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Österreichischer Kinder- und Jugendliteraturpreis 2008
Kollektion


 

Preis der Jugendjury
Helga Bansch: Ein schräger Vogel. Beltz & Gelberg

Kinderliteratur – das zeigt sich immer wieder – vermag es da und dort bunt zu treiben. Besonders bunt treibt sie es im Bilderbuch von Helga Bansch. Robert ist ein schräger Vogel. Egal ob im Nest, in der Schule oder an der Fluguniversität: Robert fällt auf. Die Schwarzen sind irritiert. Ja mehr noch: Roberts Extravaganzen werden sosehr zum Makel hochstilisiert, dass Robert vertrieben wird.
Helga Bansch ist bekannt für die Intensität, mit der sie ihre Farben einsetzt. Diese Intensität behält sie in „Ein schräger Vogel“ auch dann bei, wenn sie farbliche Eintönigkeit ins Bild setzt. „Edles schwarz wohin man schaut“ heißt es, wenn diese Konformität künstlerisch variiert wird. Doch so ganz ohne Buntheit ist das Leben ziemlich öde – da sind auch die Schwarzen ganz froh darüber, dass sich Widerstand in den eigenen Reihen regt … und es sich letztlich um eine gelb-orange-rot-weiß-rosa-lila-grüne Geschichte über Vielfalt und Toleranz handelt.

 

 

Heinz Janisch / Artem: Schatten. Bajazzo

Manche Autoren werfen lange Schatten. Heinz Janisch ist einer von ihnen. Mit drei Büchern war er allein beim Preis bzw. in der Kollektion 2008 vertreten. Bevor aber vor Demut die Bewegungslosigkeit einsetzt, begleiten wir Sven, den Helden aus „Schatten“ auf seiner hochsommerlichen Runde durch eine Stadt, die sich der Siesta hingegeben hat. Dass unter der Oberfläche viel los ist, zeigen die Schatten der Menschen, Tiere und Gebäude, die ein spannungsreiches Eigenleben führen. Da wird aus einer kleinen Katze ein großer Hund, aus einem schüchternen Paar ein sich küssendes und am Ende aus Sven ein Affe mit Hut. Der Künstler Artem ist quasi der Schatten des Textes von Janisch: Seine Bilder hängen so wenig an ihm wie die Schatten an den Figuren, sie haben viel Freiraum und bleiben doch immer auf den Text bezogen. Dieses ungewöhnliche Zusammenspiel von Text und Bild lässt das Buch in einem schönen Schwebezustand zwischen Traum und Wirklichkeit verharren.

 

 

Friedl Hofbauer / Linda Wolfsgruber: Geduld bringt Frösche. Bibliothek der Provinz

"Manchmal haben die Dotterblumen am Bach Gesichter.
Dann sagen sie: 'Schau, die Libelle!'
Dann sagen sie 'Schau, die Forelle!'
Dann sagen sie: 'Forelle und Libelle reimen sich!'
Darauf sage ich: 'Sie reimen sich und sie fressen alle beide Mücken.'[…]“

Zusammengestellt werden in „Geduld bringt Frösche“ kurze Erzählungen und Gedichte, die sich allesamt ein wenig widerständig zeigen. Ihre ganz besondere Wirkung erhalten sie jedoch, indem sich die Breite ihrer Sprachassoziationen im Umfeld bildnerschicher Assoziation entfaltet. Ein Kunstprojekt der ganz besonderen Art ist das Ergebnis. Linda Wolfsgruber kombiniert Fotoästhetik mit Radierungen, collagiert Stilmittel und Materialien; sie bricht die scheinbare Klarheit der Gedichte und Geschichten auf und macht sie damit auf ganz neue Art lesbar.

 


Johann Wolfgang von Goethe / Jens Thiele: Erlkönig. Bibliothek der Provinz

Balladen gelten gemeinhin als Literaturform der Vergangenheit – hatten wir mal auswendig zu lernen, aber sonst? Dass der Abgrund, den eine Ballade von Goethe zur Sprache bringt, auch heute noch unglaublich tief ist, diese Erkenntnis verdanken wir dem Illustrator Jens Thiele. Mehr als zweihundert Jahre nach seiner Entstehung ist sein "Erlkönig" mit Illustrationen erschienen, in denen die Konfrontation mit dem Grauenhaften und die verzweifelte Angst aufs Trefflichste anschaulich und fühlbar gemacht werden. Auf der nächtliche Landschaft als Bühne wird hier ein Stück inszeniert, das die Zerissenheit der Figuren durch die Technik der Collage auch intuitiv nachvollziehbar macht. Der immer weiter sich zurückziehende Blick des Jungen, der immer gehetztere des Vaters und der durch und durch unheimliche Blick der personifizierten Natur wird uns noch lange in seinen Bann ziehen, trotz des letzten Bildes, das einen Ausblick in eine andere, schönere Welt gibt.

 


Heinz Janisch / Aljoscha Blau: Der Ritt auf dem Seepferd. Aufbau Verlag

In ihrem ersten gemeinsamen Bilderbuch „Rote Wangen“ haben Heinz Janisch und Aljoscha Blau die Rückerinnerung eines Kindes an seinen verstorbenen Großvater mit den literarischen Mitteln einer Lügengeschichte erzählt. Insofern ist es nur konsequent, dass sich ihr zweites Bilderbuch um den Lügenbaron Münchhausen dreht. „Der Ritt auf dem Seepferd“ übernimmt das Spiel mit der Lügengeschichte jedoch bis hinein in den Paratext: Im Vorwort schildert Heinz Janisch, wie es dazu gekommen ist, dass sich den eigentlich zu St. Petersburg entstandenen Geschichten nun einige hinzugesellen, die 1778 in Wien zu Papier gebracht wurden – und bisher verschollen waren.
Und so ist es dem in Wien lebenden Heinz Janisch und dem aus St. Petersburg stammenden Aljosha Blau nun möglich, bekannte und unbekannte Abenteuer des Münchhausen zu präsentieren. Sie tun das in Text und Bild mit der Üppigkeit der ihnen zu Verfügung stehenden Mittel, setzten ihre Stilformen exakt ein und schaffen so eine bibliophile neue Variante eines alten Stoffes.

 

Beate Kirchhof / Katja Bandlow: Frieda und ihre Brüder. Picus

„Erzählt mir, wie alles anfing“ – so fängt für Frieda jeder Geburtstag an, auch der siebte, im Bett mit Mama und Papa. Und ihre beiden Brüder bringen das Frühstück. So kuschelig sind nicht alle Geschichten in Beate Kirchhofs „Frieda und ihre Brüder“. Da wird nämlich aus der Sicht der Heldin über einen ganz gewöhnlichen Familienalltag erzählt: Über das Einschlafen: „Keiner will dann, wenn die anderen finden, jetzt wäre gut.“ Über kranke Zeiten: „Es geht uns sehr schlecht. Wir haben Magen-Darm“ oder über das Schwimmen-Lernen beim Kacke-Felsen. Oft kommt es zu kleinen Streiteren zwischen den Kinder, immer aber ist da ein zärtlicher Grundton, der uns vermittelt: Es ist alles gut. Sehr gut. Deutlich wird das auch in Katja Bandlows Zeichnungen, in denen die Figuren und ihre Beziehungen zueinander trefflich in Szene gesetzt werden. Zusammen erzählen Autorin und Illustratorin nah am realen Alltag, bringen aber auch dessen Surrealität und Komik wunderbar zum Ausdruck.

 

 

Albert Wendt / Maria Blazejovsky: Prinzessin Zartfuß und die sieben Elefanten. Jungbrunnen

Hermine ist das Gegenbild so manchen Super-Models: Sie ist ein besonders schweres Kind, das auf besonders zierlichen Füßen wandelt.
Mit Hermine und ihrem Onkel Lysander schickt Albert Wendt in „Prinzessin Zartfuss und die sieben Elefanten“ ein kabarettistisch anmutendes, gemischtes Doppel auf eine märchenhaft ausgestaltete Alpenüberquerung – wobei Hermine den modernen Hannibal abgibt.
Als Buchversion eines einstigen Hörspiels fast durchgehend in pointierten Dialogen erzählt, wird eine Autopanne auf einem sehr steilen Berg geschildert – hervorgerufen durch einen Felssturz. Verwickelt sind darin auch sieben Elefanten, die von der empathischen Prinzessin Zartfuss mit königlichem Gestus aus dem Tohuwabohu hinausdirigiert werden und es der Illustratorin Maria Blazejovsky ermöglichen, farblich faszinierende Kontraste herzustellen.

 

 

Gerda Anger-Schmidt / Angelika Kaufmann: Wenn ich einmal groß bin, sagt das Kind. Bibliothek der Provinz

„Im Schatten der Birke das Kind, legt Stein um Stein …“ und singt „ganz leise sein erstes Lied“. Die Melodie ist uns Großen wohl bekannt, für das Kind aus „Wenn ich einmal groß bin, sagt das Kind“, und für alle lesenden Kinder ist das Zukunftsmusik: „Ich hab ein Baby im Bauch, …“ und „Wenn ich einmal Vater bin“ und wunderbar österreichisch „ …sagen wir, wir täten schon einen Beruf haben. Ganz aus der Perspektive des Kindes spielt Gerda Anger-Schmidt in ihrem Text mit dem Konjunktiv der Zukunft. Und die Bilder Angelika Kaufmanns unterstützen die Vielfalt dessen, was möglich ist und sein wird.
Leicht und oftmals bezogen auf das Alphabet, das eine der Grundlagen nicht nur des Erzählens sondern auch der Lebens ist, wird hier das Spiel in die Gestaltung miteinbezogen. Ein Buch voller Verheißungen für Kinder - für Erwachsene ein Fenster in das Land Kindheit.

 

 

Celia Barker Lottridge / Linda Wolfsgruber: Das Leben Jesu. Aus dem Englischen von Klaus Gasperi. Tyrolia

Eine Jesus Figur, die sich den zahlreichen Vorgaben aus Kunst, Literatur, Film und Popkultur entzieht? Die Künstlerin Linda Wolfsgruber schafft auch das: Für „Das Leben Jesu in Geschichten und Bildern“ entwirft sie eine bewusst androgyn gestaltete Figur, die in allen Szenen über ihr spezifisches Kleid identifizierbar bleibt. Celia Barker Lottridge führt Passagen aus den vier Evangelien zu einer chronologischen Geschichte über das Leben Jesu zusammen, die von Klaus Gasperi nah am biblischen Text verlaufend übersetzt und adaptiert wird. Linda Wolfsgruber legt in Korrespondenz dazu faszinierende Ausdeutungen der biblischen Szenen vor, schöpft aus dem Reichtum der Kunst- und Kulturgeschichte und zeigt dabei ein ganz besonderes Interesse an Farben, Mustern und Stoffen, die in die erzählte Zeit zurückweisen.

 

 

Carolin Philipps: Der Baum der Tränen. Ueberreuter

Ein Baum steht im Hof der Casa del Migrante in Tijuana, keine 200 Meter von der mexikanisch-amerikanischen Grenze weg. Hier kommen Menschen zusammen, die beseelt sind von der Hoffnung auf ein Leben jenseits der bitteren Armut in einem Paradies, das für sie auch jenseits der streng bewachten Grenze liegt. Und der Baum, sagt einer von jenen, die entweder rüberwollen oder gerade zurückgeschickt wurden, der Baum „braucht keinen Regen. (…) Er wächst allein durch unsere Geschichten und die vielen Tränen, die hier schon geflossen sind.“
An diesem Ort und im Angesicht des Calaveras, des Totenschädels des Vaters, lässt Carolin Philipps in „Der Baum der Tränen" ihren Helden Luca erzählen: Über die eigene Flucht durch die Wüste und über die Grenze und die seiner Familie, über den Tod des Vaters, an der einer seiner Brüder mitschuldig ist, über die Ausbeutung der Migranten in den grenznahen Tomaten-Plantagen und den Alltag jener, die illegal in Los Angeles leben. Dramaturgisch geschickt, sachlich und berührend lässt sie die LeserInnen Anteil haben am Leben jener, die wissen: „Die Heimat des Migranten ist das Land, das ihn ernähren kann.“

 

 

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