Christina Laube und Mehrdad Zaeri:
Marthas Reise
Knesebeck 2018, S. 40, € 25,00

Es gibt Dinge, die einfach zusammengehören: Kino und Popcorn, Kaffee und Kuchen, Autofahren und Fluchen, Sandalen und Socken, Sommer und Regen, Bonny und Clyde, Alice und der Hase, Schnurrbart und Brille. Das sind die Klassiker. Vollständigkeitshalber sollten vielleicht auch Freibad und Pommes Frites nicht unerwähnt bleiben. Christina Laube und Mehrdad Zaeri führen in ihrem aktuellen Bilderbuch allerdings zwei weitere Komponenten zueinander, die zwar noch nicht in den Kanon der populären Zusammengehörigkeit aufgenommen wurden, aber bei genauerem Überlegen viel reizvoller sind, wenn man sie kombiniert: Zugfahren und nachdenklich werden. Ein stimmungsvoller Grundstein dafür wird für die titelgebende Protagonistin Martha bereits auf der zweiten Doppelseite ihrer Reise zwischen Mutter und Vater gelegt, wo ein grau-schraffierter Wendezug vor einer minimalistischen Landschaft mit viel Leerraum und großer weißer Wolke anfährt: „An ihrem Fenster ziehen Bäume vorbei, deren Blätter sich bereits gelb und rot gefärbt haben. Manche tänzeln vom Wind getragen durch die Luft. Der Herbst ist da.“ Wie schon vor zwei Jahren, als bei Knesebeck das Märchen „Aschenputtel“ neu inszeniert wurde, kombiniert das Bilderbuchpaar eine klare, unaufgeregte und doch poetische Sprachform mit extrem feiner Blei-, Farb- sowie Tuschestift-Illustration und veredelt dies mit noch hauchzarteren Scherenschnitten, die dem Buch eine filigran schöne Haptik verleihen und das Umblättern zum gefühlvollen Akt der Wertschätzung erheben. Schon kurz nachdem der spärlich besetzte Zug den Bahnsteig verlassen hat und eine wild gekritzelte, gekratzte, eingegraute Landschaft durchschneidet, beginnen „Marthas Gedanken […] durch Fenster über die bunten Landschaften hin zu ihrem Opa, zu seinem kleinen Haus und seinem großen Garten [zu wandern]“ und initiieren einen philosophischen Tagtraum über das Verwurzelt-Sein, das Schicksal, die Liebe, über Wertschätzung und das eigene Träumen. Kurze Begegnungen mit den Reisenden führen zu melancholisch gestimmten Assoziationsketten, die Martha über ihre Identität reflektieren, eine Reihe an philosophischen Fragen formulieren und in die zusehends fantastischer werdende Bilderbuchlandschaft projizieren lassen. Das Bilderbuch „Martha“ bringt nicht nur zusammen, was zusammengehört, nämlich Text und Bild, sondern auch das, was besonders gut miteinander harmoniert: Bleistiftzeichnung und dezenter Farbeinsatz, Grau und Rot, Traum und Philosophie, Christina Laube und Mehrdad Zaeri.

Peter Rinnerthaler

 

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