Zoran Drvenkar: Die Nacht,
in der meine Schwester den Weihnachtsmann entführte.
Was auf den ersten
Blick erscheinen mag wie eines von unzähligen konventionellen Weihnachtsbüchern
ist in Wirklichkeit ganz anders. Nämlich ein Buch, in dem zwar eigentlich
nur Weihnachten vorkommt aber gleichzeitig ein Buch, in dem Weihnachten
nur ein Mantel ist, der über den Geschichten liegt und versteckt, um was
es mir wirklich geht, wie Zoran Drvenkar im Nachwort verrät. Worum
es also wirklich geht? Um eine Familie, mit allen schönen und schrecklichen
Seiten, um Verstehen und Verzeihen; um Freunde, die einander mit grusligen Geschichten
Angst einjagen, um sich danach gegenseitig Mut zu machen; um verschiedenste komische
und schräge Verwicklungen, die an 8 aufeinander folgenden Weihnachtsfesten
entstehen, die der Ich-Erzähler aus seiner kindlichen Sicht schildert. Illustriert
wird die ganz eigene Atmosphäre der Texte durch Ole Könneckes Vignetten,
die in sehr reduzierter Form nur mit den Farben schwarz, rot und weiß arbeiten
und jeweils eine zentrale Pointe der einzelnen Geschichten aufgreifen. Ein schräges
Lesevergnügen für alle, die jetzt schon genug von Weihnachten haben
und möge es den Winter durch schneien, so wünscht uns der Autor.
Kathrin Wexberg
Ill.
von Ole Könnecke. Hamburg: Carlsen 2005. 261 S. € 14, 40. ISBN 3-551-55419-6.
Ab 12 Jahren.
Kröte
für November 2005
Das Vaterunser. Für
Kinder neu entdeckt von Regine Schindler.
Einen so bekannten und oft gebeteten
Text wie das Vaterunser in Buchform zu bringen, verlangt einiges an literarischem
Geschick, aber auch religionspädagogischem Gespür. Die Autorin Regine
Schindler ist eine der wenigen Personen, die sowohl selbst eine profilierte Autorin
von religiöser Kinderliteratur ist (erinnert sei hier an ihre Kinderbibel
"Mit Gott unterwegs"), als auch theoretische Überlegungen zum Bereich
der religiösen Kinder- und Jugendliteratur anstellt (zuletzt war sie im Juni
2005 als Eröffnungsrednerin einer Kinderbibel-Ausstellung in der Universitätsbibliothek
Wien zu Gast). Der Aufbau des Buches ist klug angelegt - am Schmutztitel findet
sich der ganze Text, auf der ersten Seite eine grundsätzliche Auseinandersetzung
zur Frage "Wie sollen wir beten?". Anschließend wird jeweils ein
Satz aus dem Vaterunser mit Hilfe eines kurzen Textes an den kindlichen Alltag
angebunden. Wesentlich geprägt werden diese Interpretationen durch Eric Battuts
in satten Farben gestaltete Bildtafeln, die auf unkonventionelle Weise mit dem
Text korrespondieren, etwa wenn bei der Bitte um die Vergebung der Schuld ein
Apfelbaum nicht als Synonym für Idylle, sondern als bedrohliches Hindernis
zwischen zwei Menschen dargestellt wird. Ohne banal zu erscheinen, erfahren die
schlichten Bitten des Originaltextes eine behutsame Erklärung und Aktualisierung
- und bieten eine gute Möglichkeit in einen zentralen Text des Christentums
"hineinzuwachsen"!
Kathrin Wexberg
Illustriert
von Eric Battut. Zürich: bohem press 2005. 36 S. € 13,90. ISBN 3-85581-419-8.
Ab 5 Jahren.
Kröte
für Oktober 2005
Joanne K. Rowling: Harry
Potter und der Halbblut-Prinz
Kaum war der neue "Harry Potter"
ausgeliefert, kursierten auch schon die ersten Stellungnahmen: er sei enttäuschend,
erfülle keineswegs die an ihn gestellten Erwartungen. Keine 24 Stunden danach
waren die ersten Rezensionen zu lesen und das deutsche Feuilleton schloss sich
begeistert dem wegwerfenden Gestus des englischen Boulevard an. Ein wenig
seltsam mutet es aber doch an, in Rezensionen, für deren Verfassen (inklusive
der Lesezeit für den 600-Seiten-Band) gerade mal zwei Tage Zeit war, zu lesen,
dass Rowlings neues Werk doch ein wenig rasch hingeschrieben wirkt
Die
STUBE hat sich etwas mehr Zeit genommen und anlässlich des Erscheinens der
deutschsprachigen Ausgabe Stellungnahmen aus dem Kreis ihrer MitarbeiterInnen
und FreundInnen zusammengestellt:
Aus dem Englischen
von Klaus Fritz Hamburg: Carlsen 2005 656 S., € 22,50 ISBN 3-551-56666-6
Kröte für September 2005
Nicola
Davis / Neab Bayton Das Buch vom Müssen und Machen.
Bücher
vom Müssen und Machen liegen diesen Herbst im Trend - sie erscheinen im doppelten
Sinn gehäuft und lassen eine etwas ratlose Rezensentin zurück, die mit
sich und ihrer Berührungsangst vor eben diesem Thema streng ins Gericht zieht....
Und zu der Erkenntnis gelangt, dass Kacke, Aa, kleines und großes Geschäft
durchaus interessantes
Forschungs-,
Geschichten- und Illustrationsgebiet sein kann. Oder wussten Sie, dass man Karnivoren
und Herbivoren auf Grund ihrer Haufen von einander unterscheiden kann und der
Tyrannosaurus rex die Offenlegung seiner Ernährungsgewohnheiten dem Fund
von versteinertem Kot, genannt Koprolith, zu verdanken hat? Das Sachbuch Zicke,
zacke Hühnerkacke klärt folglich auf, baut Vorurteile ab und gibt mit
oft ganzseitigen Illustrationen samt Sprechblasen Einblicke in die Untiefen und
Baumhöhen der Ausscheidung im Tierreich. Harmonisch verbinden sich der doppelt
adressierte naturwissenschaftlich geprägte Text mit übersichtlichem
Glossar und die mit Augenzwinkern gestalteten Illustrationen und beweisen, dass
dieses für Kinder immer reizvolle Tabuthema nicht nur aus der Töpfchenperspektive
betrachtet werden muss. Eine nach wie vor etwas irritierte Rezensentin muss
also gestehen: Auch Fäzes können ihren Reiz haben und wenn's nur fürs
Angeben beim nächsten Smalltalk sein sollte. Denn ein gezielt eingesetzter
Koprolith in Gesprächslücken kann mancherorts sicher entzücken. Martina
Rényi
Düsseldorf:
Sauerländer 2005 64 S., € 12,90 ISBN 3-7941-5123-2
Kröte
für August 2005
Geoffrey de Pennart: Rothütchen.
Kann das Rotkäppchen auch den Wolf fressen? Diese Frage wurde im Juli
im Rahmen einer Vorlesung an der Kinderuni geklärt. Nun, man muss ihn nicht
gleich fressen, um ihm ordentlich einzuschenken, wie diese Rotkäppchen-Parodie
aus Frankreich zeigt. Aufgenommen wird dabei eine Idee des legendären Bilderbuches
"Die kleine Rette-sich-wer-kann". Diesmal jedoch ist es kein rothaariges
Un-Kind, das - einem französischen Mistral gleich - ins Haus der Großutter
stürmt um einen bettlägrigen Wolf vorzuführen, sondern ein selbstbewusstes
Mädchen dem die große Karriere bereits zu Beginn ins Gesicht geschrieben
steht. Mit diesen Mädchen, soviel ist klar, hat der böse Wolf nichts
zu lachen. Ihr Markenzeichen entnimmt die Kleine bereits am Innentitel einem
nicht un-üppigen Hutkarton und vermittelt in ihrem Queen-Elisabeth-Styling
mit Mantel und Hut (auch sie legt beides nie ab ) etwas sehr Altkluges. Dem
entsprechend darf ihr Verhalten weniger als frech denn als penetrant beschrieben
werden, wenn sie dem Wolf im wörtlichen Sinn den Marsch bläst. Kurz
darauf wird das entnervte, bis dahin aber noch enthusiasmiert seine Bestimmung
verfolgende Tier von einer sehr vitalen Großmutter über den Haufen
gefahren - woraus in Folge eben jene Verwechslungsszene im Haus der Großmutter
entsteht: Wolf im Bett, Großmutter verschwunden (in diesem Fall um den Arzt
zu holen), Rothütchen wutentbrannt und zum Angriff bereit Wem diese
mit Bildwitz inszenierte Parodie noch zuwenig Unterhaltungswert bietet, der ist
eingeladen, das auf köstliche Art in die Szenerien integrierte Mäusegeschehen
zu beobachten!
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Moritz 2005. € 11,80. ISBN
3-89565-161-3 Ab 5 Jahren.
Kröte
für Juli 2005
Brigitte Schär / Jörg
Müller: Die Weihnachts-Show
Mitten in den heißen Sommertagen
ist Zeit, die ersten Gedanken an Weihnachten zu verschwenden! An Lebkuchenduft
und Schokokekse Und ans Christkind natürlich. Und da erscheint mitten
in diesen heißen Sommertagen tatsächlich ein Bilderbuch vom Christkind.
Richtig: Es geht ums Christkind! Wenn auch vielleicht mehr um den Osterhasen
Aber sicher nicht um den Weihnachtsmann! Während einst Peter Rosegger dem
Christkind seinen ärmlich-rührenden Platz zwischen Ochs und Esel inmitten
alpiner Schneelandschaften zugewiesen hat, wird hier von Brigitte Schär und
Jörg Müller Christkinds Sommersitz kurzerhand auf eine Insel im Ozean
verlegt, wo es - seiner weihnachtlichen Botschaft ganz entledigt - mit Eis-Cocktail
am Beach im Liegestuhl seinen Auftritt im Kalender erwartet. Diese Insel weist
überhaupt regen Betrieb auf - gehört sie doch dem Kalendermacher (sic!)
und wird folgerichtig von all jenen bewohnt, die irgendwann im Lauf des Kalenderjahres
ihren ganz persönlichen Auftritt bei den Menschen haben: Vom Nikolaus bis
zu den Eisheiligen. Nur die Schutzengel haben die Lizenz zum ständigen Kommen
und Gehen. Und der Osterhase möchte einmal in seinem Leben zum besten Sendetermin
so sehr im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit stehen wie das Christkind Jörg
Müller lässt in dieser Geschichte den Blick in die Großstadtschluchten
mit dem Prospekt-Blick der im Ozean versinkenden Sonne wechseln, mit anspielungsreicher
Lust am Detail stellt er die letzten "Wunder" der Menschheit in den
Machbarkeitswahn von Kommerz und globalisierten Medien. Nichts ist, wie es scheint.
Und wenn die Show stimmt, sind Inhalte kein Problem, sorgt der Osterhase in der
Krippe doch für Einschaltquoten. Nicht, dass wir das nicht schon längst
wüssten - dank der 1968er Generation! Aber dieses Bilderbuch, das sich mit
lustvoll-bissigem Hinweis vor allem auf das Verschwinden von Inhalten hinter den
Marken konzentriert und ganz nebenbei die konsumorientierte Maschinerie des Jahreskalenders
- mitsamt dem "Christkind" - als bloße Versatzstücke überführt,
ist einfach bestechend gut gemacht. Inge Cevela
Ill.
von Jörg Müller. Düsseldorf: Sauerländer 2005. 32 S., €
14,90 ISBN 3-7941-5092-9
Kröte
für Juni 2005
Angelika Kaufmann: Ein Pferd erzählt
Diese
einfache Kindergeschichte stand ganz am Anfang eines (umfang)reichen Schaffens,
für das Angelika Kaufmann jetzt, 33 Jahre später, mit dem "Österreichischen
Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur" ausgezeichnet
worden ist. Lange vergriffen - nun wieder erhältlich: Hat da die Zeit nicht
Spuren hinterlassen? In gewisser Weise ist der besondere Stil von Angelika
Kaufmann immer schon außerhalb des Zeitgeschmacks
gelegen - damals wie heute. Ihre besondere Weise,
Farben aufzutragen und mit der Federzeichnung umzugehen, ist einzigartig geblieben.
Auch ihr spezifischer Erzählton konzentriert sich bis heute hauptsächlich
auf die Botschaft, dass Kindheit noch einen besonderen Zauber besitzt und nicht
derselben Logik unterliegt, wie die Erwachsenen. Alltagswirklichkeit - erzählt
vom Pferd Max - wird allein schon wegen dieser Erzählperspektive ihrer Ernsthaftigkeit
und Schwere enthoben, auch wenn Anfang und Ende des Lebens in den Blick genommen
werden. Auch wenn der Inhalt keine besonderen Spannungsmomente bereithält
oder sich gar zu einer pädagogischen Botschaft hochschwingt. Die scheinbare
Naivität ihrer Perspektive konzentriert den Blick auf die kraftvolle Farbigkeit
ihrer Figuren und Bildwelten - durch die sorgfältige Gestaltung des Buches
fast bibliophil. Inge Cevela
Ill.
von Angelika Kaufmann. Weitra: Bibliothek der Provinz 2005. 23 S., € 18,-
ISBN 3-85252-266-8
Kröte
für Mai 2005
Karl Bruckner: Sadako
will leben
Warum es sich lohnt, auch heute, 44 Jahre (also gar kein
rundes Jubiläum, derer es heuer so viele gibt) nach dem Erscheinen von "Sadako
will leben", dieses Buch zu lesen? Weil es das erste Kinderbuch überhaupt
über Hiroshima und seine Folgen war. Weil österreichische "Klassiker"
(und bei aller Umstrittenheit dieses Begriffs kann "Sadako" wohl dazu
gezählt werden) wenig gepflegt und kaum wieder aufgelegt werden. Weil das
literarische Verfahren, dieses historische Ereignis aus verschiedenen Perspektiven,
auch aus der Sicht der Täter, zu erzählen, auch heute noch bemerkenswert
ist. Weil der Text heute aus seinem historischen Kontext heraus interessant ist
und die Lesesozialisation vieler Menschen geprägt hat. Weil das Motiv des
todkranken Kindes, das sich verzweifelt an die Hoffnung klammert, durch das Falten
von Papierkranichen doch noch gesund werden zu können, ein ungemein Eindringliches
ist. Ein lohnendes und begrüßenswertes Unterfangen also, dass der Verlag
G&G "Sadako will leben", das bereits seit einigen Jahren vergriffen
ist, neu aufgelegt hat. Schade allerdings, dass im Buch Hinweise auf das Alter
des Textes und seinen historischen Hintergrund fehlen, die jugendlichen LeserInnen
das Verständnis erleichtern würden. Kathrin Wexberg
Wien:
G & G Kinder- & Jugendbuch 2005, 212 S., € 14,90 ISBN 3-7074-0275-4
ab 12 Jahren
Kröte
für März/April 2005
Hans
Christian Andersen: Die Prinzessin auf der Erbse
Seht,
das ist eine wahre Geschichte - so endet die berühmte, als durchaus sortenreines
"Märchen" klassifizierte Erzählung über die hyper-empfindliche
Prinzessin, die ihre Echtheit mit schlechtem Schlaf beweisen kann: Wer die sprichwörtlich
gewordene Erbse durch 20 Matratzen und x (Eider-)Daunendecken hindurch spürt
und davon Kreuzweh bekommt, wird bei uns zum Therapeuten geschickt, dort aber
vom Fleck weg in die Royal Family aufgenommen. Denn wo einst Linda Wolfsgrubers
toughe "Prinzessin auf dem Kürbis" in der Erzählvariante von
Heinz Janisch sehr wohl ihre eigenen Anforderungen an den Prinzen ihres Lebens
formuliert, bleibt diese ganz in der Tradition der passiv Jammernden und lässt
sich zur Frau nehmen. Melanie Kemmler versucht in ihren Bildern gender-mäßig
nichts in eine neue Ordnung zu rücken, sie folgt Andersens vorgegebenem Text.
Wohl aber interpretiert sie den inmitten weiter Panorama-Räume sehr vereinzelt
wirkenden Prinzen als brav gescheitelten und geschniegelten Knaben, der mehr von
seinem Krawattenknopf als von seinem Rückgrat aufrecht gehalten wird. Hingegeben
an idealistische Träumereien verblasst er entscheidungslos unter dem Gewicht
seines Hermelins, bis die noch viel sensiblere Prinzessin seinen Beschützerinstinkt
weckt und ein wenig Rot in seine Wangen jagt. Und zu den Worten Andersens "Da
nahm der Prinz sie zur Frau..." lässt Melanie Kemmler das junge Glück
in einem Bett mit einfacher Matratze und großer Geborgenheit zurück.
Die Erbse allerdings, die alles möglich gemacht hat, kommt in die Kunstkammer.
Neben Mona Lisas Lächeln und Dürers Hasen ... Inge Cevela
Illustrationen
von Melanie Kemmler. Aus dem Dänischen von Eva-Maria Blühm. Berlin:
Aufbau-Verlag 2005, 24 S., € 15,50 ISBN 3-351-04064-4 ab 6 Jahren
Kröte im
Februar 2005 Manfred Mai (Hg.): Das Literatur-Lesebuch.
Deutsche Literatur aus 10 Jahrhunderten.
Kaffehausliteratur ist ein
in Wien durchaus gängiges Genre - obwohl sich der Begriff in unserer bisherigen
Wahrnehmung eher auf die Entstehungsgeschichte von Texten bezogen hat denn auf
deren Rezeption. Umso erfreulicher, dass ein "Literatur-Lesebuch" mit
beigelegtem Kaffeeheferl beworben wird; obwohl: Der Präsentation von deutscher
Literatur aus 10 Jahrhunderten in einem eleganten Zweihundertfünfzigseitenband
lässt eine derartige tour de force vermuten, dass permanente Koffeinaufnahme
unerlässlich scheint. Doch weit gefehlt! Manfred Mai ermöglicht es mit
seiner Auswahl, die den Bogen vom mittelalterlichen Minnesang bis zur jungen deutschen
Literatur einer Karen Duve spannt, in die Vielfalt literarischer Gestaltungsformen
hineinzuschmecken und dabei einen ersten Eindruck von jenen AutorInnen zu bekommen,
die als kanonisiert gelten (darunter auch die ÖsterreicherInnen Ernst Jandl,
Erich Fried, Ingeborg Bachmann und Robert Schneider sowie einige Schweizer: soweit
zur "deutschen Literatur" ...). Ein jugendliches Zielpublikum hält
er dabei thematisch ebenso im Blick wie den Anspruch der literaturhistorisch repräsentativen
Textauswahl. Entscheidenden Anteil daran, dass ein bildungsbürgerlicher Anspruch
wie dieser mit deutlicher Eleganz verfolgt werden, haben jedoch die Illustrationen
von Stefanie Harjes: Sie bezeugen mit feinem Strich, dass unter einem Lesebuch
kein Papierklotz verstanden werden muss, dessen grafischer Höhepunkt im Schülergekritzel
am Seitenrand liegt. Zahlreiche freigestellte Figuren und Vignetten lassen die
jeweiligen Texte immer ein wenig aus der Zeit fallen, ironisieren und nehmen deren
Grundaussagen doch gleichermaßen ernst. Wenn also Leonce zu Valerio meint:
"Unglücklicher, Sie scheinen auch an Idealen zu laborieren.", dann
kann er damit nicht die Lektüre dieses Bandes im Blick haben. Und das obwohl
die beigelegten Kaffeeheferln nur für die RezensentInnen und nicht für
den freien Verkauf gedacht sind. *kleines ätsch*
Ausgewählt
und zusammengestellt von Manfred Mai. Illustriert von Stefanie Harjes. Ravensburg:
Ravensburger Buchverlag 2005. 251 S., € 16,95 ISBN 3-473-34442-7
Ab 11 Jahren
Kröte
im Jänner 2005
Sarah Mayor Cox: Robert
Ingpen - Bilder erzählen Geschichten
Robert Ingpen prägte
die Metapher von der Straße, die er als Illustrator durch den "Wald
der Imagination" schlagen wolle, um LeserInnen unserer Zeit und der Zukunft
den Weg in (historische) Welten zu eröffnen. So funktioniert dieses Buch
als eine Mischung aus Künstlerbiographie und eigenem Werkkommentar des Robert
Ingpen, der jeweils am Ende eines großen Kapitels durch einen wissenschaftlichen
Kommentar von Sarah Mayer Cox ergänzt wird. Das Ergebnis ist eine lehrsame,
wie aber erfreulicherweise auch äußerst unterhaltsame Selbststudie
zum Bild als vermittelnde Instanz zwischen Geschichte(n) und LeserInnen. So gewährt
der australische Illustrator Einblick in seinen Arbeitsprozess anhand von unterschiedlichen
Entwicklungsstufen seiner Bilder und dem erhellenden Kommentar dazu. Wer also
schon immer etwas über den Schaffungsprozess einer der großen Illustratoren
unserer Zeit und seine theoretischen Ideen hinter den Farben und Formen wissen
wollte, findet in diesem Werk eine inhaltlich wie gestalterisch äußerst
ansprechende und abwechslungsreiche Möglichkeit. Empfehlenswert für
alle, die sich für Illustration im allgemeinen und Kinderbuchillustration
im besonderen interessieren. Lukas Bärwald
Ill.
von Robert Ingpen. Mit Kommentaren von Sarah Mayor Cox. Aus d. Engl. von Werner
Thuswaldner. Kiel: Michael Neugebauer Edition 2004, 114 S., € 30,80. ISBN
3-86566-000