Leben lesen
Kinder- und Jugendliteratur im Kontext religiöser Lektüre
Das "Leben lesen" in den "Geschichten aus der Bibel". V.l.n.r.: Kathrin Wexberg, Lisbeth Zwerger, Heinz Janisch, Heidi Lexe

Martin Jäggle

Stefan Gugerel
Oliver Achilles
Zwei Fachvorträge, ein Themengespräch, eine Buchpräsentation und eine Lesung fanden am 12. März 2016 im Rahmen des Studientages "Leben lesen" statt. Die einzelnen Programmpunkte waren so unterschiedlich wie die Berufskontexte der Beiträger und Künstler*innen. Im Mittelpunkt stand jedoch ein Begriff, der alle beschäftigte: das "Menschwerden" mit und in Kinder- und Jugendliteratur.
Em. Professor für Theologiewissenschaften Martin Jäggle stellte eingangs die Frage: "Was heißt es überhaupt einen Text religiös zu lesen?" Es war die erste von vielen Fragen, die er im Laufe seines Vortrags Leben lesen. Lesen und Leben.
Zu den Möglichkeiten religiöser Lektüre kritisch in den Raum stellte. Höchst reflektiert widmete sich Martin Jäggle so dem Themenkomplex des Studientages und beleuchtete den Begriff "religiöse Dimension" aus unterschiedlichen Perspektiven. Bezug nahm er auf den Begriff im Konkreten, da dieser einen zentralen Punkt in der Ausschreibung zum Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis darstellt. Die Überlegungen führten von sprachlichen zu lebensweltlichen, über die Dimension der menschlichen Beziehung zu einem zwischenzeitlichen Fazit: "Religion ist eine Frage der Praxis und Gott ist keine Gattung, sondern eine Lebenswirklichkeit."
Die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten, die Figuren der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur vorfinden, wurden anschließend im Themengespräch über Bücher der Empfehlungsliste des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises analysiert. Stefan Gugerel, >>>Leiter des Institus für Religion und Frieden, sprach mit Heidi Lexe zuerst über Griffin Ondaatjes und Linda Wolfsgrubers Bilderbuch "Die Tränen des Kamels" (arsedition 2014) und hielt fest, dass in Bild und Text die Sinnhaftigkeit des menschlichen Handelns in Frage gestellt werde. Anschließend wurde der Film "Das Mädchen Wadjda" (cbt 2015) dem gleichnamigen Roman von Hayfa Al Mansour gegenübergestellt und politische sowie kulturelle Aspekte der in Saudi-Arabien spielenden Erzählung erörtert. Das dritte Buch, das im Gespräch behandelt wurde, war Reinhard Kleists "Der Traum von Olympia" (Carlsen 2015). Stefan Gugerel fasste zusammen, dass diese Graphic Novel jene aktuellen Themen auf anspruchsvolle Weise aufgreife, die Kinder, Jugendliche und Erwachsenen im religiösen Kontext beschäftigen müssen: Flucht, Migration und die Außengrenzen der Europäischen Union.
Bevor das Buch "Geschichten aus der Bibel" (NordSüd Verlag 2016) von Heinz Janisch und Lisbeth Zwerger in der STUBE präsentiert wurde, setzte sich Oliver Achilles, wissenschaftlich-pädagogischer Assistent der Theologischen Kurse Wien, mit "Kinderbibeln im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit" auseinander. Zuerst strich er heraus, wie komplex Erzählstränge, Biographien, Hintergründe und Kontexte der biblischen Erzählungen verwoben sind, bevor er festhielt, dass man von Weltliteratur sprechen könne, die aber nicht immer für Kinder geeignet sein muss. Als eine Art qualitativen Kriterienkatalog präsentierte Oliver Achilles abschließend eine Bedürfnistabelle, die in sechs Schritten die theologischen Anforderungen an eine Kinderbibel veranschaulichte.

Impressionen vor und während des Studientags in der STUBE..
Herwig Bitsche
Im zweiten Teil des Studientages wurden die fachlichen Prämissen anhand aktueller Kinder- und Jugendliteratur erprobt. Heinz Janisch und Lisbeth Zwerger stellten die im Februar 2016 erschienenen >>>"Geschichten aus der Bibel" (NordSüd Verlag 2016; Kröte des Monats März) höchstpersönlich vor. Beide gaben Einblicke in den Entstehungsprozess von Text und Bild; ergänzt von Herwig Bitsches, Geschäftsführer des NordSüd Verlags, Auskünften zur verlegerischen Arbeit.
Die große Herausforderung für Autor und Illustratorin waren die sich über Jahre hinweg verfestigten Bilder im Kopf, die mit den biblischen Geschichten fast untrennbar verbunden sind. Heinz Janisch war es besonders wichtig einen Ton zu finden, der klar erzählt und nicht eine weitere Interpretationsebene hinzufüge. Er kam im Werkstattgespräch auf Oliver Achilles Vortrag zurück, der zuvor gefordert hatte, dass eine Kinderbibel lediglich der Anfang in der Auseinandersetzung mit religiösen Themen sein sollte.
Auf ähnliche Weise ist Lisbeth Zwerger auf der Bildebene vorgegangen, bestätigte sie im Gespräch. So war es ihr bei der Darstellung von Maria wichtig, keine abgehobene Figur zu zeigen, um eine einfache Identifikation gewährleisten zu können. Dazu gehören auch farbliche und räumliche Aspekte der Darstellung. Im Besonderen lagen ihr die Darstellung von Bewegung, Muster und eine Zeitlosigkeit der Bilder am Herzen.
Außerordentliche Freude hatte ein ausgewiesener Kinderbibelfan und -experte, der sich im Publikum befand: Weihbischof Franz Scharl ließ sich einzelne Aspekte der "Geschichten aus der Bibel" nach der Buchpräsentation direkt von Autor und Illustratorin erklären und natürlich sein persönliches Exemplar signieren.
Kinderbibel-Fan Weihbischof Franz Scharl mit Lisbeth Zwerger (Illustration) und Heinz Janisch (Text).
Nils Mohl
"Die Belohnung soll hoch sein". Im Werkstattgespräch mit Heidi Lexe verriet Nils Mohl, dass diese Maxime auf seine Romane zutreffen und ein Mittel gegen den langweiligen Alltag sein soll. Nach der ausgiebigen Beschäftigung mit dem Thema religiöse Lektüre traf dieser Satz aber auch für den Schlusspunkt des Studientags zu. Nils Mohl las aus seinen Romanen "Stadtrandritter" und "MOGEL" (Rowohlt 2013 und 2014), gab Einblick in sein Schaffen und benannte Inspirationsquellen. So wurde zum Beispiel ein bodybuildender sowie Dackel-tragender Nachbar zu einer zentralen Romanfigur und die Vorstellung des regnerischen Mittelalters stand Pate für die Jahreszeit Herbst, der erzählten (Jahres-) Zeit des Romans "Stadtrandritter".
Nils Mohl verstand es nicht nur anregend über das eigene Schaffen zu reflektieren, sondern auch Sätze über das Schreiben und das Leben zu formulieren, die man sich ausdrucken und rahmen lassen möchte. Hier eine kleine Kostprobe: "Jede Geschichte bekommt die Form, die sie verdient.", "Literatur ist auch die Rechtfertigung des eigenen Lebens.", "Ich habe mit 17 die Welt besser verstanden als jetzt" oder "Die Urgeschichten - zum Beispiel die Kreuzigung Jesu - gehören zum Erwachsenwerden dazu". So stellte er einen Bezug zum Thema des Studientags her und erörterte zudem, wie er seine Romantrilogie mit der Trias Glaube - Liebe - Hoffnung unterfüttert hat. Nils Mohls genialer Gedanke dazu: "Das Menschwerden hört nie auf."
"Glaube - Liebe - Hoffnung". Nils Mohl im Gespräch mit Heidi Lexe.
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Der Studientag fand in Kooperation der STUBE mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis, dem NordSüd Verlag und der Buchhandlung Herder statt.
