Vielen Jugendlichen ist Alhambra eher durch das beliebte Brettspiel als durch den Palast in Granada ein Begriff. Boston, der jugendliche Protagonist der heuer mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichneten Autorin, besucht jedoch die "echte" Alhambra. Er wandelt auf touristischen Pfaden, während parallel dazu erzählt wird, was in der Stadt im Jahr 1492 passiert. Als Boston auf einem Markt nach einer alten Fliese greift, landet er plötzlich in der Vergangenheit - und wird irrtümlich für den zukünftigen Gemahl der Prinzessin gehalten… Gekonnt kombiniert die Autorin unterschiedliche Genres und schildert sowohl historische Rahmenbedingungen wie auch die Innensicht ihres Protagonisten.
Oetinger 2007. 432 S., € 18,40. ISBN 978-3-7891-3170-7
Frank Cottrell Boyce: Millionen
Damian hat ein Faible für Heilige - für jede Gelegenheit kennt er den oder die Richtige/n - sei es nun der bekannte Franz von Assisi oder die weitgehend unbekannte Sexburga von Ely, zuständig für Krankenschwestern, Radmacher und die Stadt Dunstable (das liegt in Bedfordshire). Die Beschäftigung mit ihnen gibt Damian jenen Halt, den er seit dem Tod seiner Mutter dringend braucht. Zumal ihm gerade aus scheinbar heiterem Himmel 229 000 Pfund zugeflogen sind, die vor der Euro-Umstellung ausgegeben werden müssen. Rasant erzählt Damian von den komischen Verwicklungen, die sich aus diesem plötzlichen Reichtum ergeben, und erscheint gleichzeitig in seinem Bemühen, die ethisch richtigen Entscheidungen zu treffen, ungemein rührend.
Aus dem Engl. v. Salah Naoura. Carlsen 2006. 272 S., € 7,20. ISBN 978-3-551-35567-6
Michael Chabon: Sommerland
Wie meist bei phantastischen Erzählungen geht es auch hier um nichts weniger als die Rettung der Welt: Und die liegt ausgerechnet in den Händen des nicht besonders begabten elfjährigen Ethan Feld und dessen überaus mangelhaften Baseball-Kenntnissen. Und doch sind es gerade die Baseball-Spielregeln, in denen die Rettung der drei Reiche des Weltenbaumes so eigenwillig gründet - und damit den Aufbau des Romans bis hin zur Kapiteleinteilung prägen. Doch Ethan entdeckt, dass er in der Not nicht nur auf seine raubeinige Freundin Jennifer T. zählen kann. Als Gegenspieler tritt mit dem Koyoten eine besonders schillernde Figur auf, den Ethan und seine Freunde erst zum Ende des 9. Innings mit einem gewaltigen Homerun-Schlag 'gen Himmel befördern…
Aus dem Engl. v. Reiner Pfleiderer. Hanser 2004. 480 S., € 20,50. ISBN 978-3-446-20441-6
Ab 13 Jahren
Andreu Martín / Jaume Ribera: Alle Detektive heißen Flanagan
Eigentlich heißt Flanagan ja Juan. Aber welcher Detektiv heißt schon "Juan"? Anfangs wollte er sich durch diesen Job nur ein bißchen Geld dazuverdienen. Aber als Carmen ihn bittet, das verschwundene Baby ihrer Schwester zu suchen, wird das Ganze fast eine Nummer zu groß für ihn. Denn im Zuge seiner Ermittlungen stößt Flanagan auf einen Kinderhändlerring...
Es ist fast unglaublich, wie raffiniert in diesem Roman Detektivstory, Liebesgeschichte, soziale Anklage und Satire miteinander verwoben werden. Sämtliche Krimiklischees werden bedient und gleichzeitig persifliert. Mit atemberaubendem Tempo, boshafter Ironie, großartig aufgebauten Spannungsbögen, abgründigem Witz und sprachlicher Brillanz wird der Leser in einen Strudel sich überstürzender Ereignisse gezogen, dem zu entkommen bis zum Schluß absolut unmöglich ist. Aber wer wollte das auch?!
Aus dem Span. v. Marion Lütke. Beltz & Gelberg 2005. 256 S.,
€ 5,20. ISBN 978-3-407-78928-0
Stephenie Meyer: Bis(s) zum Morgengrauen
An den nebligen Wohnort des Vaters versetzt, lernt Isabella in ihrer neuen Schule den strahlend schönen, aber eigenwillig distanzierten Edward kennen - und bald sehnt sie sich unendlich nach ihm. Die Tatsache jedoch, dass auch Edward bald nach Isabella dürstet, muss in diesem Fall wörtlich genommen werden. Erzählt wird nämlich nicht nur ein Liebes-, sondern auch ein Vampirroman - wobei das Moment des Schaurigen weniger von den über Jahrhunderte hin ohnehin domestizierten Untoten selbst ausgeht, als vielmehr in der Gleichzeitigkeit schmerzlich ersehnter Nähe und durch sie bedingter Lebensgefahr liegt. Mit langem Atem werden in wundervoll anachronistischem Erzählen-Ambiente die Geheimnisse und besonderen Fähigkeiten von Edward nach und nach aus Isabellas Sicht entdeckt - angereichert mit ironisierenden Verweisen auf einschlägige Motivvarianten. Für den Showdown sorgen frei umherstreifende Vampire, die von einer Zivilisierung ihrer Art nichts halten ...
Aus dem Engl. v. Karsten Kredel. Carlsen 2006. 500 S., € 20,50. ISBN 978-3-551-58149-5
Holly-Jane Rahlens: Prinz William, Maximilian Minsky und ich
Eine typische New York-Geschichte, die allerdings in Berlin spielt: Angereichert mit Irrungen und Wirrungen, mit klugen Sprüchen, mit Pathos und - natürlich - mit Humor: Nelly Sue Edelmeister, spindeldürr und buchverliebt, war bisher eigentlich ausschließlich an Kosmologie interessiert. Doch dann kam er: Prinz William. Immer dann jedoch, wenn eigentlich die royale Leidenschaft zur Sprache kommen soll, drängen aus allen Ecken und Enden jene Dinge, die Nelly Sue Edelmeisters Alltag zum furios durcheinandergeratenen Teenagerleben machen. Holly-Jane Rahlens gelingt eine unterhaltsame Erzählung, die die gesellschaftliche Relevanz eines jüdisch-amerikanischen Alltags in Berlin nicht ausblendet und es der Ich-Erzählerin Nelly vielleicht gerade deswegen ermöglicht, ihre Zeit mit Prinz William auf wunderbar unernste Art zu schildern.
Aus dem Engl. v. Ulrike Thiesmeyer. Rowohlt 2004. 224 S.,
€ 7,10. ISBN 978-3-499-21274-1
Ab 14 Jahren
Ron Koertge: Monsterwochen
Man gibt Monster-Wochen in den Rialto-Lichtspielen und Ben Bancroft hat
vor, sich in aller Ruhe einem Monsterfilm nach dem anderen hinzugeben.
Doch die Ruhe des Außenseiters wird jäh gestört, als die ausgeflippte Colleen sich neben ihn setzt und in Folge gleich auch sein Leben aufzumischen beginnt. Es entwickelt sich eine eigenwillige, spröde Freundschaft zwischen dem Bürgerschreck und dem Halbspastiker: Provoziert von Colleens offensiver Art beginnt Ben sich aus der sicheren Abgeschiedenheit abgedunkelter Kinosäle herauszuwagen und seine Umwelt neu zu entdecken. An der Seite eines ständig nach dem Kick suchenden Mädchens jedoch währen die Dinge nicht lange - gerade dann nicht, wenn es sich um eine so wunderbar direkt erzählte Geschichte handelt.
Aus dem Engl. v. Heike Brandt. dtv 2005. 160 S., € 6,70.
ISBN 978-3-423-78206-7
Joyce Carol Oates: Unter Vedacht. Die Geschichte von Big Mouth & Ugly Girl
Matt wird mitten im Unterricht von FBI-Beamten verhaftet: Er soll mit einem Attentat auf die Schule gedroht haben. Matt hat eigentlich nur eine große Klappe, doch diesmal wollte ihn jemand ernst nehmen und hat ihn angezeigt. Niemand scheint ihm jetzt noch zu vertrauen, niemand an seine Unschuld zu glauben. Gerüchte und Verleumdungen kursieren in der Kleinstadt. Einzig "Ugly Girl" Ursula Riggs, die sonst niemanden an sich ran lässt, hat den Mut für ihn einzustehen. Neben der aktuellen und brisanten Thematik, die ein glaubhaftes Bild der amerikanischen Zustände zwischen Terrorangst und fanatischer Gutbürgerlichkeit zeichnet, entwickelt sich eine sensible Liebesgeschichte. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven und in einer klaren, wenn auch ein wenig auf Jugendlichkeit getrimmten Sprache.
Aus dem Engl. v. Birgitt Kollmann. dtv 2005. 304 S., € 9,20.
ISBN 978-3-423-62216-5
Jerry Spinelli: Stargirl
Stargirl ist anders und wird entsprechend als Außenseiterin empfunden: Sie erscheint jeden Tag in einem anderen verrückten Kostüm in ihrer neuen Schule in einem verschlafenen Provinzort in Arizona; sie spielt an Geburtstagen ein Ständchen auf ihrer Ukulele, sie verteilt bei jeder Gelegenheit kleine Aufmerksamkeiten. Sie ist keine Außerirdische, aber außergewöhnlich - was die anderen über sie denken, spielt für sie keine Rolle. Der Ich-Erzähler Leo, 16, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Faszination und seiner Zuneigung zu Stargirl und seinem Bedürfnis, von den anderen akzeptiert zu werden - aber als er sie dann schließlich dazu bringt, "normal" zu sein, ist jener Teil von ihr, den er am meisten geliebt hat, verschwunden. Spinelli erzählt von der Dynamik unter Jugendlichen, vom ständigen Ringen um Anerkennung und Zuwendung und von einer Liebesgeschichte, die unspektakulär, aber umso trauriger endet.
Aus dem Engl. v. Andreas Steinhöfel. dtv 2004. 208 S., € 7,20
ISBN 978-3-423-78199-2
Ab 15 Jahren
Tamara Bach: Jetzt ist hier
"Bowie hat seinen Abdruck auf Fienchens Körper hinterlassen." Mit forensischer Genauigkeit werden "Abdrücke" wie dieser untersucht, Abdrücke, die die Figuren aneinander, in ihren Familiengefügen, in ihrer Außenwelt hinterlassen. In rhythmisierten Erzählpassagen unterschiedlicher Länge folgt Bach den vier Jugendlichen Zanker, Mono, Bowie und Fienchen in den zehn Tagen zwischen Silvesterabend und erstem Schultag im neuen Jahr. Sprachlich genau, respektlos und mit großer Beobachtungsgabe kommt Unausgesprochenes, Erahntes, Gefühltes und beiläufig Formuliertes zueinander - und wird mit einem Soundtrack unterlegt, der die Befindlichkeiten und Emotionen genau verortet.
Oetinger 2007. 352 S., € 13,30. ISBN 978-3-7891-3169-1
Katarina von Bredow: Verliebt um drei Ecken
Wie anders würde sich doch die Menschheitsgeschichte lesen, wenn dieser Adam schon ein wenig früher auf den Plan getreten wäre, als in dieser ebenso ernsthaft erzählten wie unterhaltsamen Dreiecks-Geschichte. Denn dieser Adam ist nicht nur gut aussehend und klug und loyal und humorvoll und sinnlich, sondern er kann auch zuhören. Und die richtigen Fragen stellen. Soviel männlicher Reiz weiß natürlich selbst die eingefleischtesten Mädchenfreundschaften durcheinander zu bringen - selbst jene zwischen der Ich-Erzählerin Katrin und ihrer selbstsicheren Freundin Frida. Hineinverwoben in diese wunderschön komponierte Liebesgeschichte ist Katrins familiäre Situation, die einer Neuordnung und Neuorientierung auch von Seiten der Protagonistin bedarf. Katarina von Bredow gelingt ein von leichter Hand erzählter und doch herausfordernder Roman, in dem Figuren in all ihrer Sympathie und Fehlerhaftigkeit wahrgenommen und positioniert werden.
Aus dem Schwed. v. Maike Dörries. Beltz & Gelberg 2008. 360 S., € 9,20. ISBN 978-3-407-74008-3
Mats Wahl: Der Unsichtbare
"Ich töte, wen ich will." Sowohl Kommissar Harald Fors als auch den Lesenden bleibt die Luft weg, wenn im finalen Verhör aufgezeigt wird, dass jenen, die keine moralischen Grenzen kennen, nicht beizukommen ist. Zwar kann Annelie Tullgren durch umfangreiche Indizien des Verbrechens überführt werden, das in ungeschnitten präsentierter Ermittlungsarbeit aufgeklärt wird, doch in Bezug auf jugendlichen Rechtsradikalismus war einmal mehr nichts und niemand zu bewegen. Mats Wahl präsentiert das gesellschaftliche Phänomen als detailiert ausgearbeitete Krimihandlung und bedient sich dabei eines geschickten erzählerischen Kunstgriffes: Das Opfer wird als Unsichtbarer eingeführt und begleitet als Ich-Erzähler durch den Roman.
Aus dem Schwed. v. Angelika Kutsch. dtv 2003. 208 S., € 8,20. ISBN 978-3-423-62164-7