"Olek schoss einen Bären und nähte sich aus dem Pelz eine Mütze. Danach küsste er seinen Vater und seine Mutter und ging seiner Wege."
So beginnt Bart Maoeyaerts an das Märchen vom Feuervogel angelehnte Geschichte.
Aber: Hat Olek wirklich einen Bären geschossen? Zu sehen ist nur seine Mütze - angeblich aus Bärenfell.
Und: Hätten wir es gerne gesehen, wie einer von Wolf Erlbruchs Bären entleibt und seines Felles beraubt wird?
Mitnichten. Vielmehr hat sich das STUBE-Team entschlossen, sich anlässlich des IBBY-Kongresses absichtlich im Preis zu irren und vergibt den Goldenen Bären an Wolf Erlbruch.
Aus diesem Anlass werden hier unsere Lieblings-Bären aus dem Werk des großen Illustrators präsentiert:
Inge Cevela wählt
den Bären aus Das Bärenwunder
Vielfalt und Reichtum unter den Erlbruch’schen Figuren geben immer wieder Anlass zum Staunen. Und – Kreativität hin, Schöpferkraft her – manchmal fragt man sich, woher nimmt er das alles bloß?
Nun gibt es zwar verschiedene Methoden, die beim Nachdenken helfen: Einer unter Erlbruchs Bären schwört zum Beispiel auf die yogatechnisch vorbildliche Umkehr-Variante, bei der möglichst viel Blut ins Gehirn fließt. Aber Nachdenken allein hilft oft nicht weiter, wie der von seiner Frühlings-Sehnsucht getriebene Bär meiner liebsten Erlbruch-Bärengeschichte erfährt. Mit im Angesicht der Bedeutung seiner Suche kugelrund geweiteten Äuglein findet sich erst nach zahlreichen, kläglichen Fehlversuchen gemäß den Ratschlägen der anderen Tiere die gattungsspezifisch richtige Antwort auf die Frage nach der Bärenvermehrung. Dafür braucht es nämlich schon ein „Bärenwunder“: „Wenn du nur ein bisschen mitmachst, könnten wir im nächsten Frühjahr ganz wunderhübsche Bärenkinder haben“ wird er schlussendlich von der Bärin aufgeklärt - und irgendwie muss auch Wolf Erlbruch selbst darüber Bescheid wissen, wie sie funktioniert, die Vermehrung der Bären und all der anderen Lebewesen im sich ausdehnenden Erlbruch-Kosmos…
Das Bärenwunder
Peter Hammer 1992
Kathrin Wexberg wählt
den Bären aus Ein Himmel für den kleinen Bären
Warum mir dieser kleine Bär der liebste von allen Erlbruch´schen Bären ist? Vielleicht hat es mit der enormen Zielstrebigkeit zu tun, mit der er versucht, den Bärenhimmel, in dem der verstorbene Opa Bär jetzt angeblich sein soll, zu erreichen. Oder damit, dass er trotz seiner großen Sehnsucht nach dem Bärenhimmel nicht bereit ist, faule Kompromisse einzugehen, die die anderen Tiere von ihm fordern: Ohne Pfoten oder gar ohne Kleider in den Himmel zu gehen, kommt für ihn überhaupt nicht in Frage. Dieser kleine Bär entspricht so gar nicht dem kuschelig-harmonischen Klischee der meisten Bilderbuchbären, von ihm wird erzählt, dass er müde und allein und entsetzlich traurig ist – und wahrscheinlich ist es gerade dieser Bruch, der seine Besonderheit ausmacht.
Dolf Verroen
Ein Himmel für den kleinen Bären. Hanser 2003
Lisa Kollmer wählt
den Bären aus Der Bär auf dem Spielplatz
Warum der Bär auf dem Spielplatz mein Erlbruch’scher Lieblingsbär ist? Vor allem deshalb, weil er auf den ersten Blick nicht niedlich und kuschelig wirkt – kein Teddybär eben, den man automatisch herzt und lieb hat, sondern groß, zottelig und mit einem Gesichtsausdruck, der nicht gleich darauf schließen lässt, ob er freundlich oder gefährlich ist. Wie die Kinder möchte er sich austoben und Spielplatz-Abenteuer erleben, klettern, rutschen, im Teich plantschen und Eis essen. Worum es ihm aber eigentlich geht, ist das mit-dabei-Sein, denn allein macht auch einem dicken, grummeligen Bären alles nur halb so viel Spaß. Und schlussendlich begreifen auch die Kinder, dass die ungestüme Art nicht böse gemeint, sondern eben einfach Bäreneigenart ist und nehmen ihn in ihre Gemeinschaft auf. Und ganz ehrlich, wer hätte nicht gern einen Bären als Freund?
Dolf Verroen
Der Bär auf dem Spiel-platz. Beltz&Gelberg 1998
Heidi Lexe wählt
Hannover aus Neue Abenteuer von Eduard Speck
Keine Frage: In Hannover findet so mancher seinen Meister. Eduard Speck zum Beispiel, das bildschöne und nicht minder eitle Schwein. Nach seinem Dafürhalten hat Eduard den vazierenden Hannover ja in eine Falle gelockt, indem er ihm die Stalltüre in wildem Lauf vor die Nase geknallt hat. Die anderen Tiere des Scheffelhofes jedoch (Hadrian der Ackergaul zum Beispiel oder Ochse Albert) glauben eher den Fluchtcharakter von Eduards Schweinsgalopp zu erkennen (und ein verwegenes Jungfröschelchen quakt sogar etwas höchst Unverschämtes). Hannover zeigt sich von den Ereignissen eher genervt als bedroht. Er hatte eigentlich vor, sich mit seinem Freund Sydney (einem Elch) einen Tag Urlaub vom Wanderzirkus zu nehmen, um Ruhe für einen Spaziergang zu haben. Da treffen die beiden plötzlich auf jemanden, den sie definitiv nicht riechen können – und der ihnen auch noch feindselig kommt: „Hannover war wirklich sehr groß und zottelig und Eduard hatte Sorge, daß eine offene Diskussion ihrer wechselseitigen Gefühle zu höchst unangenehmen, möglicherweise sogar schmerzhaften Konsequenzen führen könnte.“
Natürlich hätten wir von Wolf Erlbruch gerne diese Konsequenzen bildlich vorgeführt bekommen, doch der grimmig blickende Bär, dessen ein wenig abgemagerter Hals im schicken Tapetenmustertop steckt, reicht eigentlich zum Bilderglück. Zumal sein Nasenring, an dem er im Zirkus wohl angebunden ist, als viel zu selten explizierter Verweis darauf gesehen werden darf, dass sich hinter so charmant-kuriosen Tiergeschichten wie dieser immer auch ein Stück Missbrauch am lieben Vieh verbirgt.
John Saxby
Neue Abenteuer von Eduard Speck
Hanser 1996 und
dtv 2001