Lektorix
des Monats
Ein Buchtipp von STUBE, Institut für Jugendliteratur
und DIE FURCHE

Nils Mohl: Pepper.
Rotfuchs 2026.
Viele Fragen und ein rotes Notizbuch
Und wann hast du zum ersten Mal gedacht: „Vielleicht werde ich doch einfach ich selbst?“ – Eine von Zillionen Fragen, die Pepper in ihr rotes Notizbuch geschrieben hat. Das „du“ ist ihr Vater, eine große Leerstelle: Denn die Mutter, eine Grünen-Politikerin, mit der sie in der Hamburger Hafencity aufgewachsen ist, hat ihr seine Identität nie verraten, nicht ohne sanft karikierten politisch korrekten Impetus: „Jede Familie ist anders.“ Bis sie ihr irgendwann doch (s)einen Namen auf die Hand schreibt … Pepper recherchiert und stellt fest, dass er offenbar Sänger der legendären Band „Kimme und Popkorn“ war – und immer noch mit seinen Bandkollegen in einer WG lebt. Da dort zufällig gerade ein Zimmer frei ist, beschließt sie kurzerhand, dort einzuziehen, ohne ihm zu verraten, wer sie ist … Diese durchaus kuriose Konstellation erweitert der Autor um sehr unterschiedliche Figuren, die Pepper bei ihrem Weg tatkräftig zur Seite stehen: Etwa einige Bewohner*innen des Altenheimes mit dem makabren Spitznamen „ADE-ADE“, „Abflughalle der Ergrauten an der Elbe“, in dem Pepper mit Begeisterung arbeitet. Oder die Musikjournalistin Tissy, Haare in der Farbe von rosafarbener Zuckerwatte, die eine geniale Story wittert: 17-jährige Tochter spürt verschollenen Kultsänger auf. Und nicht zuletzt August, Weggefährte seit der Kindheit und aufstrebender Sänger, mit dem es einen unerwarteten und verwirrenden Kuss gab. Nils Mohl, sonst ein Meister des a-chronologischen, in sich verschachtelten Erzählens, geht diesmal der Reihe nach vor. Er strukturiert seinen Text nicht nur durch Auszüge aus Peppers Notizbuch, sondern zentral auch durch Songtexte von „Kimme und Popkorn“, die jeweils den Kapiteln vorangestellt sind. Mit genauem Nachweis, aus welchem Song dieser Text stammt. Nachgereicht wird eine komplette Diskographie, inklusive Cover und Minutenangaben der Songs … Wer Lust bekommt, sich die Musik parallel anzuhören (wie es ja bei Jugendromanen der letzten Jahre mit begleitenden Playlists immer wieder möglich war), stellt fest: Auch Band und Songtexte sind Fiktion, wurden vom Autor als integraler Bestandteil seiner, bzw. Peppers, Geschichte, konzipiert. Fragen stellen, auch wenn es nicht auf alle eine Antwort geben wird. Menschen finden, die Nähe und Liebe geben, unabhängig von biologischem Verhältnis zueinander. Davon erzählt der Roman auf eine Weise, die ebenso komisch wie tragisch, lapidar wie emotional ist. Und vom Mut, den es braucht, schließlich den eigenen Weg zu gehen – der noch unbestimmten Zukunft entgegen …
Kathrin Wexberg
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