Heinrich Heine: Loreley
Ill. v. Aljoscha Blau. Berlin: Kindermann 2006
Wer heutzutage ein Gespräch aufschnappt, in dem es um eine Loreley geht, darf in den seltensten Fällen davon ausgehen, dass hier deutsches Kulturgut verhandelt wird. Vielmehr bleibt zu vermuten, dass es sich bei dem Gespräch um Lorelai handelt und gerade das Neueste aus der Serie „Gilmore Girls“ besprochen wird.
Und doch ist auch die andere, die eigentliche Loreley nicht vergessen – jene unheilbringende Schönheit, die kraft ihres Gesanges die Schiffer in ihren Bann zieht: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...“ Die Worte klingen in uns nach und sei es nur, weil wir nie verstanden haben, wieso wir in der Schule Balladen wie diese auswendig lernen mussten. Die bewährte Reihe, die sich der Weltliteratur für Kinder annimmt, befreit Heinrich Heines traurigen Sprachgesang aus seiner Verzweckung und stellt ihn als Bilderbuchgeschichte in neuen Kontext: Ein Ausflugsschiff bricht zum Loreley-Felsen auf und ohne dass diese Tatsache explizit angesprochen würde, beginnt der Kapitän wohl jene Geschichte zu erzählen, die in eine entrückte Sagenwelt entführt. Aljoscha Blau taucht diese doppelseitig ausgebreitete unbegreifliche Welt in gleißend oranges Licht, das sich im herabfallenden Haar des Mädchens am Felsen spiegelt. Gemeinsam mit dem Kapitän und der kindlichen Hauptfigur durchlebt man gleichsam das erzählte Geschehen, fühlt sich hineingestellt in jene traum-haften Ereignisse. Am Ende der eindringlichen Bildinterpretation findet sich ein Nachwort zur Ballade, deren historischem Hintergrund und natürlich zu Heinrich Heine. Und bevor uns die Wellen ganz und gar verschlingen, können wir uns ja rasch auf das sichere Land der nächsten Folge der „Gilmore Girls“ retten ....
Heidi Lexe
„Loreley“ ist eines jener Bücher, die zu einem Lyrik-Schwerpunkt in der soeben erschienenen, neuen „Seitenweise Kinderliteratur“ zusammengefasst wurden.
Einen Ausblick darauf finden Sie hier
„Seitenweise Kinderliteratur 2006“ wird allen STUBE-Card-BesitzerInnen derzeit zugestellt. Alle anderen können die Broschüre hier bestellen.
Eine Zusammenstellung der lyrischen All-Time-Favourits der STUBE finden Sie hier
Heinrich Heine
Loreley
Ill. v. Aljoscha Blau.
Berlin: Kindermann 2006, 20 S., € 15,00
ISBN 3-934029-24-8
Kröte im November 2006
Sharon Creech: Glück mit Soße
Molto, molto traurig fühlt Rosie sich gerade. Schuld daran ist Bailey. Dieser Bailey! Und das, obwohl Bailey seit Jahren Rosies bester Freund ist. Granny Torrelli jedoch scheint das Zauberwort zur Lösung von Rosies Problem zu kennen: Zuppa! Und schon wird geschnippelt und gerührt. Der mit viel Genussfreude zelebrierte Kochvorgang mündet jedoch nicht nur in die Köstlichkeit italienischer Gemüsesuppe, sondern ermöglicht es Rosie auch, stückweise damit herauszurücken, warum ihr denn, ach, dieser Bailey, derzeit gar so unmöglich erscheint. Und als im zweiten Teil der Erzählung Granny Torelli erneut anrückt, diesmal um Pasta zu kochen, wird auch Bailey mit einbezogen. Dieserart entstehen zwei literarische Miniaturen, in denen der scheinbar zentrale Akt des Kochen das scheinbar Nebensächliche ans Licht bringt: So wie aus den Zutaten langsam Köstlichkeiten der italienischen Küche entstehen, fügen sich unter Granny Torrellis Küchen-kompetenz Überlegungen, Erklärungen und kleine Auseinande-rsetzungen zur Erkenntnis des eigentlichen Problems zwischen Rosie und Bailey. Das neu gewonnene Einverständnis zwischen den beiden ermöglicht es ihnen, auch andere in ihre Freundschaft einzubeziehen und mündet in ein entspanntes Pastafest. Tutto va bene! Und wer versuchen möchte, dass das Glück dieserart auch bei ihm/ihr einkehrt, dem sei die Anschaffung eines sehr großen Topfes angeraten. Granny Torrellis dazugehörige Rezepte findet man – begleitet von Feinschmeckerillustrationen – am Ende der beiden Erzähleinheiten.
Heidi Lexe
Und wer den nun schon mal angeschafften Topf auch anderwertig nützen will, dem hilft die STUBE mit einer kleinen Auswahl an Büchern weiter, in denen sich alles um diverse Köstlichkeiten und deren Produktion dreht. Also: An die Töpfe!
Aus dem Amerikanischen von Adelheid Zöfel.
Mit Bildern von Rotraut Susanne Berner.
Fischer Schatzinsel 2006.
€ 11,90
ISBN 3-596-85175-0
ab 9 Jahren
Kröte im Oktober 2006
Dagmar H. Mueller/Verena Ballhaus: Herbst im Kopf. Meine Oma Anni hat Alzheimer
In der gleichen Ausstattung wie die ebenfalls von Verena Ballhaus illustrierten, von Franz-Joseph Huainigg verfassten Bücher „Wir verstehen uns blind“, „Wir sprechen mit den Händen“ und „Meine Füße sind der Rollstuhl“, die sich mit verschiedenen körperlichen Behinderungen beschäftigen wird hier eine Beeinträchtigung beschrieben, für deren Besonderheiten erst langsam ein gesellschaftliches Bewusstsein entsteht: Paulas Oma Anni ist anders als andere Omas – sie hat Alzheimer. Paula beschreibt aus ihrer kindlichen Sicht, was das Ungewöhnliche an dieser Krankheit ist: Man muss nicht im Bett liegen, man ist oft sogar ganz fröhlich, aber trotzdem ist vieles Anders als bei Gesunden. In Illustrationen und Text werden anschauliche Bilder für das gefunden, was Alzheimer mit Menschen macht: So beschreibt Paulas Mutter Omas Leben als einen Baum, an dessen unteren Blättern die Erinnerungen an ihre Kindheit fester befestigt sind, während der Herbst im Kopf die oberen Blätter als erstes wegbläst und sie Dinge, die gerade passiert sind, schnell wieder vergisst. Mit viel Respekt und Sensibilität für die betroffene Person wird von den vielfältigen Schwierigkeiten erzählt, sei es lebenspraktischer oder gesellschaftlicher Art, aber auch, ohne zu beschönigen, Kompetenzen beschrieben – denn „Bilderbücher anschauen kann man mit keinem auf der ganzen Welt so gut“ wie mit Oma Anni!
Kathrin Wexberg
Annette Betz 2006.
€ 12,95
ISBN 3-219-11260-9
ab 5 Jahren
In Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Bibliothekswerk wird das Thema Alte Menschen in der Kinder- und Jugendliteratur in der STUBE einen Schwerpunkt dieses Arbeitsjahres bilden.
Einen Vorgeschmack gibt eine Zusammenstellung aktueller Bilderbücher, die eigenwillige und manchmal auch kuriose alte Menschen in den Mittelpunkt der erzählten Geschichten stellen.
Bart Moeyaert / Wolf Erlbruch: Olek schoss einen Bären und nähte sich aus dem Pelz eine Mütze
Der Farbe Rot hängt – so das kleine Lexikon des Aberglaubens – der „Ruch des Dämonischen“ an. Es mag im ersten Moment also verwundern, dass der sicher nicht ganz uneitle, aber doch herzensgute Olek bildlich mit genau dieser Farbe charakterisiert wird. Wolf Erlbruch konzentriert die Wirkmächtigkeit der Figur auf deren aus rotem Papier geschnittenen Kopf. Beseelt vom Vorsatz „Ich tue, was ich kann“ zieht Olek in die Welt, ist hier behilflich und greift da rettend ein und findet sich bald auf seltsame Weise verbunden mit einem roten Vogel. Scharfkonturig auf den naturfarbenen Hintergrund gesetzt führt das seltsame Tier weiter ans Dämonische heran (sind doch Rotkehlchen und Rotschwänzchen im abergläubischen Kontext explizit benannt. Es überlässt Olek eine Feder, verbunden mit dem Versprechen der Hilfestellung. Schon bald bedarf Olek dessen Einlösung – und damit finden alle Vorwegnahmen des Dämonischen ihre Konkretisierung: Olek fordert den Teufel heraus. Als vernarbtes Knollengesicht, dessen gedungener Körper sich auf klitzekleinen Rollen fortbewegt, interpretiert der Glutäugige Oleks scheinbar gute Taten neu … Der Feuervogel ist ein beliebtes Motiv russischer Märchen und Legenden und hat im Ballett von Igor Strawinsky seine wohl bekannteste künstlerische Realisierung gefunden. Bart Moeyaert nähert sich der Geschichte mit Hilfe des naiven Blicks seiner Hauptfigur und eröffnet Wolf Erlbruch die Möglichkeit, das Zusammenspiel des Menschlichen und des Magischen in der faszinierenden Zusammenführung zweier Stilmerkmale zu spiegeln: Der stark auf Reduktion setzenden Kreidezeichnung und der Collage wirkmächtig aus deckendem Papier geschnittenen Figuren.
Aus dem Niederländischen v. Mirjam Pressler
Peter Hammer 2006.
€ 16,90
ISBN 3-7795-0050-7
ab 6 Jahren
Am 20. September wird Wolf Erlbruch im Rahmen des 30. Internationalen IBBY-Kongresses in Peking der immer wieder als Kinderliteratur-Nobelpreis titulierte Hans Christian Andersen-Preis verliehen.
Aus diesem Grund verleiht das STUBE-Team ihm den Goldenen Bären
Kröte im Juli und August 2006
Betty Hicks: Der Sommer, in dem meine Sonnenblume gekillt wurde
Während Sonnenblumen im Allgemeinen eher als Symbol für Sommer, Sonne und gute Stimmung stehen, wird hier eine Sonnenblume zum Auslöser für eine veritable Krise in einer Patchworkfamilie, die gerade erst zusammen gefunden hat: Die Mutter von Lily und Parker hat noch einmal geheiratet, und ihr neuer Partner bringt gleich zwei Kinder mit in die Ehe, Eric und Vanessa. Als eines Tages Lilys liebevoll im Garten gezüchtete Sonnenblume heimtückisch hinterrücks abgeknickt wurde, ist für alle klar, dass nur eine die Täterin gewesen sein kann: Die neue Schwester Vanessa, mit der sie in einem schwierigen Konkurrenzverhältnis steht. In einem turbulenten Durcheinander von Verdächtigungen, elterlichen Sanktionen, Wiedergutmachungsversuchen und Auseinandersetzungen stellt sich schließlich heraus, dass die Dinge doch ganz anders liegen, als auf den ersten Blick vermutet!
Die Dynamik der Geschehens zeigt sich nicht nur in der Erkenntnis von der Verschiebung geschwisterlicher Hierarchien und Rollenbilder, sondern vor allem in der Wahl der Perspektive: Die „neuen“ Geschwister erzählen abwechselnd aus ihrer je eigenen Sicht und ermöglichen dadurch den sowohl humorvollen wie auch erkenntnisreichen Wandel in der Wahrnehmung (und im „Wahrheitsgehalt“) einzelner Situationen.
Betty Hicks gelingt eine sensible und variantenreiche Schilderung des nicht immer leichten und niemals langweiligen Prozesses familiärer Neuorientierung, der im amerikanischen Orginaltitel „Out of order“ auf den Punkt gebracht wird.
Kathrin Wexberg
Passend zur Sommer-Kröte überreichen wir einen kinder- und jugendliterarischen Sonnenblumenstrauß
Aus dem Engl v. Sylke Hachmeister
Dressler 2006.
€ 12,-
ISBN 3-7915-0811-3
ab 9 Jahren
Kröte im Juni 2006
Thé Tjong-Khing: Die Torte ist weg! Eine spannende Verfolgungsjagd.
Nun erklärt sich die Wahl zur Kröte des Monats unter anderem ja mit einem zweiten Blick, dessen das jeweilige Buch bedarf. Ein zweiter Blick wird bei dieser textlosen Wimmel-Variante jedoch nicht reichen:
Ihren Ausgangspunkt nimmt die verblüffenden Verfolgungsjagd in einer an sich unspektakulären Szene: Einem Hunde-Ehepaar wird von einem diebischen Rattenpärchen eine Torte geklaut. Die Übeltäter befinden sich auf der Flucht und wir uns ihnen auf den Fersen – und so als würde man sich in einem GIS-System langsam von Westen nach Osten vorarbeiten, rückt der Blick der BetrachterInnen mit jeder Doppelseite im entfalteten Bilderbuch-Panorama ein Stück weiter: Immer mehr Figuren schälen sich dabei aus dem Dickicht des Waldes, das – einem Fluss entlang – zunehmend in eine offenere Landschaft übergeht. Jede dieser Figuren ist in ihre eigene Verfolgungs-, und/oder Suchgeschichte verwickelt und es bedarf des mehrfachen, lustvollen Vor- und Zurückblätterns, um alle Situationen und deren Ursache zu entschlüsseln. Aber selbst die langsame Schildkröte hat es schlussendlich ins Bild zurück geschafft und trägt tapfer ein verlorenes Entlein auf ihrem Rücken. Man hat es wohl irgendwo vergessen – aber wo? Und schon ist man wieder am Suchen: Egal, ob es sich um den Dinosaurier handelt, von dem man sich fragt, wo der denn nun plötzlich hergekommen ist, oder um den rote Popo des Chamäleons, man ruht nicht, bevor man nicht alle kleinteiligen Szenerien zugeordnet hat.
Faszinierend dabei bleibt der Aspekt des Räumlichen: Einerseits bewegt man sich mit den Figuren in einem sich ständig verändernden Raum, der das Geschehen rund um die Tortendiebe mit dieser Veränderung auch entscheidend beeinflusst – so kommt die ständige Fort-Bewegung der Figuren nur ein einziges Mal zum Stillstand: als nämlich das kleine Schweinekind über einen Felsabhang zu stürzen droht.
Andererseits wird mit dem Dargestellten auch jener Raum sichtbar, den das Buch selbst mit dem Aufschlagen öffnet: Orientiert ist das Dargestellte konsequent an der Blickrichtung der BetrachterInnen. Und doch wird diese Blickrichtung permanent unterbrochen, indem man sich im Bilderbuch-Raum ständig vor- und zurückbewegt um alle Einzelgeschehnisse zu dechiffrieren. Renate Habinger hat in ihrem auf der Fernkurs-Tagung zu Raum und Raumgestaltung gehaltenen Referat mit dem Titel „Links oder rechts. Oben oder unten. Gestaltungsraum Buch“ darauf hingewiesen, dass gerade dieses Bilderbuch verstanden werden kann als Beispiel für die Tatsache, dass das Öffnen/Lesen/Betrachten eines Buches immer einer Bewegung im Raum – in diesem Fall eben dem Buch-Raum – gleicht.
Heidi Lexe
Moritz 2006.
€ 12,80
ISBN 3-89565-173-7
Ein Bericht zur Tagung Länge mal Breite. Raum und Raumgestaltung in der KJL ist nachzulesen im STUBE-Tagebuch
Ein Tagungsbericht erscheint im Herbst 2006 in der Reihe Fokus
Kröte im Mai 2006
Bruno Blume/Verena Ballhaus/Quint Buchholz/Nadia Budde/Jacky Gleich/Susanne Janssen: wer liest, ist. Hinstorff 2006.
Das Lesen als Seins-Frage: Das Gedruckte als Unterfutter für das Begreifen all dessen, was rund um uns, vor allem aber mit uns passiert. Der subjektive Blick darauf unterscheidet sich jedoch, wie man weiß, manchmal deutlich von anderen Sichtweisen. Die reizvolle Wirkung solcher Perspektivenwechsel zeigt sich in einem außergewöhnlichen Bilderbuchprojekt, das der Autor und Kritiker Bruno Blume gemeinsam mit der Illustratorin Jacky Gleich ins Leben gerufen hat: „wer liest, ist“ vereint fünf Bilderbuch-Varianten in einem Band, indem neben Jacky Gleich selbst vier andere, ebenfalls zur Elite der Bilderbuchillustration in Deutschland gehörende KünstlerInnen, von der selben Textvorlage ausgehend individuelle Bilderfolgen gestaltet haben. Über den assoziativen, in Strophenform gehaltene Text von Bruno Blume konnte dabei frei verfügt werden – und so unterlegt Nadja Budde die Verse mit einer Art Lebenszyklus, während Quint Buchholz sie in üppigen Einzelgemälden ausbreitet und Verena Ballhaus den Text selbst als Bild begreift; Jacky Gleich nutzt die Verse, um eine Kinderfigur in unterschiedliche Lebens-Szenerien zu beobachten, Susanne Janssen, um Artisten durch das Rund einer Manege zu lenken. Je nach illustratorischer Wahrnehmung ändert sich damit auch der Text – und changiert zwischen narrativ, szenisch und (sprach-) philosophisch. „wer liebt, verschiebt“, lautet eine der Verszeilen, und gemeint ist damit vielleicht auch, dass der Blick, der mit Offenheit und Aufmerksamkeit auf eine Sache fällt, unser Begreifen derselben verändert. Insbesondere dann, wenn auf so engem Raum so unterschiedliche Illustrationsstile zueinander finden und damit eine Art „Schule des Sehens“ ermöglicht wird. Die Konventionen des Bilderbuches, zumal der Bilderbuch-Geschichte, werden mit diesem Projekt, an dem sich LeserInnen in Form von Buch-Patenschaften für Schulen auch selbst beteiligen können, deutlich provoziert. Doch: „wer nicht träumt, versäumt“.
Heidi Lexe
Weiterführendes von den und über die beteiligten IllustratorInnen:
Ein Porträt von Verena Ballhaus ist in der reihe Lexikothek im Fernkurs Kinder- und Jugendliteratur der STUBE erschienen. Porträt als pdf
Von Nadja Budde gibt es eine schlicht geniale Homepage mit der sich im wörtlichen wie übertragenen Sinn abheben lässt.
Von Quint Buchholz steht eine wunderschöne Bildergalerie online, die mit Informationen über den Illustrator ergänzt wird.
Susanne Janssen hat anlässlich einer Ausstellung eine informative Selbstcharakteristik verfasst.
Hinstorff 2006.
€ 15,90
ISBN 3-356-01129-4
Kröte im April 2006
Jeanne-Marie Leprince de Beaumont / Anne Romby:
Die Schöne und das Biest
Das Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals veröffentlichte Märchen trägt schwer an seinem Schicksal: Zuallererst am unaussprechlichen Namen seiner Autorin, der in zahlreichen Sammlungen lieber gleich weggelassen wurde und über die Jahrhunderte hinweg zum weit verbreiteten Glauben geführt hat, die Geschichte vom erschreckend hässlichen und doch so geistvollen Ungeheuer und der herzensguten Schönen stamme aus anonymer Quelle. Bis Walt Disneys Unterhaltungskonzern sich heldenhaft des Märchens annahm und für musikalisch einschlägige Assoziationen sorgte, mit deren Hilfe nicht nur dessen Autorin, sondern auch das Märchen selbst der Gefahr des Vergessens preisgegeben wurde.
Umso erfreulicher, dass nun eine neu illustrierte Fassung der originalen Version vorliegt. Und auch wenn sich das Pathos der Geschichte in vielen der Bilder entsprechend niederschlägt, so bleiben wir doch gewahr vor singenden Tassen und Leuchtern. Vielmehr zeigt die französische Künstlerin auf faszinierende Weise Interesse an unterschiedlichen Materialien, die sie zur Bildgestaltung einsetzt (durchscheinende Blätter, Blüten, Fließe, Gaze- und Pressstoffe etc.), und unterstreicht damit den Eindruck, es mit einem sehr filigranen Wirklichkeits- und Wahrnehmungsgebilde zu tun zu haben. Kein Wunder, verbirgt das Biest, das von jenem Mann, der eine Rose im Schlossgarten brach, die Tochter als Pfand fordert, doch das Geheimnis seiner wahren Identität – mehr noch: Er ist dazu verdammt darauf zu hoffen, dass das schöne Mädchen ihn mit ihrer Liebe zu erlösen vermag. In großformatigen Bildern eröffnet sich eine schmucke, aber letztlich einsame Märchenwelt, deren artifizieller Charakter durch zahlreich angeordnete Tierdarstellungen unterstrichen wird. Das Biest wandelt ein wenig an das Phantom der Oper erinnernd durch diese Welt, in der allerlei schöne Künste nicht jene Errettung bringen können, die der Schönen als Bürde auferlegt werden. Die aus reiner Liebe erfolgte Erlösung zeigt sich kontrastreich in metamorpher Befreiung: Auf Schmetterlingsflügeln wird das liebende Paar auf den Weg ins neue Glück geschickt.
Heidi Lexe
Eine kurze Darstellung anderer animorpher Figuren in der KJL finden Sie hier
Aus dem Französischen von Barbara Egner Esslinger atelier 2006
64 S., € 17,90
ISBN 3-480-22142-4026-7
Kröte im März 2006
Bali Rai: Rani & Sukh. Eine verbotene Liebe.
Kick it like Beckham hieß einer der erfolgreichsten britischen Filme der letzten Jahre. Verhandelt wurden darin mit augenzwinkernder Leichtigkeit die Schwierigkeiten der in England aufgewachsenen Töchter (und Söhne) indischer EinwanderInnen; der Autor Bali Rai hingegen (dessen Eltern selbst aus dem Pandjab stammen) greift im gleichen thematischen Kontext gerne auf die ein wenig schwülstigen Stilmittel der Bollywood-Filme zurück, in denen er nach eigenen Angaben eine wesentliche Inspirationsquelle sieht: Everything in fact that you get in a Bollywood flick minus the singing and dancing. (Quelle: Homepage des Autors) Grundmotiv seines neuen Romans ist die gute alte Geschichte von Romeo und Julia: Zwei junge Menschen, hier heißen sie Rani und Sukh, verlieben sich unsterblich ineinander und müssen bald darauf feststellen, dass ihre Familien verfeindet sind. Der Fokus des Romans schwenkt immer wieder von der Jetzt-Zeit in die Vorgeschichte, der Ursache der Feindschaft, angesiedelt im Pandjab der 1960er Jahre. Auch damals verliebten sich zwei junge Menschen, Angehörige der beiden Familien, in einander, und wurden dafür grausam bestraft. Diese Rückblicke sind enorm wirksam für die Erzähldramaturgie, immer wieder versichern Rani und Sukh einander, dass ihnen so etwas nicht passieren kann, leben sie doch in einem aufgeklärten, westlichen Land, in dem die Polizei im Fall des Falles für ihren Schutz sorgen kann. Doch es kommt anders wie damals ihre Tante wird auch Rani ungewollt schwanger, auch für diese beiden gibt es kein Happy End. Rani zieht mit einer Freundin nach New York und bekommt dort ihr Kind, der Text endet mit ihrem Blick auf die Ruinen des World Trade Centers, visueller Referenzpunkt für die gewaltsamen Resultate von kulturellen Konflikten (mit dem zum Beispiel auch Steven Spielbergs jüngster Film München endet). Sprachlich oft etwas platt an einer als jugendlich geltenden Sprache und insbesondere dem indisch beeinflussten Slang orientiert, bietet der Text (neben der Liebesgeschichte) einen eindringlichen Blick auf die vielfältigen Konsequenzen, die der Alltag zwischen zwei Kulturen, das Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Wertvorstellungen auf das individuelle Leben von Jugendlichen mit sich bringt: Ein Thema, das im Kontext der Kontroversen um die dänischen Karikaturen des Propheten Mohammed aktueller ist denn je. Auslöser für den so genannten Karikaturenstreit war übrigens ein Kinderbuch Näheres darüber in einem Beitrag der deutschen Wochenzeitschrift Die Zeit Kathrin Wexberg
Weitere Varianten des Aufeinandertreffens von Romeo und Julia finden Sie hier Romeo trifft Julia
Aus dem Engl. von Jacqueline Csuss. Sauerländer 2006. € 17,40. ISBN 3-7941-8026-7
Kröte im Februar 2006
Emily Gravett: Achtung, Wolf!
Nun haben Bibliotheken im allgemeinen den Ruf, ein Ort der Wissensvermittlung
zu sein, doch: Wird das dort vermittelte Wissen auch wirklich ernst
genug genommen? Ein Exemplar aus dem Bestand der Westhäsischen
Bücherei der Stadt Rübenhagen am Möhrensee, in dessen
roten Leineneinband sich tiefe Kratzspuren gegraben haben, scheint
das Gegenteil zu bezeugen. Achtung Wolf! ist der Titel
des Buches, auf dessen Rückgabe die Westhäsische nahhaltig
besteht. € 16,41 haben sich bereits als Überziehungsgebühr
angesammelt. Doch der Brief an Rabbit Nagezahn liegt ungeöffnet
zwischen allerlei sonstige Briefen und Postwurfsendungen auf der
Türmatte von Höhlengang 3 in 45678 Rübenhagen. Den
LeserInnen ist es sogar möglich, das Kuvert zu öffnen
und den Mahnbrief der Bücherei selbst zu lesen. Das Logo der
Bücherei enthält die klugen Worte „Bücher lesen
macht schlau“ – doch im Fall von Rabbit Nagezahn kam
die soeben per Buch mit dem Titel Achtung Wolf! erworbene
Schlauheit ein wenig zu spät. Ein ausgewachsener Wolf hat
42 Zähne, war da zu lesen, und: Wölfe fressen
vor allem Fleisch. Doch auch wenn die Autorin am Ende dieser
perfekt inszenierten Ausleihaktion eines Buches beteuert, dass während
der Entstehung dieses Buches Kaninchen weder gegessen noch gefressen
wurden meint man darin doch eher die Bestätigung für
die Geduldigkeit des Papiers als einen Trost zu sehen. Und auch
der alternative Ende für die besonders empfindsamen Leser
mag nicht darüber hinwegsehen lassen, dass jene Geschichten,
in denen es richtig zur Sache geht, halt doch die besten sind! Heidi Lexe
Um sich der Aufklärungsaktion der Westhäsischen Bücherei
der Stadt Rübenhagen am Möhrensee anzuschließen,
hat auch die STUBE notwendige Informationen über Wölfe
zusammengestellt, denn entgegen eines allgemeinen Irrglaubens ist
die Lieblingsspeise des Wolfes NICHT das kleine Mädchen mit
der roten Kappe…
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn.
Sauerländer 2005.
€ 15,90
ISBN 3-7941-5112-7
Kröte im Jänner 2006
Pnina Moed Kass: Echtzeit
Selbstmordattentate vor allem verübt von jungen Palästinensern
verbreiten Entsetzen und Betroffenheit in besonderer Weise:
Was bringt junge Menschen dazu, diesen finalen Schritt zu tun? Die
um einen dokumentierenden Ton bemühte fiktionale Erzählung
der lange in Israel lebenden Autorin verknüpft die Schicksale
einer ganzen Reihe von Menschen rund um eine Explosions-Katastrophe
in einem israelischen Bus: Menschen, die direkt betroffen sind,
wie der deutsche Thomas. Er ist auf dem Weg zu seinem Praktikum
in einem Kibbuz, von wo aus er vor allem die Nazi-Vergangenheit
seines Großvaters recherchieren will. Oder wie die aus Odessa
stammende Jüdin Vera Brodsky, die den Selbstmord ihres russischen
Freundes kaum verwinden kann. Oder wie der rothaarige Sameh Laham,
der zwar nicht aussieht wie ein Palästinenser aber doch der
derselben Perspektivlosigkeit ausgesetzt ist wie alle Jugendlichen
im Dorf Zebedeid. Und Menschen, die indirekt betroffen sind: Die
Mutter, der Freund, die beste Freundin, der Arzt, der Korrespondent,
Samehs Familie, sein illegaler israelischer Arbeitgeber; Eltern,
die längst geschieden sind; der Soldat, die verhörenden
Polizisten. Und da ist auch Baruch Ben Tov, der den Holocaust überlebt
und seinen deutschen Namen, die deutsche Sprache abgelegt hat. Und
für den sich die Vergangenheit nicht zeitlebens verdrängen
lässt.
Um dieses erzählerische Vorhaben umsetzen zu können, wählt
die Autorin die spannungsgeladene Konzentration auf einen sehr kurzen
Zeitabschnitt wenige Stunden vor der Explosion bis wenige
Tage danach. Derart bleiben viele Fragen offen, viele Motive werden
nicht bis ins Letzte geklärt, manche Handlungsbögen nicht
geschlossen. Gerade dadurch aber wird die Vielschichtigkeit des
Konfliktes ebenso wie die Widersinnigkeit des politischen Vorgehens
bewusst. Kass kommt ohne vordergründige Schuldzuteilungen und
auch ohne Freisprüche aus. Was bleibt, ist das Erschrecken
darüber, wie tief die Verletzungen innere und äußere
gehen und wie tiefgreifend sie Menschenleben verändern.
Inge Cevela
Was angesichts von Nachrichtensendungen und Schlagzeilen seit Jahren
zwar im mitteleuropäischen Bewusstsein vorhanden ist, wurde
im Herbst 2005 mit dem in Berlin ausgezeichneten Film Paradise
Now nun auch in überraschend polarisierender Weise in
die Diskussion gebracht.
Buch und Film gemeinsam betrachtet können ergänzende Erkenntnisse
befördern meint die STUBE und hat daher folgende Linkliste
zusammengestellt:
Homepage der Internetzeitung Die Jüdische mit
zahlreichen Links auf Kritiken und Stellungnahmen aus jüdischer
Sicht http://www.juedische.at/TCgi/_v2/...
ORF-Bericht von der Premiere bei den Jüdischen Filmwochen
in Urania, mit Links zur Stellungnahme der Israelischen Kultusgemeinde http://wien.orf.at/stories/69716/
Aus dem amerikanischen engl. von Uwe-Michael Gutzschhahn.
Bloomsbury 2005. 258 S., € 14,90
ISBN 3-8270-5102-9