Österreichischer Kinder- und Jugendliteraturpreis 2008
PreisträgerInnen
Bilderbuch
Heinz Janisch / Isabel Pin: Eine Wolke in meinem Bett. Aufbau Verlag
"Heute lag eine Wolke in meinem Bett.
'Was hast du gemacht?'
Mich dazugelegt."
Die kürzestmögliche Form einer Geschichte, fast nur ein Splitter, der sich festsetzt. Grafisch gesehen dominiert der Weißraum rund um den Text.Ein Leerraum, den die gegenüberliegende Illustration nicht ausdeutet, sondern bildlich fortsetzt. Damit jedoch zeigt sich, dass der Assoziationsraum des Geschichtenerzählens ganz und gar unabhängig ist vom Ort des Erzählens. Oder umgekehrt gedacht: Vielleicht ist es gerade die Nüchternheit des Ortes, die die Kraft der Phantasie provoziert.
"Heute habe ich mit einem Gorilla auf einem Baum gesessen.
'
Was habt ihr gemacht?'
Hausaufgaben."
Heinz Janisch und Isabel Pin geben in ihrem Bilderbuch „Eine Wolke in meinem Bett“ kleine textliche und bildliche Anreize, hinter denen sich eine ganze Welt kindlichen Fantasierens ausbreitet. Momente und ihre Details werden wie kleine Kostproben präsentiert, an denen sich sinnliche Erfahrungen ebenso entfalten können wie das kreative Gedankenspiel.
"Heute war ich in einem besonderen Haus eingeladen.
'Bei wem denn?'
Bei der Schnecke aus unserem Garten."
Nichts ist zu klein für die Literatur, hat Heinz Janisch einmal festgestellt. Doch bereits mit Alice ins Wunderland reisend haben wir gelernt, dass groß und klein relativ sind. Der gesamte Kosmos eines solchen Wunderlandes wird in Illustrationen mitgedacht, die selten etwas ins Zentrum rücken, die mit klaren Linien und Flächen arbeiten ohne je geometrisch zu wirken, die in einer von allem Klimbim befreiten Bildwelt den Blick auf das scheinbar Nebensächliche lenken – und damit letztlich nur die Spitze des Eisbergs kindlicher Wahrheit zeigen.
Heinz Janisch gestaltet seine Textpassagen in Dialogform. Wer jedoch ist hier mit wem im Gespräch?
Den 11 Szenen vorangestellt werden zwei textlose Doppelseiten: In eine periphere Szenerie werden – vorerst kaum zu entdecken – zwei Kinder gestellt, die im zweiten Bild einen gemeinsamen Spiel-Raum besetzen.
Dass es tatsächlich diese beiden Kinder sind, die einander ihre Geschichten erzählen, zeigt das Schlussbild. In den Gabelungen des Geschichtenbaums haben sich dort auch die Fantasiefiguren der Kinder festgesetzt und zeigen, dass hier nichts zersplittert, sondern aus Gedankensplittern eine Geschichte über das Geschichtenerzählen komponiert wird.
Kinderbuch Jens Rassmus: Der karierte Käfer. Residenz
„Hör zu es ist kein Tier so klein, das nicht von dir ein Bruder könnte sein“, dichtete Francois Villon nach einer Nacht, die er in seiner kalten Zelle gemeinsam mit einer Mausfrau verbracht hatte. Wir dichten um und sagen: Es ist kein Tier so klein - oder auch so groß, dass es nicht Held in einem Kinderbuch sein könnte. Und manchmal tummeln sich viele Tiere in einem einzigen Buch: Kaninchen und Fuchs, die in einem Bett liegen, Affen, die sich über ihre Lebensgrundlage nicht ganz einig sind, gelassene Bären, die sich angesichts des erwachenden Frühlings „Schmetterling“ und „Schnäuzelchen“ nennen und die im Winterschlaf zu zwei kleinen Bärenkindern gekommen sind. Mehrere Löwen, meist mit der Machtfrage beschäftigt, ein dreckiger Bison, der – sich waschend – auf den Hamster in sich kommt; ein Flamingovater mit mangelndem Stehvermögen oder Elefanten, die sich entweder zu groß fühlen, um schön zu sein, oder zu schön, weil sie so groß sind.
Es sind sehr eigenartige Tiere, die Jens Rassmus‘ kleine Prosaminiaturen in „Der karierte Käfer“ bevölkern. Sie tun nicht das, was ihnen ihr tierisches Sein vorgibt, und wenn das menschlich sein soll, was sie treibt, dann ist es meist allzumenschlich.
Komisch bis absurd ist der Grundtenor dieser Geschichten, die nichtsdestotrotz so gelassen daherkommen wie der schon genannte Bär.
Dass die 14 ganzen und die drei drittel Geschichten mit Brehms Tierleben so wenig zu tun haben wie mit Aesops Fabeln, hat wohl damit zu tun, dass den Dichter und Illustrator Biologie sowenig interessiert wie Logik, zumindest in diesem Buch, dass er dem delectare ganz eindeutig den Vorzug gibt vor dem prodesse. Das gilt auch für die Bilder, an denen man sich wunderbar erfreuen kann. Sowohl an den kleinen Vignetten, in denen, wie Rassmus selbst sagt, „der Fluss vom Kopf durch den Arm in die Hand mit dem Stift auf das Blatt am ungebrochensten und direktesten“ ist. Als auch in den farbkräftigen Bildtafeln, die wie Gemälde wirken und die bizarren kleinen Welten, von denen sie erzählen, schwergewichtig machen.
Am Ende lässt Rassmus den Bärenvater seinen Kindern eine Gutenachtgeschichte erzählen. Über all die Tiere des Buches, die dann prompt aus der Geschichte kommen, um auch zuzuhören und sich der Handlung zu bemächtigen. Der Bär verlässt erschöpft das Kinderzimmer. Auf die Frage der Bärin, ob die Kinder schon schlafen, meint er seufzend: „Nein. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.“
Hier betreibt ein sehr gewiefter und erprobter Erzähler anschaulich und komisch angewandte Poetologie.
Kinderbuch Lilly Axster / Christine Aebi: Alles Gut. de'A Verlag
„Es könnte sein, dass auf den ersten Blick nichts Besonderes zu sehen ist.“
Es könnte aber auch sein, dass der erste Eindruck trügt – und es sich um eine auf vielen Ebenen sehr klug gebaute und durchdacht erzählte Geschichte handelt.
„Es könnte sein, dass der Boden unter Suzans Füßen wackelt.“
Es könnte aber auch sein, dass das eigene Leben ganz gehörig in Bewegung gerät, man in alten und neuen Freundschaften jedoch Halt findet.
„Es könnte sein, dass da was bis jetzt war nicht mehr gilt.“ Ein Zimmer, in dem alle Zeichen auf Umzug stehen, in dem ein Kind umschwirrt wird von Fragezeichen – und das alles wegen Mamas Firma. Was wird sein, dort, wo dieses Kind in Zukunft wohnen wird, in irgendeiner Stadt, in irgendeiner Straße, in irgendeinem Haus.
Was wird sein – das fragt auch Suzann sich, die in Istanbul im Haus in der Yeni Cadde 17, im ersten Stock rechts lebt und darauf wartet, dass die Neue kommt. Wird überhaupt genug Platz sein?
Fidan hingegen, die im ersten Stock links wohnt, beginnt bereits damit diesen Platz zu schaffen …
Ruppig und mit kantigem Schnitt werden die Bildräume der Mädchen einander gegenübergestellt; gearbeitet wird auf unterschiedlichen Papieren und mit unterschiedlichen Techniken – sodass das Hin- und Her der Mädchen, das Mit- und Gegeneinander ihre illustratorische Entsprechung finden. Suzan zählt, überlegt, ordnet, sammelt, sortiert – und macht damit auch die Sprachverwirrung sichtbar, in die der Umzug von Leonie nach Istanbul gestellt wird.
Fidan hingegen räumt um und aus, schafft jene Leere, die durch Leonie neu erfüllt werden soll und die in kreativem Kontrast zu jener Leere steht, unter der Leonie jetzt noch, zwischen all den Umzugskisten in der alten Wohnung derzeit noch leidet.
Denn in „Alles gut“ von Lilly Axster und Christine Aebi zeigt sich rasch: Nur im Miteinander der drei Mädchen kommt alles wieder ins Lot, vermag der in den Karton der Umzugskiste geschnittene Buchtitel zu seiner eigentlichen Bedeutung zu gelangen.
Und so überwindet bereits die briefliche Ankündigung von der baldigen Ankunft Leonies in der Yeni Cadde 17 die Trennung zwischen den Bildräumen.
„Es könnte sein, dass ab jetzt andere Spielregeln gelten.“
Das mag sein, denn aus zwei und eins wird drei. Doch 3 ist eine gute Zahl.
„Es könnte sein, dass tatsächlich vieles anders wird. Ab jetzt. Suzan sagt 'Tamam', Fidan 'Okay' und Leonie 'Alles gut.'"
Jugendbuch Inge Fasan / Linda Wolfsgruber: Das Meer ist riesengroß. Bibliothek der Provinz
Sechs Jahre alt ist Junge in der Erzählung von Inge Fasan, dem der Vater ankündigt: „Heuer fahren wir ans Meer“. Um ihm eine Vorstellung davon zu geben, wie riesengroß das Meer ist, steigt seine Mutter mit ihm am Nachmittag von der geplanten Abreise auf einen Hügel. Gemeinsam blicken sie Richtung Süden, Richtung Meer. Das Endlose von nichts als flimmernder Luft im Sonnenlicht und das Brausen des Verkehrs der Autobahn, vermischt mit dem Geräusch des Windes und spielender Kinder ist das Ausgangsbild für eine Sehnsucht, die sich einnistet in dem Jungen, und ihn mehr als zehn Jahre nicht verlassen wird. Jahre, in denen der Reise an den Sehnsuchtort immer was entgegensteht: ein Knöchelbruch, ein bösen Blinddarm, ein Fernseher oder auch die erste Liebe. Die Sehnsucht aber wächst, bekommt Nahrung im oftmaligen Blick vom diesem Einen Hügel in den Süden.
Der Junge wächst, ist fast erwachsen. Im dritten Lehrjahr schließlich steigt er in den Zug nach Süden, um am Ende geschlossenen Auges und mit der Kindheitsvorstellung vom Meer im Kopf am realen Meer zu stehen.
Inge Fasans Erzählung besticht in ihrer Klarheit und durch den Rhythmus, der – variierend in der Geschwindikeit, manchmal stockend auch – von den Stationen einer Kindheit und Jugend vorgegeben wird. Sie reduziert ein Leben auf wenige Äußerlichkeiten und eine große Sehnsucht – und erzählt damit über das ganze Leben. Die Reduktion und Lakonie macht den Erzählraum so groß und weit, dass Linda Wolfsgrubers bestechend schöne Traumbilder vom Große Blau viel Platz haben. Diese Bilder zeichnen eine eigene Geschichte von der Sehnsucht, sie tun das in unendlich vielen Farben und alle sind sie blau.
Wie in „Das Meer ist riesengroß“ der Text und Bilder eine je eigene Geschichte erzählen, die zusammen eine wieder andere ergibt, wie dieses Buch den LeserInnen darüberhinaus den Platz gibt, ihre Geschichten und Sehnsüchte heraus- und hineinzulesen, das lotet die Möglichkeiten des Genres Bilderbuch weit über das gewohnte Maß hinaus aus.
Und macht deutlich, dass das Jugendbuch auch illustriertes Buch sein kann. Ein Sehnsuchtsbuch ist hier zu einem blauen Wunder geworden.