Gerda Anger-Schmidt / Renate Habinger: Muss man Miezen siezen? Residenz
Muss man Miezen siezen?
Dieser und anderen durchaus lebensrelevanten Fragen – wie: Haben Henker herdenweise Hutschpferde hingerichtet? – geht das arrivierte Damenduo, das bereits für „Neun nackte Nilpferddamen“ mit einer Auszeichnung bekleidet wurde, in einem neuen buntgemixten Lyrikband nach. Man trifft hier nicht nur auf hängen gelassene Kätzchen, sondern auch auf coole Kater, auf Dackeldamen und BiberBernhardiner, auf Zwergalligatoren und Partytiger.
In geordneter Unordnung wird vom Anagram bis zum Zungenbrecher Sprachakrobatisches aller Art wie in einem Notizbuch gesammelt und mit gestalterischer Raffinesse präsentiert. Ob Gerda Anger-Schmidt und Renate Habinger chaotische Couchpotatoes sind weiß ich nicht; ideenlose Illustrierten-Heinis sind sie jedoch mit Sicherheit nicht.
Dick Walda: Das Geheimnis der Nachtwache: Aus dem Niederländischen von Andrea Marenzeller. Jungbrunnen
[cover] „Leidet ihr unter Flöhen oder Läusen? Hört! Legt einen ordentlichen Vorrat Rossäpfel unters Bett und am nächsten Tag ist das Ungeziefer verschwunden. [] Habt ihr faule Zähne? Nehmt einen lebenden Frosch in den Mund. Er geht der Fäulnis zu Leibe. Den Frosch nicht, ich wiederhole, nicht schlucken, sondern wieder im Graben aussetzen.“ Der hier so tierisch heilt, ist ein Quacksalber und Messerwerfer, neben dem Sohn eines Spielmanns und Meister Rembrandt eine der Hauptfiguren in Dick Waldas „Das Geheimnis der Nachtwache“. Der Roman erzählt an Hand der Entstehung des berühmten Gemäldes über Amsterdam im Goldenen Jahrhundert: So viel Reichtum und Armut, soviel Glanz und Elend. Die Stadt ist laut, sie ist dreckig, das Leben ist schnell. Auch schnell vorbei. Ruhig wird es nur, wenn wir Rembrandt beim Malen zusehen, wenn er mit Hell und Dunkel Wirklichkeit schafft. Von den Kontrasten leben seine Bilder – und von den Kontrasten lebt der Roman, bei dessen Lektüre klar wird: Nur komplexe Figuren sind wahrhaftig. Nur Figuren, die im Licht UND im Schatten zuhause sind.
Dagmar H. Mueller / Verena Ballhaus: Herbst im Kopf. Oma Anni hat Alzheimer. Annette Betz
Licht und Schatten sind nicht nur kunstgeschichtliche Kategorien; mit ihnen lassen sich auch die Licht- und Schattenseiten des Alltags beschreiben – dann zum Beispiel, wenn ein Mensch Alzheimer hat und die Gleichzeitigkeit von Wissen und Vergessen gerade aus kindlicher Sicht schwer zu verstehen ist. Paula versucht das Krankheitsbild ihrer Oma mit einem Lebensbaum zu beschreiben, an dessen unteren Blättern die Erinnerungen an ihre Kindheit fester befestigt sind, während der Herbst im Kopf die oberen Blätter als erstes wegbläst. Omi Anni weiß noch sehr genau in welchem Haus sie als Kind gewohnt hat, vergisst aber jeden Tag aufs Neue, wie man Kaffee kocht. Ganz der kindlichen Perspektive verpflichtet, wird das Auf und Ab im Leben mit einem an Alzheimer erkrankten Menschen in Bild und Text sensibel und respektvoll nacherzählt. LebensSpuren nennt sich ein Projekt des Österreichischen Bibliothekswerks, das versucht, Alter im literarischen Kontext sichtbar zu machen. Dagmar H. Mueller und Verena Ballhaus haben dazu einen bemerkenswerten kinderliterarischen Beitrag geleistet.
Lázló Varvasovszky: Das Bärenwortspielbuch. Bibliothek der Provinz
Zwei Bären liegen sehr entspannt in der Landschaft herum. Sagt der eine Bär: „Also: Das Spiel geht so: „Du musst ein Wort finden, in dem „Bär“ vorkommt. Was so einfach und ansatzlos beginnt wie ein Witz, allerdings viel länger anhält und ungleich mehr Pointen hat, ist das im Verlag Bibliothek der Provinz erschienene „Bärenwortspielbuch“, für das sich der Künstler Laszlo Varvasovzsky jedenfalls einen Lorbär verdient hat. Für seinen Ideenreichtum nämlich, für den lustvollen und respektlosen Umgang mit der Sprache und für die pointierte Umsetzung in so albärne wie bärückende Bilder. Dass ein Spiel fröhlicher, vielfältiger und geistreicher wird, wenn man andere mitspielen lässt, und dass ein Regelbruch bisweilen unentbärhlich ist, merken wir beim Lesen spielend. Und kommen zu dem Schluss, dass das auch für das Leben gilt. - Ein bärauschender Nachmittag, für die Bären wie für uns, und alle können wieder entspannt in der Landschaft herumliegen.
Erinnern Sie sich noch an diese Grußkarten der 1980er Jahre mit weisen Sprüchen wie: Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad? Es geht um Möglichkeiten und Unmöglichkeiten wenn wir diesem Fisch in eine Geschichte über das Macht haben und Macht ausüben folgen. Das Symbol der Macht ist die Krone – und diese Krone sucht hier ihren symbolischen König. Doch dort wo Erwachsene diese Königskrone aufgesetzt bekommen, bleiben Kinder scheinbar gezwungenermaßen zurück. Immer wieder sammeln sich in den perspektivfreudigen Illustrationen die abgelegten Figuren einer Kinderwelt fast unbemerkt im Hintergrund. Ein Glück, dass es da noch Fische auf Fahrrädern gibt und Bilderbuchkünstlerinnen und –künstler wie Heinz Janisch und Helga Bansch, die für kreative Freiheit und damit auch für Gedankenfreiheit sorgen.
Gudrun Sulzenbacher / Detlef Surrey: Vom Büchermachen. Wie der Ötzi ins Buch kam. Folio
Was ist ein Zwiebelfisch? Pflanze oder Tier? Und ist er genießbar? Wird er vielleicht von einer Witwe für einen Schusterjungen zubereitet? Oder gar für ein – oha – Hurenkind? Kommt Ihnen das jetzt seltsam vor, tönt ihnen das nach Kochbuch oder Märchen oder gar sehr trivial? Tja – das seltsame Pflanzentier und die eigenartigen Gestalten treten in einem Buch auf, das hier bepreist wird, weil es anschaulich übers Büchermachen erzählt: Von der Idee zu einem Buch, über Recherche, Schreiben, Herstellung und den weiten Weg zu den LeserInnen wird fachkundig berichtet.Und, nebenbei: Bei der Lektüre wird Ihnen nicht mehr als dieser eine Zwiebelfische begegnen – auch der Schusterjunge bleibt ein Einzelstück; beide hat Gudrun Sulzenbacher nur aus einem Grund ins Buch „Vom Büchermachen “ reingeschrieben: Auf dass wir klüger werden.
Edith Schreiber-Wicke / Carola Holland: Zwei Papas für Tango. Thienemann
Pinguine, so ist man geneigt zu glauben, leben in großfamiliären Verbänden. Verliebte Pinguinpärchen hingegen, sieht man in unseren Breiten relativ selten. Und ganz besonders selten sieht man Pinguinpärchen, bei denen es sich um zwei potentielle Papas handelt. Zwei Papas, wo gibt’s denn so was? mögen manche fragen und dieses Bilderbuch antwortet: Na hier! Im rosalila Geiste und in gekonnt reduzierter Darstellungsform wird hier eine Pinguingeschichte hier einmal andersrum erzählt.
Für dieses Buch erhielten Edith Schreiber-Wicke und Carola Holland in Gleisdorf auch den Preis der Kinderjury.
Carl Norac / Carl Cneut: Monster, friss mich nicht! Aus dem Französischen von Pauline Katz. Residenz
Wenn Schweine in Großfamilien leben, sind es glückliche Schweine. Doch auch auf solche fällt bisweilen ein Schatten, das zeigen Carl Norac und Carll Cneut in „Monster friss mich nicht “. Alex isst gerne eine Kleinigkeit zwischendurch. Mama meint: Vor dem Essen nascht man nicht. Und: Geh dich waschen, aber schnell! [bild] Auf dem Weg trifft das Ferkel auf wundersame Tiere, leckere Früchte und ein Monster, das auch gerne isst.
Von der Lust am Essen erzählt dieses Bilderbuch in dick aufgetragenen, opulenten, nahezu barocken Bildern in satten Farben, in denen man lustvoll schwelgen kann, ohne dick zu werden. Zwar überlebt Alex sein Abenteuer nur aus dem Grund, weil auch Monster Mütter haben, die ihre Kinder nicht gern naschen sehen. Die Botschaft allerdings, dass Mütter immer recht haben, ist nur eine mögliche. Wir lesen nämlich auch: zum Glück braucht es immer die Lust.
Andrea Karimé / Annette von Bodecker-Büttner: Nuri und der Geschichtenteppich. Picus
Die Monster, die durch diesen Kinderroman geistern, sind im Vergleich zum Vorgängerbuch wahrlich unappetitliche Zeitgenossen. Schwarzzahnmonster nennt Nuri sie in ihren Briefen und Geschichten. Die Geschichten erfindet Nuri, ganz kindliche Scheherazade, um sich unliebsame Klassenkollegen vom Leibe zu halten. Die Briefe schreibt sie an ihre Tante, die im Irak zurück bleiben musste, während Nuri mit ihren Eltern nach Deutschland fliehen konnte. In einem Leben, das auf für Nuri ungewohnte Art nicht vom Krieg, wohl aber von großer Unsicherheit geprägt ist, verschafft ein Geschichtenteppich dem Mädchen festen Boden unter den Füßen. Aus diesem Teppich liest sie ihre Geschichten heraus, die gemeinsam mit der literarisch vielschichtigen Geschichte von Nuri an uns weitergeben.
Linda Wolfsgruber: Das Nacht-ABC. Sauerländer
„Am Tage sehn wir wohl die schöne Erde, doch wenn es Nacht ist, sehn wir in die Sterne“ hat Heinrich von Kleist gedichtet. Nachttieren und Nachtschwärmer ist es vorbehalten, diese von den Sternen beleuchtete und daher nie schwarze Welt voller Wunder zu sehen. Linda Wolfsgruber weiß um die unterschied-lichen Farben der Nacht ebenso wie sie in vielen Techniken des Illustrierens versiert ist. Sie hat im „Nacht-ABC , erschienen bei Sauerländer, den Leuchtkäfer Conrad auf seinem Flug begleitet: Am roten Faden des Alfabets sich orientierend zieht er – Abends wenn die Lichter ausgehen – los, trotzt Ungeheuern, Räubern und Quälgeistern, huldigt der Königin der Nacht, winkt dem Sandmännchen, umschmeichelt einen kleinen Langschläfer und einen großen Schlafwandler, zählt viele Schafe, um sich frühmorgens nach dem ersten Weckruf neben dem Glühwürmchen Zita zur Ruhe zu begeben. Und wir wissen: Es war eine gute Nacht!