Stepha Quitterer: Freiheit für die Waldwiesel
Mit Bildern von Barbara Jung. 
Gerstenberg 2026.

Großstadtabenteuer & Gesellschaftskritik

Der Wald und seine tierischen Bewohner*innen sind in der Kinderliteratur ein populäres Sujet: Ob der böse Wolf in traditionellen Märchen und ihren modernen Parodien oder herzige Hasen in gängigen Wohlfühl-Bilderbüchern. Wenig vertreten waren bislang Waldwiesel. Und das, obwohl diese (übrigens die kleinsten säugetierfressenden Raubtiere der Welt) vom Naturschutzbund Österreich zum Tier des Jahres 2026 ausgezeichnet wurden. Was natürlich Autorin Stepha Quitterer, ursprünglich Regisseurin und mittlerweile für ihre Bücher mehrfach ausgezeichnet, nicht wissen konnte, als sie ihren Kinderroman konzipierte, der unterschiedliche literarische Genres und Traditionen auf höchst unterhaltsame Art und Weise zusammenführt. Ausgangspunkt ist der ambitionierte Traum des kleinen Wiesels Piet: er will unbedingt am Wettkampf im Klettern teilnehmen, um einen Ausbildungsplatz in der Großen Stadt zu ergattern. Denn nachdem der Vater einem Habicht zum Opfer gefallen ist und die Waldpopulation aufgrund der zunehmenden Dürre immer weniger wird, ist die ökonomische Situation der Wieselfamilie schwierig. Und das, obwohl die Mutter in ihrer „Schlemmerschleckerei“ weit über die Waldgrenzen bekannte Delikatessen verkauft, unvergleichlichen Heuschreckencrunch, legendäre Johanneskrautschnecken, glühwürmchengefüllte Waldeidechsen oder waldbienenhonigglasierte Mistkäferspieße. Sein Absturz beim Wettkampf ist nur der Beginn des Unglücks: Kurz darauf werden alle Waldwiesel gefangen genommen. Piet entkommt durch einen Zufall als Einziger und macht sich auf den Weg in die Große Stadt – parallel zu seinen Abenteuern zwischen Kanalrohren und Autokabeln erfahren die Leser*innen, was den anderen Wieseln schreckliches widerfährt: Sie werden mit dem offenbar süchtig machendem Rosa Schaum gefügig gemacht und in einer dystopischen Fabrik interniert, wo sie geklont und zu Burgern verarbeitet, aber auch als Social Media-Figuren zur Schau gestellt werden, bewacht von Kampfhunden mit Namen wie Biss-Kuit, Biss-Tro, Biss-Her und Biss-Mark. Mit Sprachwitz und erzählerischem Drive entwirft Stepha Quitterer ein ausdifferenziertes Figurenarsenal, in dem Siebenschläfer auf Nacktmulle, Kanalratten auf Krähen treffen und dabei Verhaltensweisen an den Tag legen, die jene der menschlichen Gesellschaft ebenso spiegeln wie karikieren. Eine Welt, in der nicht immer offensichtlich ist, wer auf welcher Seite steht und wo, inmitten all der kapitalistischen Verlockungen, vielleicht doch ein Potential zum Widerstand liegt …

Kathrin Wexberg

 

 

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