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Danksagung von Preisträger Heinz Janisch
Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien 24.1.2012

Sehr geehrter Herr Stadtrat,
geschätzte Damen und Herren!

Der Nobelpreisträger für Literatur, der schwedische Lyriker, Tomas Tranströmer hat ein Buch über sein Leben geschrieben. Es heißt "Die Erinnerungen sehen mich" und es hat – wie es sich für einen Lyriker gehört – nur 78 luftig bedruckte – Seiten.
In den ersten Sätzen heißt es:

"Mein Leben. Wenn ich diese Worte denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif. Das lichtstärkste Ende, der Kopf, sind die Kindheit und das Heranwachsen. Der Kern, sein dichtester Teil, ist die sehr frühe Kindheit, wo die wichtigsten Züge in unserem Leben festgelegt werden. Weiter hinten verdünnt sich der Komet…"

Die sehr frühe Kindheit als "lichtstärkster Teil" des Kometen, als sein Kern…
Vielleicht geht es vielen von uns so. Die Kraft und Intensität der Anfänge – sie strahlen bis heute am Stärksten. Dort, wo wir vieles nur noch als Wiederholung, als Routine erleben wird das Licht schwächer. Im Licht des Anfangs ist alles ein Abenteuer.

Erlauben Sie mir, dass ich von so einem Anfang erzähle, den ich seit nunmehr zweieinhalb Jahren mit Staunen mitverfolgen darf.
Wissen Sie, wie viele Geschichten allein in einem Bild stecken?
Unsere Tochter Lilli zeigt es uns manchmal vor. An der Blume im Bild wird gerochen, der Apfel am Baum wird gekostet, die Katze im Bild muss gestreichelt werden, mit dem kleinen Schiff im Hintergrund kann man ans Meer fahren, der Wind zerzaust allen die Haare, der traurige Junge will an der Hand genommen werden, das Mädchen bekommt eine neue Frisur. Hinterm Baum kann man sich gut verstecken, im Gras kann man eine Weile schlafen, mit dem kleinen weißen Vogel kann man mitfliegen…

Ein Bild schenkt unendlich viele Geschichten, ganz zu schweigen von der Geschichte, die im Text noch erzählt wird, als schöne, willkommene Draufgabe…
Von Kindern kann man viel lernen, nicht nur, wie man Bilder liest und wie man Geschichten neu erzählt.
"Gut" sagt Lilli, wenn ihr etwas gefällt. Aber es gibt noch eine schöne Steigerung: "Besser gut."

Leider ist es oft gar nicht "gut" und schon gar nicht "besser gut", wie vielerorts mit Kindern umgegangen wird. Es ist nicht einmal dort "besser gut", wo man vermeint, ihnen Gutes zu tun.
"Darauf schauen, dass nix passiert". Mit diesen Worten hat mir einmal eine Betreuerin einer Kindergartengruppe ihre Arbeit erklärt.
Wir erleben diese Form einer "Bewahr-Pädagogik" nur allzu oft – im Kindergarten, in der Schule, bei der Nachmittagsbetreuung, aber auch zu Hause, bei vielen Eltern.
"Darauf schauen, dass nix passiert" …
"Darauf schauen, dass etwas passiert", das wäre eine viel reizvollere Aufgabe. Wissend um die Intensität der Anfänge sollte vieles möglich sein. Und manchmal ist es das ja auch, da und dort.


 





Die Preisbücher

Der deutsche Erfinder Artur Fischer, Erfinder der Fischer-Technik, der erfolgreichen Konstruktionsbaukastensysteme für Kinder, holt sich z.B. immer wieder Kinder in sein Atelier, um ihnen beim Spielen zuzuschauen. Das intuitive Wissen von kleinen Kindern um Zusammenhänge, um Abläufe, um variable Spiel-Möglichkeiten habe ihn schon oft zu neuen Erfindungen inspiriert, sagt Artur Fischer. Er habe von den Kindern mehr gelernt als von den so genannten Experten.

Von der "strahlenden Intelligenz der Kinder im Vorschulalter" sprach Sigmund Freud. Da haben wir es wieder, das Strahlen, Leuchten, das Licht, das durch die Anfänge hindurchstrahlt.

Und diese Anfänge gehören nicht nur den Kindern…
Wissen Sie, wie Robert Musils berühmter Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" endet? Er endet mit einem Komma. Der Roman hat ein "offenes Ende", da kommt noch etwas, das ist noch vieles möglich… So lässt sich auch jedes Ende gut als Anfang begreifen.

In Japan werden Kinder und alte Menschen hoch geschätzt.
Beide erfahren das Leben – auf ihre Weise – als besonders kostbar.
Kindheit und Alter gelten als privilegierte Lebensphasen. Der Kontakt zwischen den Kindern und den Großeltern, der Dialog zwischen den Jungen und den Alten, er ist deshalb auch von enormer Bedeutung. Die Großeltern geben ihr Wissen an die Enkelkinder weiter – und bleiben dabei selbst Lernende...
Die Lehrer-Schüler-Beziehung, sie ist eine Beziehung, die in Japan auch im hohen Alter immer wieder hergestellt wird, Das Lernen hört also nie auf. Und – es beginnt früh. Kindergärtnerinnen haben in Japan den Status von Universitätsprofessoren. Zu Recht – sind sie doch die ersten wichtigen Lehrerinnen, die Kindern etwas vermitteln sollen.
Auch aktive Großeltern haben für mich den Status von Universitätsprofessorinnen und Professoren. Sie geben Wissen weiter.
Sie sind es, die Kinder begleiten – durch die "Universität der Kindheit", durch eine Vielzahl von intensiven Anfängen. Von einer wirklichen Wertschätzung für alle, die helfen, kleinen Kindern die Welt begreifbar zu machen ist man bei uns leider immer noch Lichtjahre entfernt.
Ich glaube, dass wir unsere Kinder immer noch unterschätzen.
Und zwar in vielen Bereichen.

Darauf schauen, dass nix passiert, wird – für die Zukunft – zu wenig sein. Zum Glück spielt die Welt der Bücher an vielen Orten eine wichtige Rolle.
Es gibt, wir wissen es, auch bei uns in vielen Schulen und Bibliotheken Buchtage, Buchstunden und Leseprojekte, in denen die Welt der Bücher entdeckt wird. Viele engagierte Menschen leisten hier eine über alle Maßen beeindruckende Arbeit.

Ich komme zurück zu Lillis Formulierung "besser gut".
"Besser gut" – so sollte unser Umgang mit allem sein, was für Kinder angeboten wird – ob es nun die Betreuung in der Kindergruppe ist oder der Versuch besondere und besonders schöne, anspruchsvolle Bücher für Kinder zu machen.

"Besser gut" sollte auch unser Selbstverständnis als so genannte Kinderbuchautorinnen und Autoren, als Kinderbuch-Illustratorinnen oder Illustratoren, als Verlegerinnen und Verleger sein. Wir machen Bücher – auch für Kinder. Kann es eine schönere und wertvollere Arbeit geben?

"Besser gut" sollte unsere Freude und unser Erstaunen darüber sein, wie Kinder mit den Worten und Bildern umgehen, die wir ihnen anvertrauen. Wir geben ihnen Proviant mit auf den Weg, so wie wir von anderen Künstlerinnen und Künstlern mit Proviant versorgt wurden, und viele von uns sind ein Leben lang froh über diese Stärkung.

Tomas Tranströmer hat die sehr frühe Kindheit als den  "lichtstärksten Teil" seines Lebens bezeichnet.
Wir haben die Chance, mit unseren Büchern dieses Licht der frühen Jahre zu verstärken, wir haben die Chance Kindern Lebenslust, Neugier, Mut und Selbstvertrauen mit auf den Weg zu geben, und das ist wahrhaftig eine schöne, verantwortungsvolle Aufgabe.

Wir müssen nicht vor jedes Scheinwerferlicht springen, für Kinderbuchleute wird die Anzahl der Schweinwerfer ohnehin gering gehalten, aber wir sollten unser Licht auch nicht unter den Scheffel stellen. Und das sollte niemand, der für kleine und große Kinder engagiert tätig ist, in welchem Bereich auch immer.

Als "besser gut" werden heute einige Bücher ausgezeichnet.
Im Namen der ausgezeichneten Künstlerinnen und Künstler und im Namen der ausgezeichneten Verlage möchte ich mich bei der Jury und bei der Stadt Wien sehr herzlich für die Zuerkennung der Preise bedanken.
Danke auch Ihnen dafür, dass Sie diese Freude mit uns teilen.
Wertschätzung ist immer "besser gut".


Danke!