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Kröten 2012:

 

Kröte im April 2012

Tamara Bach: was vom sommer übrig ist

"Glanzbilder haben keinen Grund. Man kann sie aufkleben oder in eine Schublade legen. Sie glänzen. Es sind Glanzbilder."
Glanzbilder scheinen einer Welt des Wünschens zu entstammen – und haben gerade dadurch ihre Funktion im Miteinander von Jana und Louise. Denn dort, wo Worte nicht mehr erfassen können, was einem selbst widerfährt, muss auf andere Formen der Kommunikation zurückgegriffen werden: Die junge, deutsche Autorin Tamara Bach ist eine Meisterin, wenn es darum geht, ihre Figuren über sich selbst und miteinander kommunizieren zu lassen und sich dabei doch im ausgesprochenen Minimalismus zu üben. Da wurden in ihren drei bisherigen Romanen Kekse über den Tisch geschoben, Songs angespielt, Kaffee gekocht, Schallplattensammlungen in Unordnung gebracht, Vampirfilme herbeizitiert, CDs gebrannt. Hier sind es Glanzbilder und Postkarten aus einer utopierten Abenteuerwelt mit deren Hilfe dort Kontakt aufgenommen und Beziehung hergestellt wird, wo scheinbar gar nichts mehr geht.
"Es geht weiter. Wir stehen auf. Und gehen los. Und irgendwann wird unser Gehen eine Richtung bekommen." So heißt es am Ende von „Busfahrt mit Kuhn“ – und auch in Tamara Bachs neuem Buch geraten Bewegung und Stillstand aneinander. "Und bis hierhin sind wir schon gekommen", heißt es an dessen Ende, an dem vom Sommer kaum noch etwas übrig ist und die beiden Protagonistinnen einander doch Carepakte ganz unterschiedlicher Art geschnürt haben, um auf jene Tour zu gehen, die man Leben nennt.
Am Beginn dieses Sommers steht ein durchdachter Plan, den die 17jährige Louise gefasst hat: Zwei Ferienjobs sollen bewältigt, der Hund der Oma betreut und der Führerschein geschafft werden. Theorie und Praxis klaffen schon am ersten Morgen auseinander, wenn der so träge anlaufende Sommer erstmals seine stilistische Beschleunigung erfährt. Und dann taucht da wie ein wortwörtliches Mahn-Mal auch noch die 13jährige, pampige Jana auf. Sie blockiert Louises Weg – und weist doch auf ganz neue Richtungen, die man einschlagen könnte.
Unvermittelt, und für die LeserInnen erst im Verlauf der jeweiligen Texteinheiten erkennbar, wechselt Tamara Bach zwischen den Perspektiven ihrer beiden Figuren und gestaltet doch deren jeweilige Weltwahrnehmung sprachlich prägnant und unverwechselbar. Beide Mädchen – so zeigt sich – leben im Schatten des Krankenhauses, einem Un-Ort, der das Leben der beiden bestimmt und doch nicht zu deren Aktionsraum wird: Louises Eltern arbeiten im Krankenhaus und versuchen sich ihre Dienste so einzuteilen, dass immer einer der beiden zu Hause bei der Tochter ist. Die Dienstzeiten und die daraus resultierende Erschöpfung jedoch führen dazu, dass Louise dennoch allein mit Schlafenden lebt; die konsequent jugendliche Erzählhaltung hat zur Folge, dass diese Eltern nie zu Wort kommen. Janas Eltern hingegen sprechen sehr wohl mit ihr – und dabei immer an ihr vorbei, denn der Fluchtpunkt allen familiären Handelns ist Tom, Janas Bruder, der in diesem Krankenhaus im Koma liegt, nach jener Sache … Auf literarisch virtuose Weise erfährt man, was damit gemeint ist, wenn Jana erzählt, wie mühsam mittlerweile ein Supermarktbesuch mit all den verhaltenen Fragen und getuschelten Vermutungen hinter den Regalreihen ist.
Wie zwei Himmelskörper, die aus ihrer Umlaufbahn geraten sind, stoßen die beiden Mädchen aufeinander; der Aufprall setzt einen Sternenregen aus Wünschen frei, als sie sich einen Tag Sommer gönnen und dabei ein umfassendes gedankliches „als ob“ inszenieren.
"Und dann wünsche ich mir, dass das nie wieder anders wird. Am liebsten soll die Zeit stehenbleiben, und wenn sie dann doch weitergeht, dann soll alles wieder gut sein, dann soll Tom leben und wach sein und auch wollen."
Den spezifischen Rhythmus ihres literarischen Sprechens, den Wechsel zwischen Satzschleifen und knappen Dialogen, Ellipsen, Einwortsätzen und sichtbar gemachten Gedankensprüngen nutzend, komprimiert Tamara Bach das Erleben von Louise und Jana auf wenige Situationen während eines Sommers, in dem das Wünschen nicht hilft und doch zum zentralen Thema wird. Selten wurde in einem Jugendroman so befreit von allem thematischen und stilistischen Rundherum von der Sehnsucht danach erzählt, dass die Bewegung stoppt und doch alles in Fluss kommt. "Und jetzt gehen wir, bis uns was anderes einfällt. Aber erst mal gehen wir."

Heidi Lexe

 


Carlsen 2012. 144 S.,
€ 13,30. ISBN
978-3-551-58242-3.

„Glanzbilder haben keinen Grund“ ist auch der Titel eines Abends mit Tamara Bach bei der STUBE-Tagung Wörter würfeln... in Strobl, zu dem die STUBE sehr herzlich auch all jene einlädt, die nicht an der Tagung teilnehmen.
27. April / 19.30 Uhr / Bundesinstitut für Erwachsenenbildung Strobl
Wörter würfeln ...
Den Büchertisch an diesem Abend wird die Keltenbuchkandlung Hallein betreuen.


 

All jene, die nicht an der Tagung in Strobl dabei sein können, haben zwei Tage davor die Möglichkeit, Tamara Bach exklusiv in der STUBE in Wien zu treffen:

Was vom sommer übrig ist
Lesung und Werkstattgespräch mit Tamara Bach 
25. April / 19 Uhr / STUBE


Den Büchertisch an diesem Abend wird die Facultas Dombuchhandlung betreuten. Die STUBE dankt ihr und dem Verlag Carlsen für die Kooperation!

Für Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren wird Tamara Bach am Freitag, 26. April 2012 um 10 Uhr im Kirango Kinderplaneten in der Hauptbibliothek am Gürtel (Veranstaltungssaal) lesen. Infos und Anmeldung unter
http://www.kirango.at/de/veranstaltungen/kalender/1670

 

Kröte im März 2012

Adolfo Serra: Rotkäppchen

Die Gattung der Volksmärchen wird durch ihre lange mündliche Überlieferungstradition bestimmt – Geschichten also, die immer wieder in unterschiedlichen Varianten weitererzählt wurden, um dann schließlich in der schriftlich festgehaltenen Fassung durch formelhafte, immer gleich bleibende Formulierungen geprägt zu werden: Von "Es war einmal" bis zu "Dann leben sie noch heute". Welche Textfassung den lesenden Kindern und Erwachsenen präsentiert wird, unterliegt ebenfalls einer langen – und durchaus wechselhaften – Tradition: Für ihre 1812 erstmals erschienene Märchensammlung nahmen beispielsweise Jakob und Wilhelm Grimm Elemente, die ihnen zu grausam erschienen, aus den Texten heraus. Billig produzierte Kaufhausbücher verfremden den Stoff oft bis zur Unkenntlichkeit, anspruchsvolle Märchenausgaben rühmen sich wiederum mit der Tatsache, dass sie "den Originaltext" verwenden – welche Fassung aber ist in diesem Fall die originale?
Diesen Komplikationen entzieht sich der spanische Illustrator Adolfo Serra in seiner Rotkäppchen-Variante (im spanischen Original wohlklingend "Caperucita Roja"), für die er 2011 bereits den Dragón Ilustrado erhielt – und die gänzlich textlos erzählt. Farbakzente, in einer vor allem in Schwarz-Weiß gezeichneten Märchenwelt sind neben den (wenig überraschenden) roten Elementen vor allem die leuchtendgelben Augen des Wolfes. Dieser ist hier nicht nur eine Figur, sondern wird vielmehr zum Schauplatz der Handlung: Ein winziges kleines Rotkäppchen irrt nicht durch den Wald, sondern durch das struppige Fell des Wolfes selbst – das allerdings in Nahaufnahmen durchaus einem Wald ähnelt. In Rotkäppchens wehendem Haar wiederum ist bei genauem Hinsehen die Silhouette des Wolfes zu erkennen. Im temporeichen Wechsel verschiedener Perspektiven wird so die bekannte Geschichte neu erzählt – und, wohl einmalig in der Überlieferungstradition, erstmals im Bild gezeigt, wie es eigentlich im Bauch des Wolfes ausschaut.

Kathrin Wexberg   

 


aracari 2012. 40 S.,
€ 14,30. ISBN 978-3-905945-32-4.

Seit der erstmaligen Herausgabe der Volksmärchen der Brüder Grimm, die sich 2012 zum 200. Mal jährt, wurde der Rotkäppchen-Stoff vielfach variiert: So finden sich in der Kinder- und Jugendliteratur zahlreiche Varianten der bekannten Elemente von Wolf – Mädchen – Wald  etc. Einige davon haben wir in einer
Buchliste rund um "Rotkäppchen" zusammgestellt.

 

 

Kröte im Februar 2012

Timothée de Fombelle: Vango. Zwischen Himmel und Erde

Eine Verstrebung des Eiffelturmes, auf dem in zweihundertfünfundzwanzig Metern Höhe ein dreizehnjähriges Mädchen sitzt. Eine Höhle auf einer kleinen Insel vor Sizilien, in der ein griesgrämiger Mann eine sonderbare Beziehung zu seinem Esel hat. Ein Strand am Ufer des Schwarzen Meeres, an dem ein Mädchen namens Setanka noch nichts von dem Schrecken weiß, den ihr Vater im ganzen Land verbreitet. Dies sind nur einige der Schauplätze, an denen Timothée de Fombelle die verzweigten Handlungsverläufe seines Romans ansiedelt. Schlaglichtartig wechselt die Perspektive zwischen der Hauptfigur Vango und zahlreichen weiteren Figuren, deren Relevanz für die Geschichte sich erst nach und nach erschließt. Auf unterschiedlichen Zeitebenen entfaltet sich sowohl ein breites zeit- und kulturgeschichtliches Panorama als auch die Geschichte einer Identitätssuche: Denn Vango, der einst mit seiner Amme Mademoiselle vor einer italienischen Insel gestrandet ist, weiß nichts über seine Herkunft, weiß nicht, warum ihm ein Mord angelastet wird und warum er verfolgt wird. Wie Vango auf seiner Flucht von Ort zu Ort, von Frage zu Frage getrieben wird, verlaufen auch die komplexen Erzählstränge: Kaum scheint sich eine Querverbindung erschlossen zu haben, wird eine nächste angedeutet, kaum scheint einer Figur die Flucht gelungen zu sein, wird klar, dass eigentlich jemand ganz anderer gesucht wurde. Timothée de Fombelle hat seine künstlerischen Wurzeln im Theater (mit siebzehn Jahren gründete er eine Theatertruppe), die Lust am Inszenieren merkt man dem Text an: So rasant die Handlung in ihrer Fülle verläuft, so genau werden Details platziert. Auch am Ende der fast 400 Seiten weiß Vango nicht, wer er ist und wer ihn töten will – die Auflösung aller Geheimnisse verspricht Band 2, im französischen Original bereits erschienen.

Kathrin Wexberg   

 


Aus dem Franz. v. Tobias Scheffel und Sabine Grebing. Gerstenberg 2011. 400 S., € 17,50. ISBN 978-3-8369-5365-8

Wie in "Vango" sind in zahlreichen Büchern Städte wesentliche Handlungsorte. Passend zur Kröte des Monats Februar haben wir daher unsere Buchliste zum Thema "Städte" aktualisiert und erweitert.

 

 

Kröte im Jänner 2012

Iwona Chmielewska: Blumkas Tagebuch

Vergissmeinnicht fallen auf die letzte Seite und wachsen auf dem Nachsatz weiter. Noch deutlicher könnte die Lektüre dieses historischen Bilderbuchs nicht abgeschlossen werden: Es gilt zu erinnern an die pädagogischen Wunder von Janusz Korczak, dem polnischen Arzt und Autor kinderliterarischer und pädagogischer Schriften, der die jüdischen Kinder seines Waisenhauses ins Vernichtungslager Treblinka und damit in den Tod begleitete. Doch schon vor diesem Ereignis, das ihn zur Legende machte, fiel Janusz Korczak mit seiner liebevollen Erziehung auf:
"Der Herr Doktor lässt uns genügend Zeit, damit wir uns erholen. Das Wachsen sei, so sagt er, schließlich keine leichte Arbeit. Das Herz müsse mit den Knochen Schritt halten, wenn diese wachsen."
"Wie man ein Kind lieben soll" lautet Korczaks wohl wichtigstes pädagogisches Werk, und aus der Sicht eines dieser geliebten Kinder wird hier von den Grundgedanken seiner "fröhlichen Pädagogik" erzählt. Blumka ist die zentrale fiktive Figur, deren Tagebuch das Buch im Buch bildet. Zu sehen ist es in der oberen Bildhälfte jeder Seite. Es eröffnet mit jedem Umblättern kleine Einzelszenen, Bildideen und Motive, die aus dem Tagebuch in den Bildraum des Bilderbuchs wachsen. Mit collagierten Tonpapieren und blauer Tusche schafft Iwona Chmielewska ein sepiagetöntes Album, das zwölf Kinder des Waisenhauses in Warschau porträtiert: Pola, die zwei Tage lang eine Erbse in ihrem Ohr wachsen ließ, bevor sie der Herr Doktor rausholen konnte oder Szymek, der den Wettbewerb im Zwiebelschälen gewann, aus denen Frau Stefa Hustensirup für alle Kinder machte.

Während Janusz Korczak in dieser ersten Hälfte des Buches über seine Wohltaten und Wirkungen sichtbar wird, widmet sich die zweite Hälfte konkret seiner Person: "Das ist unser Herr Doktor" – Janusz Korczak, der die weißen Hemdchen der Kinder behutsam aufhängt; Janusz Korczak, der anklopft, bevor er sein Zimmer betritt, um die Spatzen auf dem Fensterbrett nicht zu erschrecken.
Die warmen Bilder und in der Sprache des Kindes gestalteten Texte zeigen ihn als gerechten, liebenden Vater. "Der Herr Doktor ist für uns am wichtigsten, und wir sind am wichtigsten für ihn."
In der Bildgestaltung zentral ist die Verwendung von liniertem Papier aus einem Schulheft, das zerschnitten und in neue Bildkontexte gestellt wird. So wird die Linierung dekonstruiert – analog zur Korczaks Reformpädagogik, die die starren Regeln und Vorgaben der damaligen autoritären Erziehung gebrochen hat. Blumkas bibliophiles Tagebuch gibt berührende Impressionen seiner Biografie wieder und der Biografien, auf die er so bewundernswert gewirkt hat – "Lange könnte ich noch über ihn schreiben. Doch er löscht gerade das Licht."

Christina Ulm     

 


Vom Leben in Janusz Korczaks Waisenhaus.
Gimpel Verlag 2011
64 S., € 30,80. ISBN
978-3-9811300-6-5