Nicht die Religion der Anderen zu verstehen, sondern vielmehr jene Menschen, die diese Religion leben – das ist laut Martin Jäggle, Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Experte im Bereich des interreligiösen Lernens und Eröffnungsreferent des Studientages, das Wesentliche an jeder Form des interreligiösen Dialogs. An den Beginn seiner Ausführungen stellte er sehr deutlich die politische Brisanz des Themas angesichts der letzten Wahlergebnisse in Österreich. Die Frage nach der gesellschaftlichen Bewertung von Differenz müsse aus seiner Sicht stets mit dem Ziel verbunden sein, ohne Angst verschieden sein zu können. Nach grundsätzlichen Bemerkungen zum Thema interreligiöses Lernen stellte er anhand ausgewählter Beispieltexte, darunter einige Erzählungen aus der Kinderzeit-schrift "Weite Welt" und das Buch "Nathan und seine Kinder", die Chancen, aber auch die Risiken dar, die erzählende Kinderliteratur dabei übernehmen kann. Nicht aufgesetzte Harmonisierung, sondern vielmehr Formen der Begegnung, die das Fremde aushält, seien dabei wichtig.
Das zweite Referat des Vormittags beleuchtete den Roman "Nicht das Ende der Welt", eine Variante des Arche Noah-Stoffes, aus Sicht zweier Religionen: Katja Eichler, Lektorin am Institut für Religionspädagogik der Evangelisch-Theologischen Fakultät, und Eleonore Lappin-Eppel , wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs und Lehrbeauftragte für Zeitgeschichte an der Universität Graz, formulierten aus Sicht ihrer religiösen Zugehörigkeit ihre Fragen und kritischen Anmerkungen an dieses Buch. Diskutiert wurde dabei unter anderem die Frage, wie sehr ein literarischer Text den Kriterien von Exegese entsprechen muss – trotz sehr deutlicher Kritik aus Sicht der Bibelwissenschaft wurde auch Faszination für diese Variante einer "völlig entkitschten Arche Noah" formuliert.
Am Beginn des Nachmittags stand ein weiterer Beitrag, der den Diskurs zwischen VertreterInnen verschiedener Institutionen ins Zentrum stellte: Unter der Gesprächsleitung von Heidi Lexe stellten Reinhard Ehgartner vom Österreichisches Bibliothekswerk, Astrid Ingruber von der Kontaktstelle für Weltreligionen und Markus Muth von der Katholische Jugend Österreich Kinder- und Jugendsachbücher zum Thema Weltreligionen vor und diskutierten deren Stärken und Schwächen. Grafische Gestaltung, sachliche Detailgenauigkeit, aber auch die Frage, inwiefern der Autor/die Autorin sich selbst einbringt bzw. seine/ihre Position zu Religion an sich transparent macht, wurden dabei als Qualitätskriterien herausgearbeitet.
Miteinander statt übereinander zu reden ist für Amena Shakir, Dozentin für Religionspädagogik und Leiterin des Studiengang für Islamische Religion (IRPA), das um und auf eines ernstgemeinten interreligiösen Dialoges, die in diesem Sinne der Einladung zu diesem Studientag gerne folgte. Sie diskutierte in ihrem Referat ein Novum des deutschsprachigen Büchermarktes: Der Koran für Kinder, erschienen im C.H.Beck Verlag und bereits im ersten Jahr in der zweiten Auflage gedruckt. Sie würdigte den Verdienst, dieses aus ihrer Sicht längst überfällige Projekt anzugehen, machte aber auch deutlich, welche problematischen Seiten das Buch aus Sicht des Islams habe: Nicht nur, dass einzelne Textstellen aus ihrem Kontext gerissen und zu neuen, thematisch orientierten Kapiteln zusammengesetzt würden, vor allem die Missachtung des Bilderverbotes mache das Buch für den Einsatz im islamischen Religionsunterricht ungeeignet.
Von der Welt der monotheistischen Religionen in den weit komplexeren Bereich des Buddhismus führte der Beitrag von Ursula Baatz, Religions- und Wissenschaftsjournalistin beim ORF. Anhand ausgewählter Beispiele aus der aktuellen Kinderliteratur zeigte sie Eigenheiten der Buddhismusrezeption in Europa, die oft Gefahr läuft, exotistisch oder moralistisch zu werden, und damit bei RezipientInnen oder LeserInnen eher Gefühle von Distanz und Ausschluss weckt. In den Bilderbüchern von Chen Jianghong, die in ihrer Bildsprache deutliche Anklänge an taoistische Gemälde und traditionelle Kunstwerke aufweisen, sieht sie hingegen die Chance, universelle Lebenserfahrungen stimmig in einen kulturellen und religiösen Kontext zu verorten.
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