern und Krallinsky in Katzen City mit eiserner Kralle für Ordnung sorgt – obwohl er ein Faulpelz ist. Es ist der Tag, an dem neun nackten Nilpferddamen, deren Schicksal in einer Rückblende noch einmal verhandelt wird, zahlreiche Miezen und andere sprachspielerisch vor sich hin wuselnde Kreativakte nachgeschickt werden. Und wie sich das für Akten auch dann gehört, wenn sie von einer Vorsitzenden im Verein zur Vermehrung der Lachfalten verfasst werden, sind die Einzelvermerke säuberlich von A bis Zett geordnet und auf liniertes Papier notiert. Nur gerät die alphabetische Ordnung bei soviel kätzischen Irrungen und Wirrungen immer wieder gehörig durcheinander und ist von den Linien des in buntes Papier eingeschlagenen Heftes immer nur der Rand sichtbar. Darauf verteilen sich mit "Konfetti" aus dem Amtslocher durchsprenkelte Seiten, durch die Katzencowgirls ihr Lasso schwingen und coole Kater „Platz da!“ schreien. Ein vollmundiges Patchwork aus Versen und Bildern, in dem jaulende Jammerlappen auf verkäufliche Blaustirnamazonen treffen.
Residenz 2006.
128 S., € 18,90.
ISBN 978-3-7017-2009-5
Lázló Varvasovszky: Bärenwortspielbuch
Zwei Bären lungern im Birkenhain und entschließen sich zu einem Sprachspiel: Man muss Wörter finden, in denen das Wort "Bär" vorkommt. Je Wort erhält man einen Punkt. Also "Bärenhunger" oder "bärenstark" oder auch "Bärlauch" – das alles lässt sich (wie die ganzseitig auf weißen Hintergrund gesetzten und mit Farbstift kolorierten Strichzeichnungen zeigen) auch ohne unmittelbaren Bedeutungszusammenhang prächtig im Bärenformat darstellen. Da bringt ein kleines freches Bärenkerlchen mit dem Wort "Erdbären" Verwirrung ins Spiel. Zuerst ist noch das Wort "Regeln" zu hören, doch als das Wort "Spielverderbär" fällt, werden Pingeligkeiten über Bord geworfen und fröhlich dahinfabuliert: Auf "bärückende" Art werden der "Abärwitz" gesteigert und die Begriffskreationen vom Autor und Illustrator des legendären "Schneebärenbuch" in ihrer Wortwörtlichkeit verbildlicht.
Bibliothek der Provinz 2006.
68 S., € 20,00.
ISBN 978-3-85252-667-6
Nadia Budde: Trauriger Tiger toastet Tomaten. Ein ABC
Anfangs hat Anton Appetit auf Anis. Zu allerletzt zieht ein Zauberer aus einem ziemlich zerknitterten Zylinder einen Zettel. Dazwischen ereignen sich in alphabetischer Reihenfolge die größtmöglichen Abwegigkeiten, die sich in einem Stabreimsatz lustvoll zusammenfügen lassen. Das bunte Kuriositätenkabinett präsentieren Buddes herrlich aus der Form geratene Figuren mit ihren unvorteilhaften Frisuren und den dicken, verwackelten Konturen. Um die bildliche Umsetzung der Absurditäten entschlüsseln zu können, werden allerdings Kenntnis einiger Fremdworte und Überblick über komplizierte Satzgefüge vorausgesetzt. Weniger Wortgewandte werden sich wahrscheinlich an den witzigen Wortmelodien weiden. Langeweile, wie beim launischen Leguan jedenfalls wird es nicht geben!
Peter Hammer 2006.
48 S., € 7,80.
ISBN 978-3-7795-0071-1
Sharon Creech / Rotraut Susanne Berner: Der beste Hund der Welt
"Ich glaube, Mr Robert Frost / hat ein / kleines / bisschen / zu / viel / Zeit." So unrecht hat der Ich-Erzähler, dessen kurzen Tagebuchaufzeichnungen man hier folgt, vielleicht gar nicht. Verlangsamung und Aussparung dürfen durchaus als lyrische Merkmale gelten und prägen daher auch diese außergewöhnliche erzählerische Annäherung an den Variantenreichtum der Lyrik. Ihr Gegenüber finden die Tagebuchaufzeichnungen in Miss Strechtburry, der Lehrerin, die es - ohne in der Erzählung selbst persönlich aufzutreten - schafft, die lyrische Wechselwirkung von Sprache und Gehalt anhand zahlreicher Beispiele zu verdeutlichen und ihre Schüler zu eigenen Experimenten anzuregen: "Warum wollen Sie das abtippen, was ich über die kleinen Gedichte geschrieben habe? Es ist kein Gedicht. Oder?" Vielleicht lässt sich nicht klären, was Lyrik denn nun wirklich ist; sicher aber wird hier erfahrbar, worin die Besonderheiten lyrischer Ausdrucksmöglichkeiten liegen.
Die Erzählung eignet sich wunderbar zur didaktischen Umsetzung - auch im Fremdsprachenunterricht (das Original "Love that dog" ist über Amazon oder natürlich über Fachbuchhandlungen leicht zu bestellen).
Aus dem Engl. v.
Adelheid Zöfel.
Fischer Schatzinsel 2007.
96 S., € 8,20.
ISBN 978-3-596-80513-6
Heinz Janisch / Linda Wolfsgruber: Ich schenk Dir einen Ton aus meinem Saxofon
Heinz Janisch / Linda Wolfsgruber: Heute will ich langsam sein
Als stiller Beobachter und heiterer Träumer zeigt sich der österreichische Autor, wenn er die Welt lyrisch durchstreift: Schrittweises sich fortbewegen und Erstaunen über die kleinsten Dinge führen zu Gedichten über Fliegenbeine, Locken, Wolkenbildern, Frauen aus Papier. Dem Durchscheinenden, manchmal gar nicht Sichtbaren verleiht Heinz Janisch ein sprachliches Antlitz, vergisst dabei jedoch nicht auf kleine Heiterkeiten, wenn Mücke und Elefant im Clinch liegen oder respektlos ins Stroh gepinkelt wird. Die vielfach ausgezeichnete Illustratorin Linda Wolfsgruber greift seine Sprachassoziationen auf und macht sie zum Schau-Erlebnis: Ohne den Gedichten ihren Freiraum zu nehmen, arrangiert sie in ihrer grafischen Gestaltung Wörtliches wie Vorgestelltes in ironisierendem Variantenreichtum.
Jungbrunnen 1999/2005.
96 S., € 12,50/13,90.
ISBN 978-3-7026-5709-3 /
ISBN 978-3-7026-5769-7
Heinz Janisch / Aljoscha Blau: Das Kopftuch meiner Großmutter
"Meine Großmutter / hat ein schwarzes Kopftuch. / Darin hat sie einmal / den Wind eingefangen" und so viel mehr, wie jeder weiß, der Heinz Janischs wunderschönes Gedicht über die Beziehung zweier Generationen kennt. Erschienen ist es erstmals in dem Lyrikband "Ich schenk dir einen Ton aus meinem Saxophon", damals in Szene gesetzt von einer der bekanntesten österreichischen Illustratorinnen, Linda Wolfsgruber. Jetzt ist die poetische Liebeserklärung auch als eigenständiges Bilderbuch zu haben, eindrucksvoll ins Bild gesetzt von keinem Geringeren als Aljoscha Blau. Zurückhaltend, zart und auf das Wesentliche konzentriert, wird auf je einer Doppelseite eine Miniatur erschaffen, in der nach und nach die ganze Welt in einem Kopftuch Platz findet. Ob weiße Eier, eine mittelgroße Kuh oder eine Hand voll Regen - sie alle sind Teil des traumhaften Geschehens, das erst am nächsten Morgen in den alltäglichen Erlebnissen des Kindes reale Bezüge erahnen lässt.
Ein Kopftuch also als wunderbare Projektionsfläche für die kleinen und großen Wunder des Alltags, die es für Jung und Alt zu entdecken gilt und die in keiner Bücherei fehlen sollten!
Bajazzo 2008.
32 S., € 10,20.
ISBN 978-3-907588-98-7
Dunkel war's, der Mond schien helle. Verse, Reime und Gedichte. Gesammelt von Edmund Jacoby. Mit Bildern von Rotraut Susanne Berner
"Auf dem Kirschbaum Schmiroschmatzki / saß ein Spatz mit seinem Schatzki, / spuckt die Kerne klipokleini / auf die Wäsche an der Leini."
An Rotraut Susanne Berners Wäscheleine hängen Sonne, Mond und Sterne - die ganze weite Welt der Kinderlyrik; und gemeinsam mit Edmund Jacoby spuckt sie einen Edelkirschkern nach dem anderen: Lautgedichte, Schüttelreime, Nase-Weisheiten und allerlei andere herzzerreißende lyrische Gustostückerl erhalten durch ihre Figurenarrangements ihre zeitlos-humorige Umrahmung. Vom Werwolf, der gebeugt werden wollte, bis hin zum Gummi-Gummi-Zwerg auf dem Gummi-Gummi-Berg verleiht Überraschendes und oft Gehörtes der Tradition des Hausbuches einen neuen Sinn: Sortiert nach sprachlichen und thematischen Schwerpunkten (Sprachmusik; Spielen; Verwirr-Reime, Kinderwelt, Tiere, Natur, Nachdenken, Liebe, Geschichten-Gedichte) werden der Charme der Lyrik, deren Klang und Rhythmus anhand zahlreicher Beispiele eingefangen und in einer umfassenden Sammlung präsentiert.
Gerstenberg 2009. 152 S., € 22,70. ISBN 978-3-8369-4285-0
Mascha Kaléko / Verena Ballhaus: Der Papagei, die Mamagei
"Ein Versbuch für verspielte Kinder sämtlicher Jahrgänge", so lautete der Untertitel der im Jahr 1961 erschienenen Erstausgabe dieses Lyrikbandes. Und er hält, was er verspricht: Die knapp 60 Gedichte erreichen, immerhin fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Entstehen, auch heute noch ihr anvisiertes Publikum. Die tierischen ProtagonistInnen der einzelnen Texte repräsentieren zumeist nur allzu menschliche Verhaltensweisen und Verhältnisse. Zur "Straußenpolitik": "Das kleine Vogelhirn, es weiß: / Gleich klug bei mir sind Kopf und Steiß. / (So auch der Mitmensch oft. Diweil: / Der Steiß sein klügster Körperteil.)" Die Illustrationen von Verena Ballhaus folgen dem auf Zwei-Ton-Optik basierenden grafischen Konzept der neuen "Gedichte für neugierige Kinder"-Reihe bei Boje: In Schwarz und einem warmen Gelbton vereint sie dabei kontrastierend zwei Farben miteinander, die in ihrer jeweiligen Farbbotschaft exakt den Ton von Mascha Kalékos Texten treffen, der zwischen leichtem Humor, hintergründiger Ironie und schwermütiger Ausweglosigkeit changiert.
Boje 2009.
77 S., € 10,30.
ISBN 978-3-414-82154-6
In wenigen Worten die ganze Welt. Gedichte für Kinder und Erwachsene. Hg. v. Christine Knödler. Mit Bildern von
Daniela Kulot.
Der Titel dieser Lyriksammlung wirft die Frage auf: wie soll das funktionieren? Dazu liefern 68 AutorInnen aus Allgemein- und Kinder- und Jugendliteratur die in Verse gefassten Denkanstöße. Daniela Kulot nimmt die Gedichte beim Wort und fasst ihre Metaphern und Vergleiche in farbenfrohe Illustrationen, die gemeinsam mit dem durchdachten Arrangement der einzelnen Texte zueinander jedes Gedicht für sich in ein neues Licht tauchen. Denn wenn „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke die Doppelseite mit Gerda Anger-Schmidts „Ich bin ein Tiger teilt“, so treten beide Werke in Beziehung zueinander und für die LeserInnen werden neue Bedeutungsvarianten aufgezeigt. Neben den elf thematisch gegliederten Kapiteln runden ein AutorInnenverzeichnis, ein Verzeichnis der Gedichttitel und -anfänge sowie eine Bibliografie und das umfassende Vorwort der Herausgeberin dieses altersübergreifend empfehlenswerte Buch ab.
Thienemann 2009.
176 S., € 20,50.
ISBN 978-3-522-18178-5
Theodor Fontane / Tobias Krejtschi: John Maynard
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. - Und noch zehn Minuten bis Buffalo - dieser Countdown dynamisiert Theodor Fontanes Ballade über den Steuermann John Maynard, einen heldenhaften Steuermann, der ein brennendes Passagierschiff mutig an den Strand von Buffalo steuert und somit alle an Bord rettet - nur nicht sich selbst. Bis zum Schluss müssen die LeserInnen um das Leben der Passagiere bangen. Erleichterung ob der glücklichen Ankunft und Trauer um den Steuermann sind gleichermaßen zu spüren. Die Bilder von Tobias Krejtschi sind von herausragender Expressivität und vermitteln zwischen dem Text Fontanes aus dem 19. Jahrhundert und dem heute lesenden Kind. Furcht, Elend und die nackte Angst sind an den Illustrationen deutlich ablesbar. Ein weiterer gelungener Band aus der Reihe "Poesie für Kinder".
Kindermann 2008.
24 S., € 15,00.
ISBN 978-3-934029-31-6