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Österreichischer Kinder- und Jugendliteraturpreis 2007

Bilderbuch
Jutta Treiber / Jens Rassmus: Der Großvater im rostroten Ohrensessel. Dachs Verlag

Es gibt im Bilderbuch die schöne Tradition der Zwischenwesen: Figuren die im Text eigentlich gar nicht vorkommen, durch die Illustrationen aber zu fixen Bestandteilen der Geschichte werden – und oft ihre eigenen Geschichten erzählen. Solche Figuren gehören der Fantasie- und Vorstellungswelt des Kindes an, oder auch seiner Spielwelt. Wenn zum Beispiel der Großvater im rostroten Ohrensessel sitzt – der Großvater ist übrigens ein nach steirischem Vorbild gestalteter, begnadeter Vorleser – ist auch ein Plüschhase eingebunden ist in das vertraute Miteinander zwischen ihm und dem Kind, das diese Bilderbuchgeschichte erzählt.
Neben dem rostroten Ohrensessel sieht man aber auch einen Teddybären, der scheinbar mitliest. Man sieht eine Schildkröte: sie wirkt unbeteiligt und doch nicht unglücklich; und wenn man genau hinsehen, entdeckt man im Hintergrund ein vielleicht lauerndes Krokodil und und ein Pferd mit Reiter in staunender Korrespondenz mit einem Schaf.

Diese Figuren spechteln immer wieder mal herüber in die Welt von Großvater und Kind – müssen aber dort am Rand stehen bleiben, wo sich die Welt des Kindes deutlich verändert. Dort nämlich wo ein ganz anderer Großvater seinen Platz bekommt: einer, der nicht immer Zeit hat, der nicht im rostroten Ohrensessel sitzt und freundlich und sanft ist, sondern einer, der im Krankenhaus ist, der im Rollstuhl sitzt und ein bisschen zittert. „Ich möchte ihn so lieb haben wie früher, aber ich habe ihn jetzt so traurig lieb.“ heißt es über ihn.

Jutta Treiber lässt offen, ob es sich beim Großvater im rostroten Ohrensessel um eine erinnerte oder eine erträumte Großvaterfigur handelt. Begleitet von ihrem Hasen swicht das Kind gedanklich hin und her zwischen zwei Welten; Jutta Treiber und Jens Rassmus lassen Sehnsucht und Fantasie dabei ineinander fließen, ermöglichen die wechselseitige Deutung der Welten durch deren auch ganz unterschiedliche gestalterische Konzepte. Sie erzählen eine stille Bilderbuchgeschichte – und bedienen damit ein in einer lauten Welt sehr selten gewordenes Genre.

 

Kinderbuch
Michael Stavaric / Renate Habinger: Gaggalagu. Verlag kookbooks

Das Schaf Grete, Herr Lüttich der Sittich, Wassili das Pferd aus Russland oder Pjotr, der Frosch aus Lubosz geben in diesem Buch den Ton an und vor: Sie reden wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – und das hängt nicht nur von der Beschaffenheit des Schnabels ab, sondern auch davon, in welchem Land sie leben. Tierische Sprachverwirrung als literarisches Spiel, das ist „Gaggalagu“ von Michael Stavaric und Renate Habinger. Auf der literarischen Landkarte ist dieses Buch eindeutig in jener Tradition zu verorten, die sich – mit einem Begriff Wittgensteins auch als „Sprachspiel“ bezeichnet – in Österreich seit dem Beginn der 2. Republik in Texten aller Gattungen für LeserInnen unterschiedlichen Alters manifestiert hat. In der Kinderliteratur war das „Sprach-bastelbuch“ ein erster Höhepunkt, es wurde i.ü. 1975 ebenfalls mit diesem Preis ausgezeichnet.

Wie jedes herausragende Buch bringt auch „Gaggalagu“ die Tradition, in der es steht, ein Stück weiter. Michael Stavaric, als Immigrant mit dem System Sprache schon früh außerordentlich konfrontiert, schreibt nicht explizit sprachspielerisch, sondern das Sprachspielerische ist seinen – auch den für Erwachsene geschriebenen – Texten eigen. Sie haben einen Ton, den der Autor – wie Ulrike Matzer in einem Beitrag für „1000 und 1 Buch“ formuliert hat – „zwischen Prosaischem und Poesie“ zu finden versucht, in einer Sprache, die stark vom Rhythmus und seinem Wechsel geprägt wird, von einem ganz bestimmten Sound . „ Die Wörter müssen sich gut anfühlen im Mund.“ Sagt Stavaric selbst. Und das tun sie. Hier ist nicht nur der Sinn wichtig, sondern alle Sinne sollen etwas davon haben. [pferd] Mit Renate Habinger hat sich eine Illustratorin, nein, vielmehr eine Buchkünstlerin gefunden, die wie Stavaric einen Hang zum Außergewöhnlichen und abstrus Witzigen hat. Sie hat die 14 funkelnden Geschichten bebildert, die Tiere aufs wunderbarste in verschiedenste Weltgegenden versetzt. Sie hat Grenzen gezogen, mehr noch aber verschoben oder aufgehoben. Sie hat die Dynamik, den Rhythmus von Stavarics Text aufgenommen, weitergesponnen, beschleunigt oder sich auch mal dagegengestemmt. Sie hat dem ganzen Buch seine Gestaltung gegeben. Wie heißt es ganz unbescheiden hinten im Buch: „ Michael Stavaric ist voller Liebreiz!“ und: „Renate Habinger ist ein Gute!“

Wir sind auch dieser Meinung. Und enden mit einem Ratschlag von Pjotr dem russischen Pferd: „… Licht aus, Applaus“

 

Jugendbuch
Robert Klement: 70 Meilen bis zum Paradies. Verlag Jungbrunnen

Sehnsucht ist ein zentraler Begriff in Robert Klements im Jungbrunnen Verlag erschienenen Buch „70 Meilen zum Paradies“, das in Tunesien, auf Lampedusa und schließlich in Crotone in Kalabrien angesiedelt ist – Orte, die sich in unseren Ohren nach Paradies anhören, nach Urlaubsparadies. Für die Heldinnen und Helden in Klements dokumentarischem Roman meint Paradies etwas anderes: Einen Ort nämlich, an dem ein Leben ohne Krieg, ohne Angst, ohne Hunger, ein Leben in Würde möglich ist. Sie sind aus Somalia, Angola oder anderen Ländern Afrikas geflohen, haben bei ihrer Ankunft in Tunesien schon die Überquerung des halben Kontinents hinter sich, sie glauben, dass nur mehr 70 Meilen sie vom Paradies trennen.

Ab diesem Augenblick sind wir mit Klements Roman dabei: Wir sehen zu, wie 57 Menschen die knapp 130 Kilometer Meer auf einem schrottreifen Fischkutter ohne Kapitän überqueren. Und wir können nicht abschalten. Wir müssen zusehen, wie die Überlebenden in Europa ankommen, wie sie im Ferienparadies Lampedusa in einem Auffanglager wie Tiere leben müssen, wie die meisten zurückgeschickt werden nach Afrika, wie einigen wenigen Asyl gewährt wird, und wie sie auf den süditalienischen Gemüseplantagen ausgebeutet werden. Wir sind dabei, wenn sie sterben – oder, schlimmer noch – wenn sie sich wünschen, zuhause oder auf der Überfahrt gestorben zu sein. Wir hören zu, wenn ein 14-jähriges Mädchen während eines Sturmes auf hoher See schluchzt: „Ich will wieder heim nach Somalia“ – wo kurze Zeit vorher ihre Mutter und Schwester bei einem Granatenangriff auf ihr Haus gestorben sind.

Man läuft Gefahr, pathetisch zu werden beim Reden über dieses Buch, das selbst frei von Pathos ist. Es ist ein stilles Buch, das sachlich und genau von einer Realität erzählt, die zum Himmel schreit. „Man muss der Leserin und dem Leser die Wahrheit sagen, auch wenn sie schmerzlich ist.“ hat Robert Klement in einem Gespräch gemeint – und damit die große Ingeborg Bachmann zitiert mit ihrem Diktum „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. Bei Bachmann heißt es : Es kann „nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muß ihn - im Gegenteil - wahrhaben und noch einmal, damit wir sehen können, wahrmachen.“ Robert Klement hat das getan.

 

Sachbuch
Sigrid Laube / Nadia Budde / Barbara Mungenast
Wolfgang Amadé Mozart. Ein ganz normales Wunderkind. Verlag Holzhausen

Rokoko: Dieses Wort klingt, seien wir ehrlich, so als würde es eine etwas abartige Abteilung im Zoo bezeichnen. Das Rokoko jedoch hat im engeren Sinn nichts mit Tieren zu tun – zumindest mit keinen, die mit freiem Augen sichtbar wären. Wenn man jedoch ein Wunderkind ist, und begeistert einer europäischen Öffentlichkeit präsentiert wird, mag man sich manchmal durchaus vorkommen wie im Zoo. Ein Wunderkind – was ist das? wird in einem der ersten Kapitel des Sachbuchs „Wolfgang Amadé Mozart. Ein ganz normales Wunderkind“, herausgegeben vom Da Ponte Institut Wien und erschienen im Verlag Holzhausen, gefragt und erklärt: so bezeichnet man Menschen, die bereits im frühen Kindesalter ganz erstaunliche Fähigkeiten besitzen. In Mozarts Fall hieß das: Ein Stück vom Blatt spielen, ohne es je gehört zu haben, ein Lied begleiten, das man nicht kennt, improvisieren, Variationen eines Themas erfinden, sich Musikstücke ausdenken. Und das alles noch bevor man schulreif ist.

Es ist eine Stärke des Buches, dass vom Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart weder erzählt wird, als würde man durch ein Kuriosenkabinett wandern, noch als würde man sich der Herzigkeit eines Kinderlebens widmen. Die Biographie des Wunderkindes wird einerseits ganz deutlich in die Zeit gestellt, in der Mozart gelebt hat; und andererseits wird dabei der Blick auf das Wesentliche – die Musik – immer beibehalten. Und das obwohl eine Fülle an Material geboten wird, mit der Mozarts historisches, soziales und kulturelles Umfeld beschrieben wird. Innovative Museumspädagogik und kreative Buchgestaltung finden zueinander wenn

das Ständesystem des 18. Jahrhunderts mit Hilfe eines Karten-Quartetts begreiflich gemacht wird,
wenn die Schilderung der Lebensart des 18. Jahrhunderts mit einem Originalrezept zum Nachkochen erweitert wird
wenn Mozarts Europareise als Würfelspiel präsentiert wird
wenn das naturwissenschaftliche Umfeld durch einfache physikalische Experimente begreifbar gemacht wird.

Im Kontext der Naturwissenschaften landen wir dann übrigens doch wieder im Tiergehege. Nikolaus von Jacquin, so wird berichtet, wurde von Kaiser Joseph II. auf eine lange Expedition geschickt. Sie dauerte fünf Jahre und er brachte viele bis dahin unbekannte Tiere nach Wien.

Zeitdokumente – so sieht man sehr schön auf der entsprechenden Doppelseite – werden nicht nur präsentiert; sie werden durch Nadja Buddes schräge Illustrationen aus unserer Zeit implizit kommentiert. Das Historische bleibt in seiner Bedeutung bestehen und wird von Sigrid Laube und Barbara Mungenast doch mit heutigem Verständnis, heutigem Humor und der Variationsbreite heutiger Gestaltungsformen präsentiert.