Ein roter Vorhang scheint sich zu heben, wenn mit einem durch mehrere Ausrufezeichen unterstützten Hilfeschrei eine theatrale, man möchte gar meinen dramatische Verfolgungsjagd anhebt: Den wilden Hilfeschrei wiederholend flüchten Tiere vor pechschwarzen, gestreiften, riesigen Monstern mit Krallen, scharfen Zähnen und Stacheln, die packen, beißen und durchbohren wollen. Vor plakativem, indifferenten Wüstenambiente wird dabei jeder Verfolger/jede Verfolgerin gleichzeitig zum/zur Gejagten. Bühnenspiel oder Realsatire? Wie auch immer bedient sich das Pappbilderbuch einer dem Opernfach entlehnten Form: Don Giovannis Diener Leporello hätte seine wahre Freude an der humorvollen Rundherumnutzung dieser auf besondere Art gefalteten Liste gehabt!
Aus dem Französ. v. Markus Weber. Moritz 2010.
24 S., € 9,20.
ISBN 978-3-89565-215-8
Satoru Onishi: Wer versteckt sich? Ein Bilderbuch zum genauen Hinsehen
Wer ist wütend? Wer hat Hörner? Und: Wer versteckt sich? Fein säuberlich im Rechteck aufgereiht, geradeaus in Richtung der BetrachterInnen blickend, stehen sie da; Rentier, Hase, Zebra und all die anderen. Jedoch einige der achtzehn, auf jeder Seite am gleichen Platz angeordneten Tiere, verschmelzen jeweils so mit ihrem Hintergrund, dass sie nur mehr schwer zu erkennen sind. Wer versteckt sich hier? Von der ansonsten roten Katze sind plötzlich nur mehr Augen, Ohren und Mund zu sehen. Ähnlich ergeht es auf dieser, völlig in rot gefärbten Seite, Nashorn und Giraffe. Um das Rätsel zu lösen, müssen die anders gefärbten Seiten davor genau memoriert werden. Doch dann wird alles blau…Als besondere Form einer Schule des Sehens treten Figur und Hintergrund in immer neue und überraschende Wechselwirkung und steigern so mit jeder Seite den Bildgenuss.
Moritz 2010.
40 S., € 12,30.
ISBN 978-3-89565-220-2
Didier Cornille: Hier & Da / Rund & Eckig
Didier Cornille entwirft Möbel und Lampen. Seine Designs zeichnen sich durch klare Formen und reduzierten Farbeinsatz aus. Dem gleichen grundlegenden Gestaltungsprinzip folgen seine ersten beiden Bilderbücher. Sie vermitteln zentrale Konzepte von Farbe und Geometrie, Zahlen und Gegensatzpaaren à la oben und unten, groß und klein, Tag und Nacht. In der Aufmachung dominiert das Prinzip der Klarheit: Auf jeder Doppelseite werden einzelne Bildelemente auf weißen Hintergrund gestellt; die Illustrationen setzen sich aus deutlichen Farben und Formen zusammen. Die Erfahrbarmachung solcher Oppositionen und Reihen wird durch humorvolle, spielerische Elemente unterfüttert, die z.B. "sieben Zwerge" und "acht Gepäckstücke" miteinander in Verbindung bringen.
Aus dem Französ. v. Konstanze Frei. Gerstenberg 2010.
76 / 64 S., € 10,30.
ISBN 978-3-8369-5327-6 / 978-3-8369-5326-9
Marianne Dubuc: Meine große kleine Welt
Quadratische Pappbilderbücher wie dieses basieren oft auf der Abbildung von ganz wenigen, reduzierten Gegenständen, die es für ganz kleine Kinder wieder zu erkennen und zu benennen gilt. Hier jedoch wird in einfacher Sprache eine durchaus komplexe Geschichte entwickelt: Ihren Ausgangspunkt nehmen Text und mit Buntstift gestaltete Bilder bei "meinem Haus" auf einem kleinen Hügel. Mit jeder folgenden Doppelseite wird rund um dieses Haus, wortwörtlich in alle Richtungen, ein ganzes Geschichtenuniversum entwickelt: Vor dem Haus ist ein Rosenbäumchen – auf diesem wiederum ein Vogel. Über dem wiederum ist ein Fenster, hinter dem sich ein Kinderzimmer verbirgt. Im Reigen dieser Aufzählungen finden sich in Bild und Text zahlreiche Verweise auf Märchen, Sagen und andere Erzähltraditionen – bis die immer skurriler werdende Reise in die Welt der Geschichten schließlich ihr Ende am Ausgangspunkt, dem kleinen Haus am Hügel findet.
Aus dem Französ. v. Anna Taube. Carlsen 2010.
120 S., € 13,30.
ISBN 978-3-551-16896-2
Ulf K.: Ganz schön groß, Lasse / Gute Nacht, Lasse / Keine Angst, Lasse / Musst du mal, Lasse?
Wenn sich ein preisgekrönter Comic-Künstler wie Ulf K. der Gattung Pappbilderbuch widmet, passt das überraschend gut zusammen – denn seine klare und reduzierte Linienführung kommt den Sehgewohnheiten der Allerkleinsten gut entgegen. Im Mittelpunkt des Geschehens steht hier der anthropomorphisierte Enten-Bub Lasse, der mit seinem überdimensionierten Kopf ganz dem Kindchenschema entspricht. Jeder Band ist einem ganz alltäglichen Thema aus dem Kinderleben gewidmet, das in ausgesprochen witziger Weise behandelt wird: So findet Lasse allerlei Ausreden, um nicht aufs Klo gehen zu müssen, hat (fast) keine Angst vor großen Hunden und hohen Mauern und – ein nahezu klassisches Bilderbuch-Motiv – findet viele Gründe, warum er noch nicht schlafen kann… Nicht nur die kindliche Zielgruppe, auch die Erwachsenen finden hier jede Menge Identifikationspotential: Denn begleitet wird Lasse bei seinen Alltagsabenteuern von einem sehr geduldigen Enten-Elternpaar.
Judith Drews: Antons ganze Welt / Anton muss mal / Anton turnt herum
Der Reiz von Literatur besteht in jedem Lesealter unter anderem darin, im Buch Identifikationsangebote, Bezüge zum eigenen Leben zu finden. Für sehr junge Kinder, die gerade dabei sind, die Welt, aber auch sich selbst zu entdecken, sind diese Aspekte besonders relevant – und die Pappbilderbücher rund um den Hasenbuben Anton bieten davon jede Menge an. Auf der linken Doppelseite ist jeweils ein Satz über Anton zu lesen – die rechte Doppelseite zeigt ihn bzw. sein Umfeld in konturierten Abbildungen. Während sich die schmaleren Einzelbände "Anton turnt herum" und "Anton muss mal" jeweils einem Thema widmen (bei dem naturgemäß insbesondere zweiteres durchaus komisches Potential hat), wird in „Antons ganze Welt“ ein ganzes Kinderuniversum mit verschiedensten Stimmungen und Gefühlen ausgebreitet. Am Ende jedoch steht jedenfalls immer die lakonische Feststellung: "Anton ist ein echter Held."
Beltz & Gelberg 2010.
96 / 16 S., € 10,30 / 6,20.
ISBN 978-3-407-79399-7 / 978-3-407-79420-8 / 978-3-407-79421-5
Jutta Bauer: Emma (5 Bände)
Ihr Einfühlungsvermögen in die Lebenswelt der Allerkleinsten hat die mehrfach preisgekrönte Illustratorin Jutta Bauer bereits in zahlreichen Bilderbüchern bewiesen – mit den Pappbilderbüchern rund um das stets in eine weißgetupfte rote Hose gekleidete Bärenmädchen Emma bietet sie nun ein ansprechendes Lektüreangebot für diese Altersgruppe (das laut Klappentext von akkreditierten Prüflabors bereits für Kinder ab 18 Monaten freigegeben wurde). Jeder Band ist einem Thema aus der alltäglichen Lebenswelt von Kleinkindern gewidmet – Emma lacht, Emma wohnt, Emma isst, Emma weint… In zurückgenommenen Farben ist auf der rechten Seite jeweils eine Situation aus Emmas Leben zu sehen, die auf der linken Seite von einer Vignette und einem gereimten Zweizeiler kommentiert wird. "Emma schläft tief und geborgen. Alles andere macht sie morgen."
Carlsen 2009-2010.
16 S., € 6,20.
ISBN 978-3-551-16742-2
Das Attribut "bunt" ist mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Bilderbüchern wohl untrennbar verbunden. Tatsächlich können aber Babies die Kontraste von schwarz-weiß viel früher erkennen als Farben. Dieses Prinzip machen sich die außergewöhnlichen Pappbilderbücher des französischen Künstlers Xavier Deneux zunutze, die im Bloomsbury Verlag erschienen sind. Bis auf wenige Farbakzente sind die Bilder, die je eine Figur aus der Welt der Tiere bzw. des Zirkus darstellen, vor allem in Schwarz-Weiß gestaltet und damit speziell auf die Sehbedürfnisse ganz junger BilderbuchbetrachterInnen abgestimmt. Stanzungen nehmen jeweils ein Detail der nächsten Seite vorweg und machen so Lust aufs Umblättern. Auch der Umschlag des äußerst stabilen Buches ist auf das Zielpublikum abgestimmt: Moosgummi ist abwischbar und relativ beißfest.