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Thema: Chen Jianghong

An Großvaters Hand

China ist das heurige Gastland der Frankfurter Buchmesse und rechtzeitig dazu hat Chen Jianghong (s)eine Kindheit in China erzählerisch und illustratorisch dargestellt. Es ist eine Kindheit in einer heiklen Übergangssituation. 1966 rief Mao die Kulturrevolution aus, die so extreme Veränderungen mit sich brachte, dass das Politische selbst in das Leben der Kinder eindringen konnte. Den knappen Texten stellt Jianghong überbordende Erzählbilder gegenüber die zu Beginn das kindliche Glück in kleinen Alltagssituationen festhält; die Großmutter kocht Teigtaschen, der Großvater hält den Enkel an der Hand. Nachdem die Kulturrevolution ausgerufen wird verändert sich auch die Bildwelt. Überall finden sich politische Symbole, die privaten Idyllen werden von entindiviaualisierten Massenszenen abgelöst. Jianghong mixt dazu unterschiedliche Bildstile von Holzstichen über Comics und Lithografien und macht den Bruch auf der Bildebene sichtbar. Das einzelne Glück soll im Kollektiv aufgehen. Das Scheitern des Projekts ist in Bild und Text ablesbar und selbst für Kinder ohne Hintergrundwissen erfassbar.

Aus dem Französ. v. Tobias Scheffel.
Moritz 2009.
77 S.

Lian

"Zu Beginn ist alles eins: Herr Lo ist ein einsamer Fischer. Sein Boot ist zugleich seine Wohnung. […]" Tagelang sitzt er da und wartet, doch kein einziger Fisch beißt an. Die Farbgestaltung folgt dieser Eintönigkeit und wird durch Grau- und Blautöne bestimmt. Das aus einer Lotusblüte geborene Mädchen Lian jedoch - mit der leuchtende Farbakzente in die Illustrationen gelangen - bringt dem Fischer mit Hilfe ihres Zauberlotus unverhofften Wohlstand ein, welcher schon bald Neider hervorruft. Am Ende wendet sich alles Unrecht gegen dessen VerursacherInnen und lässt eine entzauberte, aber glückliche Lian zurück. Die Tuschezeichnungen auf Reispapier fangen das märchenhafte Geschehen ein, das zahlreiche Anleihen aus chinesischer und europäischer Erzähltradition erkennen lässt.

Aus dem Französ. v. Erika und Karl A. Klewer.
Moritz 2007.
32 S.

 

Susie Morgenstern / Chen Jianghong: Ich werde Wunder vollbringen

Ausgehend von der hundertmal gestellten Frage, was er denn werden will auf dieser Welt, wird der Größenwahn einer kindlichen Hauptfigur inszeniert: Alles Unrecht wird getilgt und um ewigen Frieden gekämpft, Hungersnöte werden gebannt und Krankheiten geheilt. Das durchsetzungsfreudige, selig lächelnde, bedrückte und zornige Ich lässt sogar die Toten erwachen: "Dann können sie Ball spielen und fröhlich lachen."
Der anarchische Kindheitsmythos wird verkehrt, der Zauber des machtvoll erwirkten allumfassenden Glücks beschworen. Das widerständige Moment jedoch bleibt erhalten: Die heile (im Sinn einer geheilten) Welt wird mit Bildmitteln der Apokalypse beschworen: Rot und Schwarz beherrschen die großformatigen Doppelseiten und liegen oftmals in wildem Streit. Chen Jianghong arbeitet gerne auf sehr saugfähigen Untergründen, auf Reispapier oder gar Seide. Er lässt Farben ineinander rinnen und kontert mit zügig und dick aufgetragenen Pinselstrichen. Aus Flächen, Klecksen und Pinselstrichwirrwarr entsteht der Hintergrund, vor dem die vorgestellte Wirkmacht des Ich in naiv-kindlicher Art visualisiert wird. "Alle Geheimnisse will ich erfahren", stellt das Kind fest. Und entscheidet sich letztlich doch für ein viel schlichteres Wunder…

Aus dem Französ. v. Monika Hahn-Prölss.
Bloomsbury 2007.
32 S.

Junger Adler

In seinem mittlerweile gewohnten Stil mit kräftigen Linien und gleichzeitiger Detailgenauigkeit erzählt der mehrfache Literatur-Preisträger die Geschichte eines Waisenjungen, der von Meister Chen aufgenommen wird. Der Alte erkennt das große Potenzial des Jungen - er trägt nun den Namen Junger Adler - und beginnt, ihn in der hohen Kampfkunst des Adler-Boxens zu trainieren. Die Härte des Trainings und die jahrelange Ausdauer, die man dafür braucht werden ebenso anschaulich dargestellt, wie die außergewöhnlichen Fähigkeiten, die ein vollendeter Adler-Boxer entwickeln kann. In Jianghongs Bildern spiegeln sich gleichermaßen die Ruhe, wie auch die Kraft, die davon ausgehen. Das Geheimnis des Geschehens und dessen kriegerischer Hintergrund werden in satten, düsteren Farben eingefangen, die körperliche Disziplin und Wendigkeit des Kampfsportes in dynamisierten Bildfolgen umgesetzt. Eine kraftvolle Bildgeschichte, die Einblick in Fassetten fernöstlichen Denkens bietet.

Aus dem Französ. v. Erika und Karl A. Klewer.
Moritz 2006.
33 S.

Der Tigerprinz

Wer sich einst von Rudyard Kipling verführen ließ, weiß von den Gesetzen des Dschungels - weiß aber auch von der Unmöglichkeit einer Versöhnung zwischen Mensch und Tier. Auch Chen Jianghong wählt als Ausgangspunkt seiner faszinierenden Dschungelgeschichte die qualvolle Konfrontation zwischen DorfbewohnerInnen und einer an ihnen Rache nehmenden Tigermutter. Er jedoch zeigt in seiner mit schwungvollem schwarzen Strich skizzierten und in dynamische Bildfolgen unterteilten Geschichte die Versöhnung im Kind. Erneut ausgehend von einem Ausstellungsstück des Museums Cernuschi in Paris (Tigerin) erzählt Jianghong vom Spross des Kaiserpaares, der ein neues Zeitalter des Herrschens einleitet: Nur wer auch die Welt der Tigerin kennt - und versteht - vermag klug zu regieren. In zum Teil auf eindrückliche Weise parallel geführten Szenerien wird dabei das fragile Gleichgewicht eines Miteinanders in wilden Farben und dennoch mit großer Zärtlichkeit entworfen.

Aus dem Französ. v. Erika und Karl A. Klewer.
Moritz 2005.
40 S.

 

Han Gan und das Wunderpferd

Nicht weniger als drei Jahrtausende sind es, die in diesem Bilderbuch über die Kunst zusammenfinden: Im Jahr 1871 unternahm der Milaneser Kunstsammler Enrico Cernuschi eine Reise in den Nahen Osten und brachte unter anderem ein auf Seide gemaltes Gemälde mit, das heute über 1.200 Jahre alt ist. Der in Peking geborene und in Paris lebende Bilderbuchkünstler Chen Jianghong nun wählt die auf dem Seiden-Gemälde dargestellte Szene "Pferde und Reitknechte" als Ausgangspunkt einer Bilderbuchgeschichte, deren Bilder er ebenfalls auf Seide malt. Die Geschichte handelt vom mittellosen Jungen Han Gan, der von einem etablierten Künstler in dessen Malschule aufgenommen wird. Entworfen wird eine phantastische Erzählung rund um versprengte Pferde ebenso wie ein Szenario des machtvollen Kampfes - gespiegelt in den intensiven Farben der Bilder, die ("eingesunken" in den Seidenstoff) dunkel und schwer wirken und damit auf das Große, Unfassbare eines kriegerischen Weltengeschehens verweisen. Ein ungewöhnliches und in seiner Fremdartigkeit faszinierendes Bilderbuch.

Aus dem Französ. v. Erika und Karl A. Klewer.
Moritz 2004.
33 S.

Zhong Kui. Ein Besuch in der Peking-Oper (vergriffen)

Gerechtigkeit auf Erden und die Bezwingung des Bösen ist das Thema dieses monumentalen Bilderbuches. Zhong Kui heißt der legendäre Held, der beides vollbringen soll. Noch heldenhafter als diese Figur ist jedoch die Übersetzungsleistung, die dieser Bearbeitung des chinesischen Epos zu Grunde liegt. Der Übertragung des eigenwilligen Stoffes aus fremder Sprache und Ästhetik ins Deutsche geht ein noch fundamentalerer Übersetzungsschritt voraus: Musik, Akrobatik und Dramaturgie der Pekingoper werden auf eine zweidimensionale, lautlose Ebene übertragen, so dass Atmosphäre und Faszination der Theateraufführung spürbar bleibt. Dazu nützt der chinesische Künstler die Ausdruckskraft der Kostüme und Bewegungsmuster und bannt sie mit Tusche und satten Farben zu gigantischen doppelseitigen Kompositionen auf Reispapier. Ein Heldenstück in mehrfacher Hinsicht!

Aus dem Französ. v. Erika und Karl A. Klewer.
Moritz 2001.
36 S.

 

 


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