Angebote
Fernkurs
Buchtipps
Tagebuch
Wir über uns
 

 

 

Kröten 2005

 

Kröte für Dezember 2005

Zoran Drvenkar: Die Nacht, in der meine Schwester den Weihnachtsmann entführte.

Was auf den ersten Blick erscheinen mag wie eines von unzähligen konventionellen Weihnachtsbüchern ist in Wirklichkeit ganz anders. Nämlich ein Buch, in dem zwar eigentlich nur Weihnachten vorkommt –aber gleichzeitig ein Buch, in dem „Weihnachten nur ein Mantel ist, der über den Geschichten liegt und versteckt, um was es mir wirklich geht“, wie Zoran Drvenkar im Nachwort verrät. Worum es also wirklich geht? Um eine Familie, mit allen schönen und schrecklichen Seiten, um Verstehen und Verzeihen; um Freunde, die einander mit grusligen Geschichten Angst einjagen, um sich danach gegenseitig Mut zu machen; um verschiedenste komische und schräge Verwicklungen, die an 8 aufeinander folgenden Weihnachtsfesten entstehen, die der Ich-Erzähler aus seiner kindlichen Sicht schildert. Illustriert wird die ganz eigene Atmosphäre der Texte durch Ole Könneckes Vignetten, die in sehr reduzierter Form nur mit den Farben schwarz, rot und weiß arbeiten und jeweils eine zentrale Pointe der einzelnen Geschichten aufgreifen. Ein schräges Lesevergnügen für alle, die jetzt schon genug von Weihnachten haben – und möge es den Winter durch schneien, so wünscht uns der Autor.
Kathrin Wexberg



Ill. von Ole Könnecke. Hamburg: Carlsen 2005. 261 S. € 14, 40. ISBN 3-551-55419-6. Ab 12 Jahren.

Kröte für November 2005

Das Vaterunser. Für Kinder neu entdeckt von Regine Schindler.

Einen so bekannten und oft gebeteten Text wie das Vaterunser in Buchform zu bringen, verlangt einiges an literarischem Geschick, aber auch religionspädagogischem Gespür. Die Autorin Regine Schindler ist eine der wenigen Personen, die sowohl selbst eine profilierte Autorin von religiöser Kinderliteratur ist (erinnert sei hier an ihre Kinderbibel "Mit Gott unterwegs"), als auch theoretische Überlegungen zum Bereich der religiösen Kinder- und Jugendliteratur anstellt (zuletzt war sie im Juni 2005 als Eröffnungsrednerin einer Kinderbibel-Ausstellung in der Universitätsbibliothek Wien zu Gast). Der Aufbau des Buches ist klug angelegt - am Schmutztitel findet sich der ganze Text, auf der ersten Seite eine grundsätzliche Auseinandersetzung zur Frage "Wie sollen wir beten?". Anschließend wird jeweils ein Satz aus dem Vaterunser mit Hilfe eines kurzen Textes an den kindlichen Alltag angebunden. Wesentlich geprägt werden diese Interpretationen durch Eric Battuts in satten Farben gestaltete Bildtafeln, die auf unkonventionelle Weise mit dem Text korrespondieren, etwa wenn bei der Bitte um die Vergebung der Schuld ein Apfelbaum nicht als Synonym für Idylle, sondern als bedrohliches Hindernis zwischen zwei Menschen dargestellt wird. Ohne banal zu erscheinen, erfahren die schlichten Bitten des Originaltextes eine behutsame Erklärung und Aktualisierung - und bieten eine gute Möglichkeit in einen zentralen Text des Christentums "hineinzuwachsen"!

Kathrin Wexberg


Illustriert von Eric Battut. Zürich: bohem press 2005. 36 S. € 13,90. ISBN 3-85581-419-8. Ab 5 Jahren.

Kröte für Oktober 2005

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Halbblut-Prinz

Kaum war der neue "Harry Potter" ausgeliefert, kursierten auch schon die ersten Stellungnahmen: er sei enttäuschend, erfülle keineswegs die an ihn gestellten Erwartungen. Keine 24 Stunden danach waren die ersten Rezensionen zu lesen und das deutsche Feuilleton schloss sich begeistert dem wegwerfenden Gestus des englischen Boulevard an.
Ein wenig seltsam mutet es aber doch an, in Rezensionen, für deren Verfassen (inklusive der Lesezeit für den 600-Seiten-Band) gerade mal zwei Tage Zeit war, zu lesen, dass Rowlings neues Werk doch ein wenig rasch hingeschrieben wirkt…

Die STUBE hat sich etwas mehr Zeit genommen und anlässlich des Erscheinens der deutschsprachigen Ausgabe Stellungnahmen aus dem Kreis ihrer MitarbeiterInnen und FreundInnen zusammengestellt:

Der Verrat des Verräters?
Rezension von Heidi Lexe

Am Anfang stand das Wort
Reflexion von Lukas Bärwald

Vorbereitung für den großen Showdown
Rezension von Michaela und Markus Grames

Nichts Neues? Warum auch?
Rezension von Kathrin Steinberger

Pseudo-familientherapeutische Aufarbeitung
Lektüreeindrücke von Kathrin Wexberg

Die Vorfreude war die größte Freude
Lektüreeindrücke von "Harry Potter und der Halbblut-Prinz"
von Ena Vichytil

Bonus-Track:
Persönliche Erfahrungen von Familienmitgliedern der STUBE-Frauen

Harry-Killing
Von Ulrich Cevela

Kannst Du endlich das Licht abdrehen?
Von Christoph Braunstein


Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Hamburg: Carlsen 2005
656 S., € 22,50
ISBN 3-551-56666-6

Kröte für September 2005

Nicola Davis / Neab Bayton
Das Buch vom Müssen und Machen.

Bücher vom Müssen und Machen liegen diesen Herbst im Trend - sie erscheinen im doppelten Sinn gehäuft und lassen eine etwas ratlose Rezensentin zurück, die mit sich und ihrer Berührungsangst vor eben diesem Thema streng ins Gericht zieht.... Und zu der Erkenntnis gelangt, dass Kacke, Aa, kleines und großes Geschäft durchaus interessantes

Forschungs-, Geschichten- und Illustrationsgebiet sein kann. Oder wussten Sie, dass man Karnivoren und Herbivoren auf Grund ihrer Haufen von einander unterscheiden kann und der Tyrannosaurus rex die Offenlegung seiner Ernährungsgewohnheiten dem Fund von versteinertem Kot, genannt Koprolith, zu verdanken hat?
Das Sachbuch Zicke, zacke Hühnerkacke klärt folglich auf, baut Vorurteile ab und gibt mit oft ganzseitigen Illustrationen samt Sprechblasen Einblicke in die Untiefen und Baumhöhen der Ausscheidung im Tierreich. Harmonisch verbinden sich der doppelt adressierte naturwissenschaftlich geprägte Text mit übersichtlichem Glossar und die mit Augenzwinkern gestalteten Illustrationen und beweisen, dass dieses für Kinder immer reizvolle Tabuthema nicht nur aus der Töpfchenperspektive betrachtet werden muss.
Eine nach wie vor etwas irritierte Rezensentin muss also gestehen: Auch Fäzes können ihren Reiz haben und wenn's nur fürs Angeben beim nächsten Smalltalk sein sollte. Denn ein gezielt eingesetzter Koprolith in Gesprächslücken kann mancherorts sicher entzücken.
Martina Rényi

Weitere Geschichten vom Klöchen


Düsseldorf:
Sauerländer 2005
64 S., € 12,90
ISBN 3-7941-5123-2

Kröte für August 2005

Geoffrey de Pennart: Rothütchen.

Kann das Rotkäppchen auch den Wolf fressen? Diese Frage wurde im Juli im Rahmen einer Vorlesung an der Kinderuni geklärt. Nun, man muss ihn nicht gleich fressen, um ihm ordentlich einzuschenken, wie diese Rotkäppchen-Parodie aus Frankreich zeigt. Aufgenommen wird dabei eine Idee des legendären Bilderbuches "Die kleine Rette-sich-wer-kann". Diesmal jedoch ist es kein rothaariges Un-Kind, das - einem französischen Mistral gleich - ins Haus der Großutter stürmt um einen bettlägrigen Wolf vorzuführen, sondern ein selbstbewusstes Mädchen dem die große Karriere bereits zu Beginn ins Gesicht geschrieben steht. Mit diesen Mädchen, soviel ist klar, hat der böse Wolf nichts zu lachen.
Ihr Markenzeichen entnimmt die Kleine bereits am Innentitel einem nicht un-üppigen Hutkarton und vermittelt in ihrem Queen-Elisabeth-Styling mit Mantel und Hut (auch sie legt beides nie ab…) etwas sehr Altkluges. Dem entsprechend darf ihr Verhalten weniger als frech denn als penetrant beschrieben werden, wenn sie dem Wolf im wörtlichen Sinn den Marsch bläst. Kurz darauf wird das entnervte, bis dahin aber noch enthusiasmiert seine Bestimmung verfolgende Tier von einer sehr vitalen Großmutter über den Haufen gefahren - woraus in Folge eben jene Verwechslungsszene im Haus der Großmutter entsteht: Wolf im Bett, Großmutter verschwunden (in diesem Fall um den Arzt zu holen), Rothütchen wutentbrannt und zum Angriff bereit … Wem diese mit Bildwitz inszenierte Parodie noch zuwenig Unterhaltungswert bietet, der ist eingeladen, das auf köstliche Art in die Szenerien integrierte Mäusegeschehen zu beobachten!

Kurzbericht von der Kinderuni


Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Moritz 2005. € 11,80.
ISBN 3-89565-161-3
Ab 5 Jahren.

Kröte für Juli 2005

Brigitte Schär / Jörg Müller: Die Weihnachts-Show

Mitten in den heißen Sommertagen ist Zeit, die ersten Gedanken an Weihnachten zu verschwenden! An Lebkuchenduft und Schokokekse … Und ans Christkind natürlich. Und da erscheint mitten in diesen heißen Sommertagen tatsächlich ein Bilderbuch vom Christkind. Richtig: Es geht ums Christkind! Wenn auch vielleicht mehr um den Osterhasen… Aber sicher nicht um den Weihnachtsmann! Während einst Peter Rosegger dem Christkind seinen ärmlich-rührenden Platz zwischen Ochs und Esel inmitten alpiner Schneelandschaften zugewiesen hat, wird hier von Brigitte Schär und Jörg Müller Christkinds Sommersitz kurzerhand auf eine Insel im Ozean verlegt, wo es - seiner weihnachtlichen Botschaft ganz entledigt - mit Eis-Cocktail am Beach im Liegestuhl seinen Auftritt im Kalender erwartet. Diese Insel weist überhaupt regen Betrieb auf - gehört sie doch dem Kalendermacher (sic!) und wird folgerichtig von all jenen bewohnt, die irgendwann im Lauf des Kalenderjahres ihren ganz persönlichen Auftritt bei den Menschen haben: Vom Nikolaus bis zu den Eisheiligen. Nur die Schutzengel haben die Lizenz zum ständigen Kommen und Gehen. Und der Osterhase möchte einmal in seinem Leben zum besten Sendetermin so sehr im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit stehen wie das Christkind …
Jörg Müller lässt in dieser Geschichte den Blick in die Großstadtschluchten mit dem Prospekt-Blick der im Ozean versinkenden Sonne wechseln, mit anspielungsreicher Lust am Detail stellt er die letzten "Wunder" der Menschheit in den Machbarkeitswahn von Kommerz und globalisierten Medien. Nichts ist, wie es scheint. Und wenn die Show stimmt, sind Inhalte kein Problem, sorgt der Osterhase in der Krippe doch für Einschaltquoten.
Nicht, dass wir das nicht schon längst wüssten - dank der 1968er Generation! Aber dieses Bilderbuch, das sich mit lustvoll-bissigem Hinweis vor allem auf das Verschwinden von Inhalten hinter den Marken konzentriert und ganz nebenbei die konsumorientierte Maschinerie des Jahreskalenders - mitsamt dem "Christkind" - als bloße Versatzstücke überführt, ist einfach bestechend gut gemacht.
Inge Cevela


Ill. von Jörg Müller.
Düsseldorf: Sauerländer 2005. 32 S., € 14,90
ISBN 3-7941-5092-9

 

Kröte für Juni 2005

Angelika Kaufmann: Ein Pferd erzählt

Diese einfache Kindergeschichte stand ganz am Anfang eines (umfang)reichen Schaffens, für das Angelika Kaufmann jetzt, 33 Jahre später, mit dem "Österreichischen Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur" ausgezeichnet worden ist. Lange vergriffen - nun wieder erhältlich: Hat da die Zeit nicht Spuren hinterlassen?
In gewisser Weise ist der besondere Stil von Angelika Kaufmann immer schon außerhalb des Zeitgeschmacks

gelegen - damals wie heute. Ihre besondere Weise, Farben aufzutragen und mit der Federzeichnung umzugehen, ist einzigartig geblieben. Auch ihr spezifischer Erzählton konzentriert sich bis heute hauptsächlich auf die Botschaft, dass Kindheit noch einen besonderen Zauber besitzt und nicht derselben Logik unterliegt, wie die Erwachsenen. Alltagswirklichkeit - erzählt vom Pferd Max - wird allein schon wegen dieser Erzählperspektive ihrer Ernsthaftigkeit und Schwere enthoben, auch wenn Anfang und Ende des Lebens in den Blick genommen werden. Auch wenn der Inhalt keine besonderen Spannungsmomente bereithält oder sich gar zu einer pädagogischen Botschaft hochschwingt. Die scheinbare Naivität ihrer Perspektive konzentriert den Blick auf die kraftvolle Farbigkeit ihrer Figuren und Bildwelten - durch die sorgfältige Gestaltung des Buches fast bibliophil.
Inge Cevela


Ill. von Angelika Kaufmann. Weitra: Bibliothek der Provinz 2005. 23 S., € 18,-
ISBN 3-85252-266-8

Kröte für Mai 2005

Karl Bruckner:
Sadako will leben

Warum es sich lohnt, auch heute, 44 Jahre (also gar kein rundes Jubiläum, derer es heuer so viele gibt) nach dem Erscheinen von "Sadako will leben", dieses Buch zu lesen? Weil es das erste Kinderbuch überhaupt über Hiroshima und seine Folgen war. Weil österreichische "Klassiker" (und bei aller Umstrittenheit dieses Begriffs kann "Sadako" wohl dazu gezählt werden) wenig gepflegt und kaum wieder aufgelegt werden. Weil das literarische Verfahren, dieses historische Ereignis aus verschiedenen Perspektiven, auch aus der Sicht der Täter, zu erzählen, auch heute noch bemerkenswert ist. Weil der Text heute aus seinem historischen Kontext heraus interessant ist und die Lesesozialisation vieler Menschen geprägt hat. Weil das Motiv des todkranken Kindes, das sich verzweifelt an die Hoffnung klammert, durch das Falten von Papierkranichen doch noch gesund werden zu können, ein ungemein Eindringliches ist. Ein lohnendes und begrüßenswertes Unterfangen also, dass der Verlag G&G "Sadako will leben", das bereits seit einigen Jahren vergriffen ist, neu aufgelegt hat. Schade allerdings, dass im Buch Hinweise auf das Alter des Textes und seinen historischen Hintergrund fehlen, die jugendlichen LeserInnen das Verständnis erleichtern würden.
Kathrin Wexberg


Wien: G & G Kinder- & Jugendbuch 2005, 212 S., € 14,90
ISBN 3-7074-0275-4
ab 12 Jahren

Kröte für März/April 2005

Hans Christian Andersen:
Die Prinzessin auf der Erbse

Seht, das ist eine wahre Geschichte - so endet die berühmte, als durchaus sortenreines "Märchen" klassifizierte Erzählung über die hyper-empfindliche Prinzessin, die ihre Echtheit mit schlechtem Schlaf beweisen kann: Wer die sprichwörtlich gewordene Erbse durch 20 Matratzen und x (Eider-)Daunendecken hindurch spürt und davon Kreuzweh bekommt, wird bei uns zum Therapeuten geschickt, dort aber vom Fleck weg in die Royal Family aufgenommen. Denn wo einst Linda Wolfsgrubers toughe "Prinzessin auf dem Kürbis" in der Erzählvariante von Heinz Janisch sehr wohl ihre eigenen Anforderungen an den Prinzen ihres Lebens formuliert, bleibt diese ganz in der Tradition der passiv Jammernden und lässt sich zur Frau nehmen. Melanie Kemmler versucht in ihren Bildern gender-mäßig nichts in eine neue Ordnung zu rücken, sie folgt Andersens vorgegebenem Text. Wohl aber interpretiert sie den inmitten weiter Panorama-Räume sehr vereinzelt wirkenden Prinzen als brav gescheitelten und geschniegelten Knaben, der mehr von seinem Krawattenknopf als von seinem Rückgrat aufrecht gehalten wird. Hingegeben an idealistische Träumereien verblasst er entscheidungslos unter dem Gewicht seines Hermelins, bis die noch viel sensiblere Prinzessin seinen Beschützerinstinkt weckt und ein wenig Rot in seine Wangen jagt. Und zu den Worten Andersens "Da nahm der Prinz sie zur Frau..." lässt Melanie Kemmler das junge Glück in einem Bett mit einfacher Matratze und großer Geborgenheit zurück. Die Erbse allerdings, die alles möglich gemacht hat, kommt in die Kunstkammer. Neben Mona Lisas Lächeln und Dürers Hasen ...
Inge Cevela


Illustrationen von Melanie Kemmler. Aus dem Dänischen von Eva-Maria Blühm.
Berlin: Aufbau-Verlag 2005, 24 S., € 15,50
ISBN 3-351-04064-4
ab 6 Jahren

Kröte im Februar 2005

Manfred Mai (Hg.): Das Literatur-Lesebuch. Deutsche Literatur aus 10 Jahrhunderten.

Kaffehausliteratur ist ein in Wien durchaus gängiges Genre - obwohl sich der Begriff in unserer bisherigen Wahrnehmung eher auf die Entstehungsgeschichte von Texten bezogen hat denn auf deren Rezeption. Umso erfreulicher, dass ein "Literatur-Lesebuch" mit beigelegtem Kaffeeheferl beworben wird; obwohl: Der Präsentation von deutscher Literatur aus 10 Jahrhunderten in einem eleganten Zweihundertfünfzigseitenband lässt eine derartige tour de force vermuten, dass permanente Koffeinaufnahme unerlässlich scheint. Doch weit gefehlt! Manfred Mai ermöglicht es mit seiner Auswahl, die den Bogen vom mittelalterlichen Minnesang bis zur jungen deutschen Literatur einer Karen Duve spannt, in die Vielfalt literarischer Gestaltungsformen hineinzuschmecken und dabei einen ersten Eindruck von jenen AutorInnen zu bekommen, die als kanonisiert gelten (darunter auch die ÖsterreicherInnen Ernst Jandl, Erich Fried, Ingeborg Bachmann und Robert Schneider sowie einige Schweizer: soweit zur "deutschen Literatur" ...). Ein jugendliches Zielpublikum hält er dabei thematisch ebenso im Blick wie den Anspruch der literaturhistorisch repräsentativen Textauswahl. Entscheidenden Anteil daran, dass ein bildungsbürgerlicher Anspruch wie dieser mit deutlicher Eleganz verfolgt werden, haben jedoch die Illustrationen von Stefanie Harjes: Sie bezeugen mit feinem Strich, dass unter einem Lesebuch kein Papierklotz verstanden werden muss, dessen grafischer Höhepunkt im Schülergekritzel am Seitenrand liegt. Zahlreiche freigestellte Figuren und Vignetten lassen die jeweiligen Texte immer ein wenig aus der Zeit fallen, ironisieren und nehmen deren Grundaussagen doch gleichermaßen ernst. Wenn also Leonce zu Valerio meint: "Unglücklicher, Sie scheinen auch an Idealen zu laborieren.", dann kann er damit nicht die Lektüre dieses Bandes im Blick haben. Und das obwohl die beigelegten Kaffeeheferln nur für die RezensentInnen und nicht für den freien Verkauf gedacht sind. *kleines ätsch*


Ausgewählt und zusammengestellt von Manfred Mai. Illustriert von Stefanie Harjes. Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 2005. 251 S., € 16,95
ISBN 3-473-34442-7
Ab 11 Jahren

Kröte im Jänner 2005

Sarah Mayor Cox:
Robert Ingpen - Bilder erzählen Geschichten


Robert Ingpen prägte die Metapher von der Straße, die er als Illustrator durch den "Wald der Imagination" schlagen wolle, um LeserInnen unserer Zeit und der Zukunft den Weg in (historische) Welten zu eröffnen.
So funktioniert dieses Buch als eine Mischung aus Künstlerbiographie und eigenem Werkkommentar des Robert Ingpen, der jeweils am Ende eines großen Kapitels durch einen wissenschaftlichen Kommentar von Sarah Mayer Cox ergänzt wird. Das Ergebnis ist eine lehrsame, wie aber erfreulicherweise auch äußerst unterhaltsame Selbststudie zum Bild als vermittelnde Instanz zwischen Geschichte(n) und LeserInnen. So gewährt der australische Illustrator Einblick in seinen Arbeitsprozess anhand von unterschiedlichen Entwicklungsstufen seiner Bilder und dem erhellenden Kommentar dazu. Wer also schon immer etwas über den Schaffungsprozess einer der großen Illustratoren unserer Zeit und seine theoretischen Ideen hinter den Farben und Formen wissen wollte, findet in diesem Werk eine inhaltlich wie gestalterisch äußerst ansprechende und abwechslungsreiche Möglichkeit. Empfehlenswert für alle, die sich für Illustration im allgemeinen und Kinderbuchillustration im besonderen interessieren.
Lukas Bärwald

Ill. von Robert Ingpen. Mit Kommentaren von Sarah Mayor Cox. Aus d. Engl. von Werner Thuswaldner. Kiel: Michael Neugebauer Edition 2004, 114 S., € 30,80. ISBN 3-86566-000