Literatur im Spiel. Das Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl / Reading is wonderful. Literature in play. The Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl. Fotos von Harald Eisenberger, Kinderbuchhaus.
NordSüd 2024.
160 S.

Renate Habinger: Lesen ist schön.


Wem die Stunde schlägt.
Dem Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl schlug sie im vergangenen Jahr zum zehnten Mal. Im Rahmen unterschiedlichster Veranstaltungen wurden 10 Jahre Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl gefeiert und im Hintergrund eine Publikation vorbereitet, die im Rahmen einer im Februar 2024 stattfindenden Alumni-Feier präsentiert wurde. Alumni, das meint Absolvent*innen, geht aber zurück auf den lateinischen Begriff alere / ernähren. Es war ein Treffen jener Vielen, die das Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl künstlerisch und kreativ genährt hat – und das schon seit sehr viel längerer Zeit als jenen 10 Jahren, in denen das Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl als Institution gegründet und öffentlich zugänglich gemacht wurde. Seitdem ist es (auch) ein Ort der Mitmach-Ausstellungen, ein Ort des Lesens und Vorlesens, ein Bücherort für Kinder. Ein Ort für jene, die in unterschiedlichen Bereichen mit dem Kinder- und Jugendbuch arbeiten, es illustrieren, schreiben, herstellen oder vermitteln.
Die STUBE war erstmals 2006 in Oberndorf an der Melk bei Renate Habinger zu Gast. Das Schneiderhäusl war damals noch ein altes (sogar 300 Jahre altes) Bauernhaus, samt Heuboden, verwildertem Garten und einem ehemaligen Saustall, in dem Renate Habinger Papier geschöpft und den Arbeitskreis Bilderbuch der STUBE dazu eingeladen hat, diese Kunst zu erlernen. Ich erinnere noch meine etwas dümmliche Frage, ob ich für den Besuch des Papiergartens Gummistiefel mitnehmen muss …

Ach? Das Papierschöpfen hat zwar mit Wasser zu tun, nicht aber mit Wasserpflanzen, sondern ganz im Gegenteil sehr trockenen, festen Blättern sehr widerstandsfähiger Gewächse?

Die STUBE hat also erstmals Papier geschöpft und darüber hinaus eine Einführung in das Wesen des Buches bekommen. Was heute Teil hipper Materialitäts-Diskurse ist, war damals der augenöffnende Blick auf das Bilderbuch als eine Kunstform, die mit-bestimmt wird vom Buch als Körper, vom Buchformat, der Bindung, dem Papier, der genutzten Zeichen- und Maltechniken und vielem Aufregendem mehr.
Die STUBE war ihrer Zeit also schon damals voraus. Dank Renate Habinger – und wie Renate Habinger selbst, die schon damals ein völlig neues Konzept der Literaturvermittlung entwickelt und in Zusammenarbeit mit Barbara Schwarz und Susi Fux in Kooperation mit der STUBE erstmals 2008 im Rahmen der Sommerschule angeboten hat. Das Haus selbst hat in dieser Woche eine zentrale Rolle gespielt – es wurde aus dem Raum heraus gearbeitet und die theaterwissenschaftlich gepolten Herzen im STUBE-Team haben frohlockt.


Das Haus und der Raum haben sich seitdem vielfach verändert: Aus dem roten, einem Hemingway-Band entnommenen Papierportal von damals wurde die rote Eingangstür ins Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl. Sie zu öffnen kann mit Lesen ist schön im Buchformat nachvollzogen werden: Man schlägt das rot gebundene Buch auf und ist mittendrin in jenem verzaubernden Buch- und Kreativraum, der das Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl ausmacht. Das Staunen wird dabei in einem ersten, einführenden Beitrag von Natalie Tornai als Leitmotiv eingebracht. Bereits 2005 hat der Literaturdidaktiker Kaspar Spinner dieses Staunen als ästhetische Kategorie literarischer Sozialisation bezeichnet und das Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl verräumlicht diese Theorie nicht nur, sondern fächert sie weit über die Kinderliteratur hinaus auf. Nicht ohne Grund haben Renate Habinger und das Gründungsteam diesen Kreativort als KinderBUCHhaus benannt. Das schriftsprachliche Ausdrucksmittel der Literatur und das verbale Erzählen werden damit vielfach überlagert und überformt und verwandelt durch all jene Mittel der künstlerischen Gestaltung und kreativen Vermittlung, die die Angebote im Schneiderhäusl ausmachen. Mit jedem Umblättern in Lesen ist schön und jedem der Fotos von Harald Eisenberger dringt man tiefer in diesen Kreativraum ein, in seine Verstecke, Nischen, Winkel und die inszenierten Räume innerhalb des Raums, denn: All die in dem Band entlang von acht Mitmach-Ausstellungen präsentierten Stationen und Schwerpunktthemen werden ihrerseits in den variantenreichen Papierkunstgebilden und Papier-Installationen verdichtet, durch die der Raum des Kinderbuchhauses bespielt wird, die aus dem Raum des Kinderbuchhauses heraus entstehen und es mit jedem dieser Kinder-Kunst-Stücke neu hervorbringen.


Mit wie viel Liebe und Gespür für Ästhetik das alles passiert, zeigt jede Seite in Lesen ist schön aufs Neue. Wie viel Klugheit dahinter steckt zeigt der Aufbau des Buches, der einen Blick hinter die Kulissen ermöglicht und damit die Grundlagen jenes Bücher-Spiels benennt, auf denen die Angebote im Schneiderhäusl aufbauen:

Das Bücherspiel steht für einen komplexen, interessensgeleiteten Prozess des Lesens, für ein erweitertes Lesen und Handeln mit Zeichen, die die Welt bedeuten. […] Im einem Raum voller Bücher wartet, ja lauert das Glück, und es findet uns, wenn in der riesigen Auswahl von Werken genau die ausgemacht werden, welche sich als biografisch bedeutsam erweisen. (25)

Barbara Schwarz, zauberhaftes Kreativ-Wunder-Wesen aus der Schweiz und Mitbegründerin des Kinderbuchhauses im Schneiderhäusl, nimmt in ihrem einführenden Beitrag zur Literaturvermittlung Bezug auf Cornelia Rosebrock und Daniel Nix und deren Idee vom Entwicklungsschicksal der Lesebereitschaft. So wie der Kreativprozess im Schneiderhäusl in den Raum eingeschrieben ist, so schreibt sich das Lesen in die menschliche Biografie ein – wenn es denn die Chance dazu bekommt. Dazu bedarf es der Begegnung mit Literatur, mit Geschichten, mit neuen Welten und Abenteuern, großen und kleinen Wundern, wie Marlene Zöhrer ergänzt. Es bedarf einer Bühne für das Buch, auf der Kinder der Literatur begegnen können (so der Titel von Marlene Zöhrers Gedanken zur Lesepädagogik, die nicht nur an Literaturvermittlung gebunden sein kann, sondern muss).
Die drei einführenden Beiträge – wie der gesamte Textkorpus in Lesen ist schön | Reading is Wonderful nebeneinanderlaufendin Deutsch und Englisch präsentiert, leiten über zur Präsentation der acht Mitmach-Ausstellungen. Dabei wird nicht nur die Fülle der Möglichkeiten kulinarisch aufbereitet, sondern es werden auch jene Fragen gestellt, die in der Literaturvermittlung entscheiden sind: Welchen Prinzipien folgen die Angebote?
Was gibt es dabei zu bedenken? Welche visuelle Klammer wird für das jeweilige Thema gefunden und wie soll es im Raum selbst verortet werden?
Das genussreich präsentierte Fotomaterial wird dabei annotiert und schafft den Weg durch die Ausstellungen bis hin zu konkreten Fragen nach den nutzbaren (und genutzten) Materialien (Ach, so geht das …), zu Tipps und Tricks sowie den umfangreichen Bibliografien, hinter denen sich eine Fülle an Buchtipps verbirgt. Bildlich mit eingestreut sind zahlreiche Lese-Situationen, in Bücher vertiefte Kinder und Erwachsene, die dafür sorgen, dass man sich sofort auf das am Flohmarkt erstandene Sofa zurückziehen möchte, das in seiner nachhaltigen Präsentation durch immer neue Bezüge das Raum-Feeling auf immer neue Weise prägt. Auf diesem Sofa sitzend wird man sich nicht sattsehen können, an den Fotos in Lesen ist schön und dem kunstvollen Layout; man wird sich nicht sattlesen können an Gästebucheintragungen oder Texten, die im Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl entstanden sind.
In dieser Atmosphäre schlägt die Phantasie Purzelbäume. Die Illustratorin Stefanie Harjes zählt zu jenen Stimmen, die am Ende des Bandes jene Intensität in Sprach-Bilder fassen, die jeder Gedanke ans, jeder Besuch im Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl unweigerlich mit sich bringt: Im Schauen, im Erforschen mit allen Sinnen, im Arbeiten mit den unterschiedlichsten Materialien, im Lesen und Vorlesen-Lassen, im Denken und Fühlen und Sein. Das alles in einem Haus?
Ja.
Und in einem Buch: Lesen ist schön.

Heidi Lexe

Das Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl findet man topografisch in Oberndorf an der Melk und digital samt Angeboten und Programm unter https://kinderbuchhaus.at/

Zum bereits vor der Türe stehenden Frühling, aber auch zur zauberhaften Gartenlage des Kinderbuchhauses im Schneiderhäusl passt perfekt die Buchempfehlungs-Liste der STUBE zum Thema >>> Garten. Mit dabei selbstverständlich auch ein Buch von Renate Habinger.  

Wer im Garten Lust auf einen Insekten-Krimi oder andere Viechereien bekommt ist herzlich zur diessemestrigen Vorlexung zum Thema „Tierfiguren, Tier-Erzählungen, Tier-Hybride in der KJL“ eingeladen. Zu allen Informationen geht es >>> hier


Das Kröte-des-Monats-Logo können Sie hier für Werbezwecke in unterschiedlichen Formaten downloaden.
>>> jpg
>>> png
>>> gif

 


>>> hier geht es zu den Kröten 2023.

Die gesammelten Kröten der letzten Monate und Jahre finden Sie im >>> Krötenarchiv