Mit dem Vortrag von Dr. Caroline Roeder (FernkursteilnehmerInnen bestens bekannt als Skriptenautorin und Tagungsreferentin) "Mutmaßungen über Jakob H. – Topographie und literarischer Stadtplan – Berlin nach 1989" war die Tagung schließlich in der Mitte der Kinderliteratur angelangt, nämlich in Berlin, das als literarischer Schauplatz in "Beschützer der Diebe" von Andreas Steinhöfel und "Jakob heimatlos" von Benno Pludra gezeigt wurde. Caroline Roeder verwies in ihrer Analyse auf Aleida Assmanns Diktum von "Geschichte findet Stadt": Die Stadt wird zum Geschichtsspeicher, zur Kreuzung von Zeit und Raum, die wiederum in den Texten an symbolträchtigen Orten wie dem Bahnhof Zoo oder dem Pergamonmuseum festgemacht wird.
Prof. Dr. Jens Thiele zeigte in "Bilder aus der Lumpenkiste. Klaus Ensikats Plädoyer für eine sozialkritische Bildkultur" wie sich die Wende auch in der Bildgestaltung dieses Illustrationskünstlers zeigte. Seine These lautete, dass Ensikat über die Wende hinweg seine Auffassung von Kategorie Bild modifiziert habe, indem die Orte in seinen Bildern deutlicher als zuvor von gelebter Geschichte erzählen. Setzte er in früheren Arbeiten seine Figuren oft in leeren Raum, sind seine Bilder nach 1989 stärker sozialkritisch akzentuiert und erzählen von deutscher Realität. In seiner Bildkomposition begibt er sich auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit, nach Dingen, Requisiten und Stimmungen, die mit Alltagsleben in der DDR verbunden waren.
Der letzte Halbtag war schließlich der Außensicht auf die Wende in den Literaturen anderer europäischer Länder gewidmet. Prof. Dr. Emer O'Sullivan (ebenfalls bewährte Fernkurs-Autorin und Referentin) zeigte in "Over Here and Over There: Das Deutschlandbild in der britischen Literatur vor und nach der Wende" anknüpfend an Schlaglichter aus der aktuellen Wahrnehmung Deutschlands in Großbritannien an Textbeispielen, wie sehr die NS-Zeit immer noch weit mehr als die Wende als Thema in der Unterhaltungskultur dominiert. Als aktuelles Gegenbeispiel diente Mark Ravenhills neuestes Stück "Over There", das anlässlich des Jahrestages des Mauerfalls verfasst wurde und als eindrückliches Bild von ost-west-deutschen eineiigen Zwillingen erzählt. Aufschlussreich war auch der von ihr eingebrachte Begriff "alternate history", Texte wie Michael Cronins "Against the day" oder Terrence Dicks "SS World" (beide 1998 erschienen), die imaginieren, wie die Geschichte verlaufen sein könnte, wäre der Zweite Weltkrieg anders ausgegangen.
Nach Aspekten der niederländischen Wahrnehmung von Deutschland nach dem Mauerfall, die Kirsten Waterstraat unter dem Titel "(K)Ein neuer Blick? Deutschland nach dem Mauerfall in der niederländischen (Kinder- und Jugend)Literatur" präsentierte, wurde die Tagung mit einem Beitrag des polnischen Germanisten Prof. Dr. Jacek Rzeszotnik beschlossen. Das schwierige deutsch-polnische Verhältnis zeigt seine Spuren auch im "Deutschland- und Deutschenbild in der polnischen spekulativen Nachwendeliteratur für Jugendliche", das im Zentrum seiner Ausführungen stand. Er zeigte, wie in populären Texten für Jugendliche alte und neue Bilder von "den Deutschen" koexistieren und interferieren.
Das kulturelle Rahmenprogramm der Tagung wagte den Spagat zwischen Literatur und Unterhaltungskultur: Eine Lesung von Claudia Rusch aus ihrem Buch "Aufbau Ost" und das gemeinsame Anschauen des Fernsehfilms "Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen" boten Möglichkeiten, Aspekte des Tagungsthemas direkt aufzugreifen und zu diskutieren. Die darin enthaltenen Cliffhanger verweisen auf Fortsetzung…
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