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Grenzenlos. Nachwendegeschichte(n) in (Kinder-und Jugend-)Literatur und Medien

 

 

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sind die ersten Generationen erwachsen, die das Leben im geteilten Deutschland nur mehr als kurzen Teil ihrer Kindheit oder gar nicht mehr erlebt haben. Sie kennen diese Zeit nur noch aus Erzählungen. Damit wird die Frage virulent, wie verschiedene Bilder dieser Epoche deutscher Geschichte in Medien und Literatur für junge LeserInnen vermittelt werden. Diesem Thema widmete sich eine wissenschaftliche Tagung der Forschungsstelle Kinder- und Jugendliteratur der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg unter der Leitung von Prof. Dr. Ute Dettmar, die 2008 in der Nachfolge von Prof. Jens Thiele die Leitung der Forschungsstelle übernommen hat.

In ihrer Einführung ins Tagungsthema stellte sie ein anschauliches Beispiel vor, wie Medien als kommunikatives Gedächtnis funktionieren: Der Comiczeichner Flix veröffentlichte im "Tagesspiegel" unter dem Titel "Da war mal was" Erinnerungen an die Zeit der DDR. Daraus ergaben sich zahlreiche Gespräche mit FreundInnen und Bekannten, die dadurch angeregt ebenfalls in ihren Erinnerungen kramten, die Flix wiederum in kurze Comicepisoden umsetzte. Beispiele von "Da war mal was" (die auch in Buchform bei Carlsen erschienen sind) schmückten nicht nur den Tagungsraum, sondern sind auch online unter http://dawarmalwas.de/ nachzulesen.

Zentral für die Diskussionen und Erkenntnisse der Tagung war die interdisziplinäre Perspektive, die an dieses vielschichtige Thema angelegt wurde: So stellte der Sozialwissenschaftler Dr. Thomas Ahbe (auf dessen Arbeiten auch in der Schwerpunktnummer des "Standard" zum Thema Mauerfall verwiesen wurde) in seinem Vortrag "Die diskursive Konstruktion der Ostdeutschen. Medienbilder, Gegen-Diskurse und Ostalgie" diskursanalytische Studien vor. Deutlich wurde dabei, wie sehr der mediale Diskurs über die Wende westdeutschem Problemverständnis und westdeutschen Wertvorstellungen folgt. Die vielzitierte Ostalgie deutet er als Phänomen, das zwar zunächst von Werbebranche aus kommerziellem Interesse erfunden, dann aber als Laiendiskurs weitergeführt und wiederum als umfangreiches Geschäftsfeld (vom T-Shirt bis zum Designerprodukt) entdeckt wurde. Gleichzeitig sieht er darin aber auch einen Versuch, die "kommunikative Schieflage" des Diskurses auszugleichen und die Verarbeitung des plötzlichen Umbruchs zu unterstützen.

Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Carsten Gansel zeigte unter dem Titel "Atlantiseffekte in der Literatur? Zur Inszenierung von Erinnerung an die verschwundene DDR" die Rolle von literarischen Texten für eine Pluralisierung der Erinnerung, die auch marginalisierte Erfahrungen zu thematisieren vermag. Während es zunächst Filme waren, die Ende der 1990er Jahre an die DDR erinnerten, ermöglicht die Sprache literarischer Texte späterer Jahre eine profundere Auseinandersetzung, wie er in seiner Analyse narratologischer Aspekte zeigte. Um vergangene Erfahrungen in einen sinnstiftenden Bezug zur Gegenwart zu stellen, wird in Texten zur Erinnerung oft eine besondere Struktur gewählt, etwa der beständige Wechsel zwischen Basiserzählung und Rückschau (Analepse).




Ute Dettmar



V.l.n.r.: Kathrin Wexberg, Carsten Gansel und
Jens Thiele

Prof. Dr. Bernd Lindner, tätig im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig bei der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, stellte unter dem Titel "Auf der Suche nach der eigenen Generation. Zur generationellen (Selbst-)Bestimmung ostdeutscher Jugendlicher vor und nach dem Ende der DDR" unterschiedliche Definitionsansätze für Generationen vor. Die Wende mit dem damit einhergehenden Verlust der traditionellen Autoritäten und Institutionen hinterließ eine so genannte "unberatene Generation", die um 1975 geboren wurde und ihre Kindheit noch in Zeiten der DDR verbrachte.

Literarische Aspekte des Generationenthemas wiederum zeigte Prof. Dr. Hans-Heino Ewers in "Die Wende als generationen-bildendes Ereignis. Ostdeutsche Generationenentwürfe der 2000er Jahre". Er versuchte Jana Hensels Text "Zonenkinder" als litera-rischen Blueprint von Florian Illies vielzitiertem "Generation Golf" zu lesen. Die Generationendiskussion hätte sich von der Soziologie in die Pop-Literatur verlagert, so seine These.

Mit dem Zitat "Die Revolution war über ihr Leben gekommen wie ein plötzliches Unwetter…" übertitelte Prof. Dr. Sabine Kyora ihre Untersuchung von neuerer Literatur zur Wende für Erwachsene, die sich mit der literarischen Vielfalt von Revolutionsmetaphern, dem Mauerfall als Medienereignis und erzählerischen Rekonstruktionen des Alltags beschäftigte.

 



V.l.n.r.: Caroline Roeder, Kirsten Waterstraat und
Emer O'Sullivan

Mit dem Vortrag von Dr. Caroline Roeder (FernkursteilnehmerInnen bestens bekannt als Skriptenautorin und Tagungsreferentin) "Mutmaßungen über Jakob H. – Topographie und literarischer Stadtplan – Berlin nach 1989" war die Tagung schließlich in der Mitte der Kinderliteratur angelangt, nämlich in Berlin, das als literarischer Schauplatz in "Beschützer der Diebe" von Andreas Steinhöfel und "Jakob heimatlos" von Benno Pludra gezeigt wurde. Caroline Roeder verwies in ihrer Analyse auf Aleida Assmanns Diktum von "Geschichte findet Stadt": Die Stadt wird zum Geschichtsspeicher, zur Kreuzung von Zeit und Raum, die wiederum in den Texten an symbolträchtigen Orten wie dem Bahnhof Zoo oder dem Pergamonmuseum festgemacht wird.

Prof. Dr. Jens Thiele zeigte in "Bilder aus der Lumpenkiste. Klaus Ensikats Plädoyer für eine sozialkritische Bildkultur" wie sich die Wende auch in der Bildgestaltung dieses Illustrationskünstlers zeigte. Seine These lautete, dass Ensikat über die Wende hinweg seine Auffassung von Kategorie Bild modifiziert habe, indem die Orte in seinen Bildern deutlicher als zuvor von gelebter Geschichte erzählen. Setzte er in früheren Arbeiten seine Figuren oft in leeren Raum, sind seine Bilder nach 1989 stärker sozialkritisch akzentuiert und erzählen von deutscher Realität. In seiner Bildkomposition begibt er sich auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit, nach Dingen, Requisiten und Stimmungen, die mit Alltagsleben in der DDR verbunden waren.

Der letzte Halbtag war schließlich der Außensicht auf die Wende in den Literaturen anderer europäischer Länder gewidmet. Prof. Dr. Emer O'Sullivan (ebenfalls bewährte Fernkurs-Autorin und Referentin) zeigte in "Over Here and Over There: Das Deutschlandbild in der britischen Literatur vor und nach der Wende" anknüpfend an Schlaglichter aus der aktuellen Wahrnehmung Deutschlands in Großbritannien an Textbeispielen, wie sehr die NS-Zeit immer noch weit mehr als die Wende als Thema in der Unterhaltungskultur dominiert. Als aktuelles Gegenbeispiel diente Mark Ravenhills neuestes Stück "Over There", das anlässlich des Jahrestages des Mauerfalls verfasst wurde und als eindrückliches Bild von ost-west-deutschen eineiigen Zwillingen erzählt. Aufschlussreich war auch der von ihr eingebrachte Begriff "alternate history", Texte wie Michael Cronins "Against the day" oder Terrence Dicks "SS World" (beide 1998 erschienen), die imaginieren, wie die Geschichte verlaufen sein könnte, wäre der Zweite Weltkrieg anders ausgegangen.

Nach Aspekten der niederländischen Wahrnehmung von Deutschland nach dem Mauerfall, die Kirsten Waterstraat unter dem Titel "(K)Ein neuer Blick? Deutschland nach dem Mauerfall in der niederländischen (Kinder- und Jugend)Literatur" präsentierte, wurde die Tagung mit einem Beitrag des polnischen Germanisten Prof. Dr. Jacek Rzeszotnik beschlossen. Das schwierige deutsch-polnische Verhältnis zeigt seine Spuren auch im "Deutschland- und Deutschenbild in der polnischen spekulativen Nachwendeliteratur für Jugendliche", das im Zentrum seiner Ausführungen stand. Er zeigte, wie in populären Texten für Jugendliche alte und neue Bilder von "den Deutschen" koexistieren und interferieren.

Das kulturelle Rahmenprogramm der Tagung wagte den Spagat zwischen Literatur und Unterhaltungskultur: Eine Lesung von Claudia Rusch aus ihrem Buch "Aufbau Ost" und das gemeinsame Anschauen des Fernsehfilms "Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen" boten Möglichkeiten, Aspekte des Tagungsthemas direkt aufzugreifen und zu diskutieren. Die darin enthaltenen Cliffhanger verweisen auf Fortsetzung…

Coverausschnitt des Romans von Claudia Rusch