Angebote
Fernkurs
Buchtipps
Tagebuch
Wir über uns
 

 

 

"Ich glaube an den Apfel". Bücher stellen Weichen
Tagung des Fernkurses Kinder- und Jugendliteratur

 

 















Markus Weber vom Moritz-Verlag und die Leiterin der STUBE Heidi Lexe im Werkstattgespräch

 

In finsterschwarzer Nacht hat Frieder sich verlaufen und trifft im Wald auf allerlei Getier, dass ihm dann doch ein wenig Angst einjagt. Doch mit der Hilfe des Kaninchens weiß Frieder sich trickreich und mit lautem GRROOAAAHHUU! zur Wehr zu setzen …
Womit wieder einmal bewiesen wäre: So schnell darf einen nix erschüttern.
Auch dann nicht, wenn am Tag des Tagungsbeginns die Hiobsbotschaft von der Verunfallung einer Referentin eintrifft. Zuallererst ist zu klären: Geht es Stefanie Harjes gut? An dieser Stelle also noch einmal die Information: Es geht ihr soweit gut – auch wenn ihr der Schreck über ihren Superschwindel noch in den Knochen sitzt. Liebe Stefanie: Wir haben Dich bei dieser Tagung schwer vermisst!

Wir haben uns aber mit Hilfe von Außen und lautem GRROOAAAHHUU! zur Wehr setzten können. Als Deus ex machina ist Markus Weber, Leiter des Moritz-Verlags spontan eingesprungen und auf Anfrage am Freitagabend am Samstagvormittag nach Würzburg gereist. Wie verrückt muss man dafür sein? Wer seit 15 Jahren Bilderbücher von Grégoire Solotareff, Philippe Corentin, Yvan Pommaux, Mario Ramos oder Pernilla Stalfelt im Programm hat, wer Ulf Nilsson und Eva Eriksson die besten Beerdigungen der Welt ausrichten ließ, wer gemeinsam mit Thé Tjong-Khing zahllose Figuren hinter einer Torte her geschickt hat und Chen Jianghong das aufgerissene Maul des Tigers bildfüllend in Szene setzen ließ, den kann wohl so schnell nichts aus der Ruhe bringen. "Bücher aus einem Guss" versucht Markus Weber zu machen, Bücher mit klarer Handlungsstruktur, dramaturgisch clever gebaut und immer nahe am Kind und seinen Bedürfnissen, sich auf Bild- und Erzählwelten einzulassen. Beginnen mit "Der blaue Hund" von Nadja, einem Bilderbuch aus seinem allerersten Programm, hat Markus Weber Bücher aus seinem Verlag vorgestellt und vorgelesen und Fragen zu seiner Arbeit und verlegerischen Positionierung beantwortet. Ein Kulinarikum!

Zu den derzeit wohl bemerkenswertesten KünstlerInnen, die im Moritz-Verlag veröffentlichen, zählt derzeit der in Paris lebende Autor und Illustrator Chen Jianghong, der in diesem Herbst seine autobiografische Bilderzählung An Großvaters Hand in deutscher Übersetzung präsentiert. Eine annotierte Liste mit allen Bilderbüchern von Chen Jianghong finden Sie hier

 


Ill. Dorothée de Monfreid









Markus Weber

Zurück zum bereits ursprünglich geplanten Programm der Tagung, die im Rahmen des Fernkurs Kinder- und Jugendliteratur vom deutschen Partner der STUBE angeboten wurde. proliko und Borromäusverein e.V. luden unter dem Thema "Ich glaube an den Apfel" (ein Zitat von Kirsten Boie) zu einer Auseinandersetzung mit literarischen Weichenstellungen. Dabei wurde ein Bogen von der Lesebiografie über das Gestalten der individuellen Biografie von Romanfiguren bis hin zu der Biografie als literarisches Genre gespannt:

In Ihrem Eröffnungsvortrag ging Christine Garbe, Professorin für Deutsche Literatur und ihre Didaktik an der Universität Lüneburg der Frage nach der kindlichen Lesesozialisation nach. Wie ordnet sich das Lesen in den Prozess der Entstehung und Entwicklung von Persönlichkeit ein? In welchem medialen Kontext muss das Spannungsverhältnis zwischen Schriftsprache und Mündlichkeit gesehen werden? Welche Wege führen von der Lesesozialisation zur literarischen Sozialisation und welche Rolle spielt dabei das Zusammenspiel von Lesekompetenz und Leseengagement?



 

 

 












Christiane Benthin und Autor Alois Prinz

Christiane Benthin, Dozentin der Fachschule für Sozialpädagogik in Darmstadt, griff den Faden der Lesesozialisation am Beginn des zweiten Tages wieder auf und sponn ihn weiter Richtung einer geschlechtsspezifischen Lesesozialisation. Wird Sprachkompetenz an Mädchen und Buben bereits unterschiedlich vermittelt? Welche Bedeutung haben emotional besetzte Wörter im Lernprozess des sinnerfassenden Lesens, das ein assoziierendes Lesen ist? Und ist die Frage nach der väterlichen, ja überhaupt männlichen Beteiligung am Leselernprozess zu stellen?

Die Frage nach Rollenmustern in der Kinderliteratur, die Christiane Benthin abschließend an Bilderbuchbeispielen aufzeigte, war dann auch für die Kinderbuchfigur Lola relevant. Auch ihre Geschichte wird von einem abwesenden Vater und einer Freundschaft zu einem gleichaltrigen Buben geprägt. Annette Mierswa las am Abend des zweiten Tages aus ihrem Kinderbuch "Lola auf der Erbse" und erzählte von ihrer Zusammenarbeit mit Stefanie Harjes.

Den Abschluss der Tagung bildete am Vormittag des letzten Tages eine weitere Autorenbegegnung: Alois Prinz, zuallererst bekannt für seine im Verlag Beltz&Gelberg erschienenen Biografien von Franz Kafka, Hermann Hesse, Hannah Arendt, Ulrike Meinhof und des Apostels Paulus, stellte in seinem Werkstatt-Referat den hohen Anteil des eigenen Ich in der Erarbeitung von Biografien heraus. Eine Biografie zu verfassen inkludiert den Umweg, etwas über sich selbst im Spiegel einer anderen Person zu sagen. Dabei jedoch soll der langwierige Prozess des Recherchierens und Schreibens einer Biografie kein "Glaubensbekenntnis" enthalten: das dargestellte Leben soll nicht (ideologisch) von dessen Ende her gewertet werden. Gerade mit einer Person wie Ulrike Meinhof muss mitgegangen werden, sodass Lebensumbrüche und die Vielfalt an Möglichkeiten, aus denen sich einzelne Entscheidungen ergeben, mitvollzogen werden können. In seiner Arbeit pflegt Alois Prinz das – wie er es nennt – poetische Gedächtnis, ruft nach umfangreicher Recherche Kleinigkeiten ab, die für ein ganzes Leben wichtig sind. Und bleibt dabei, wie er es formuliert, "auf unverschämte Weise subjektiv".

Als Frieder nach seinen Erlebnissen "In finsterschwarzer Nacht" (in einem Guss von Dorothée de Monfreid) im Haus des Kaninchens endlich Ruhe findet, labt er sich an einer Tasse Kakao – die er auf das Wohl des vermeintlichen Ungeheuer trinkt. So rasch kanns gehen vom GRROOAAAHHUU! zur postabenteuerlichen Wohligkeit …

 

 

 





Ill. von Stefanie Harjes
aus "Lola auf der Erbse"