Lektorix in DIE FURCHE 13/1. April 2010
Tusche, Kamm, Lockenwickler
Meilensteine der Frisurgeschichte: 1872 entwickelt Marcel Grateau die Ondulation des Haupthaars, 1926 präsentiert Müller die erste Trockenhaube "Windsbraut" und 2009 gewinnt Michael Roher in der Kategorie Illustration den DIXI Kinderliteraturpreis für Nachwuchstalente. Dieses Talent widmet er in seiner ersten eigenständigen Publikation nämlich ganz der hohen Kunst des Haardesgins und bittet herein in die alliterierte Frisier-Stube des Fridolin Franse. Dutt oder Dreadlocks, Pony oder Pagenschnitt? Nein, eine Fantasie-Frisur soll es sein und so nimmt die korpulente Kundin auch schon Platz und legt ihre Haartracht erwartungsvoll in die Hände des clownesken Coiffeurs.
Der Eröffnungssequenz folgen auf textlicher Ebene die Arbeitsschritte eines Friseurbesuchs: "kämmen, waschen, shampoonieren, spülen, schneiden, färben, einwirken lassen, auswaschen, eindrehen, föhnen". Jedem Ritual wird eine weiß grundierte Doppelseite gewidmet, auf der sich die Wellenpracht der Dame in schwarzem Tuschestrich ergießt, auf der nächsten weiterwogt und so ein Leporello der haarigen Art kreiert. Die Strähnen fungieren als landschaftliche Kulisse, auf der sich aberhunderte Szenerien tummeln, die wimmelbildliche Schaulust wecken und den Bedeutungsspielraum der aufgebrachten Wörter ausreizen: Zum Eindrehen lädt ein Zirkus mit Ringelspiel und Plattenspieler, das Shampoonieren eröffnet olfaktorische und schaumweißen Genüsse und beim Spülen gleiten zahlreich bevölkerte Schiffe auf den Föhnwellen dahin.
Michael Roher wird zum Virtuosen der Assoziation, wenn er beim Einwirken wunderliche Situationen des Ruhens und Rastens in den Locken platziert und scharenweise Kunstzitate unter das Motto "färben" stellt. Detailverliebt lässt er Mumien der Marke "Christo" wandeln oder Charlie Chaplin auf den Film-Schnitt verweisen. Den kleinteiligen Tuschezeichnungen wird der collagierte Fridolin entgegengesetzt: Koloriert in Haar-Farben (brünett, blond rot – und grau) bedient er sein unkonventionelles Werkzeug von Regenwolke bis zu Badewanne unter akrobatischem Körpereinsatz und beweist extravaganten Sinn für Mode. Die üppige Fantasie spielt sich auch hier nicht im, sondern am Kopf ab, kleidet der Friseur sein Haupt doch variierend und stilsicher mit Kompass, Gurken oder Aquarium – haargenau passend zum Überthema jeder Seite. Auf dass die nun eingewobene Fantasie nicht herauspurzelt, wird die Frisur schließlich mit einer großen roten Masche vollendet. "Fertig!" ist das Meisterstück der Haar- und Illustrationskunst.
Christina Ulm
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Michael Roher: Fridolin Franse frisiert.
Picus 2010.
ISBN 978-3-85452-152-5

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