Bart Moeyaert: Brüder. Der Älteste, der Stillste, der Echteste, der Fernste, der Liebste, der Schnellste und ich
In jeder Familienkonstellation gibt es unterschiedliche Rollen, die von jeweils einer bestimmten Person ausgefüllt werden. In diesem Text über sieben Brüder werden diese Rollen gleich im Untertitel vorweggenommen: „ Der Älteste, der Stillste, der Echteste, der Fernste, der Liebste, der Schnellste und ich“ lautet er. Der flämische Autor Bart Moeyaert erzählt in seinem autobiographischen Buch in miniaturenhaften kurzen Texten von den alltäglichen Abenteuern dieser Brüder-Truppe. Da geht es um Bubenstreiche und Prügeleien, um Tischmanieren und Weihnachtsfeste, aber auch um Krankheit, Tod und Geheimnisse. Poetische und leise Geschichten, die zum Vorlesen, Selberlesen und miteinander ins Gespräch kommen für verschiedenste Altersstufen geeignet sind.
Eine Hörversion, gesprochen von Peter Sikorski, ist im Audio-Verlag erschienen.
Aus dem Niederländ. v.
Mirjam Pressler.
dtv 2008.
192 S., € 8,20.
ISBN 978-3-423-62360-5
Michael Morpurgo: Mein Bruder Charlie. Aus dem Engl. von Klaus Fritz. Carlsen 2007.
„Private Peaceful“, so ist diese Brüdergeschichte, die europaweit bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, im Original betitelt, womit bereits zwei wesentliche Momente dieses Romans vorweggenommen sind: Das zunächst sehr friedliche Leben der Brüder Charlie und Tommo in der Geborgenheit ihrer Familie und die Brutalität des Ersten Weltkrieges, die die beiden schließlich für immer trennt. Erzählrahmen ist dabei eine einzige Nacht, in der Tommo, der jüngere der beiden, ihre Geschichte erzählt. Er erinnert sich an alles, was sie miteinander erlebt haben und wartet, dass es Morgen wird – was an diesem Morgen passieren wird, erschließt sich erst nach und nach.
Aus dem Engl. v.
Klaus Fritz.
Carlsen 2007.
192 S., € 14,40.
ISBN 978-3-551-58134-1
Tom Kelly: Die Sache mit Finn
Manchmal passiert Kindern etwas, das ihnen nicht nur endlosen Schmerz zufügt und sie zum Verstummen bringt, sondern sie auch zwingt, von zu Hause wegzugehen. Die Sache mit seinem Zwillingsbruder Finn war so etwas: Der 10-jährige Danny verlässt seine Familie und macht sich auf den Weg - um auf einem Eiland zu stranden, wo schon ein anderer mit seiner Trauer Zuflucht gesucht hat. Mit Empathie und überraschend komisch wird hier von einem Jungen erzählt, der seine Trauer mit niemandem teilen kann. Erst nach und nach erfährt der/die Leserin, was passiert ist und wird sich bewusst, was dem Helden erst am Ende klar wird: Erzählen ist lebensnotwendig.
Aus dem Engl. v.
Ingo Herzke.
Carlsen 2007.
256 S., € 15,40.
ISBN 978-3-551-55499-4
Martha Heesen: Die Nacht, als Mats nicht heimkam
Mats ist ein verträumter, zurückgezogener Bub, der seinem älteren Bruder Peet einiges an Geduld und Toleranz abverlangt. Im Text schildert der vierzehnjährige Peet retrospektiv den „längsten Tag seines Lebens“ – den Tag nach der Nacht, in der Mats nicht heimkam und er und sein Vater nicht wissen, was aus ihm geworden ist, ob er vielleicht bei einem seiner üblichen einsamen Streifzüge verunglückt ist. Mats kommt wohlbehalten wieder, doch er lässt niemanden an sich heran, war doch seine engste Vertraute die Mutter, die kurz davor bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommen ist. Nach und nach kommen verschiedenste Verstrickungen im familiären Gefüge zu Tage und Peet erkennt, dass er nicht länger allein die Verantwortung für ein gelingendes Zusammenleben übernehmen kann. Das Buch endet mit einer Konfrontation – die die Hoffnung in sich birgt, dass sich die Dinge zum Besseren verändern werden.
Aus dem Niederländ. v.
Rolf Erdorf.
Fischer Schatzinsel 2007.
128 S., € 6,20.
ISBN 978-3-596-80707-9
Paula Fox: Paul ohne Jacob
Es gibt ein Foto, auf dem Pauls Mutter mit einem Baby zu sehen ist. Ihr Gesicht macht einen bedrückten Eindruck und Paul weiß genau, woran das liegt. Das Baby, sein Bruder Jacob, hat einen "Konstruktionsfehler", er ist mit dem "Down-Syndrom" geboren. Paul kommt damit nicht zurecht, ebenso wenig wie mit der Tatsache, dass seine Eltern sich so intensiv mit Jacob beschäftigen. Mit schon unheimlicher Konsequenz versucht der Elfjährige seinen Bruder Jacob aus seinem Leben auszublenden. Jeden Tag übt Paul, so zu tun, als gäbe es Jacob nicht. Immer dicker wird die Mauer aus Enttäuschungen, Wut, Sehnsucht und Verweigerung. Lange kann Paul nicht sehen, wie viel Liebe ihm gerade dieser Bruder entgegenbringt. Erst gegen Ende erkennt Paul überrascht, dass Jakob seinen selbstverständlichen Platz im Leben gefunden hat. Trocken und doch einfühlsam beobachtet wird über eine konfliktreiche Geschwisterbeziehung erzählt.
Aus dem Amerikan. v.
Cornelia Krutz-Arnold.
Carlsen 2005.
128 S., € 6,10.
ISBN 978-3-551-37284-0
Gerbrand Bakker: Birnbäume blühen weiß. Aus dem Niederländ. von Andrea Kluitmann. Patmos 2001.
"Gerson saß nicht im Auto", sagte Klaas später, "das Auto saß in Gerson." Nach einem Unfall verliert der 13-jährige Gerson nicht nur sein Augenlicht, sondern auch seine Lebenskraft. Aus dem Spiel namens "Schwarz", das er mit seinen älteren Zwillingsbrüdern stets gern spielte und in dem er sich blind orientieren musste, wird plötzlich Ernst. Ein Schock, den er nicht verwindet: Beklemmend und berührend erzählt Gerbrand Bakker von einem sterbenden Jungen, den ihn liebenden Menschen und ihren letztlich vergeblichen Versuchen, ihm Halt zu geben und ihn in ein gemeinsames Alltagsleben zurück zu holen. Trotz des bitteren Endes ein überaus warmherziges Buch.
Aus dem Niederländ. v.
Andrea Kluitmann.
Patmos 2001.
128 S., € 12,00.
ISBN 978-3-4913-7448-5
(Momentan vergriffen)
Christophe Honoré: Mein aufgewühltes Herz. Aus dem Französ. von Julia Holbe. Fischer 2001.
Nur einmal hat Marcel versucht, die Zeit wieder voranzutreiben: Beim sonntäglichen Familienmahl hat er sich auf Leos Stuhl gesetzt. Niemand hat dagegen aufbegehrt, doch das Erschrecken vor der eigenen Lebendigkeit war noch stärker spürbar als sonst. Dabei will Marcel nichts als Leben: Er will, dass seine Mutter wieder die Wohnzimmermöbel umstellt; er will seine neuerwachten Gefühle für Sandkastenfreundin Cécile genießen; und er will die Wahrheit über das Leben und den Tod seines Bruders Leo wissen. Also beginnt er nachzuforschen und nähert sich damit dem kurzen Leben des Bruders noch einmal neu an.
Honoré führt Marcel als Ich-Erzähler ein, der sich Pathos, Ehrlichkeit und Bitterkeit ebenso gönnt wie den ironisierenden Blick auf sich und seine Familie. Dieser Vielfalt an Gefühlen entsprechend erprobt Marcel unterschiedliche Textsorten, knappe Dialogszenen, innere Monologe und Gedichte.
Einen etwas anders akzentuierten Ausschnitt der gleichen Geschichte hat Christophe Honorè auch seinem Film "Tout contre Léo" ("Close to Leo"/"Mein Bruder Leo") zu Grunde gelegt.
Salzgeber Edition.
88 Minuten
Ted van Lieshout: Bruder
Im Zuge des Abschiednehmens von seinem verstorbenen jüngeren Bruder schreibt Luuk zwischen die Zeilen dessen Tagebuches. Anfangs ohne es zu wollen, beginnt er bald doch, die Aufzeichnungen von Marius zu lesen, und darauf zu antworten. So wird die zuerst einseitige Kommunikation bald zu einer Auseinandersetzung mit dem Tod, dem Verhältnis zwischen den beiden Brüdern und mit einem Faktum, mit dem jeder auf unterschiedliche Weise zurecht kam und kommt, ihrer Homosexualität. In einer beinahe schmerzhaft schönen Sprache und durch einen gekonnten literarischen Kunstgriff versteht es der Autor, jene sensiblen Themen ans Tageslicht zu befördern, die Luuk lange vor seinem Bruder und aller Welt zu verbergen suchte, und sie damit einem positiven Dialog zugänglich zu machen.
Aus dem Niederländ. v.
Mirjam Pressler.
Beltz & Gelberg 2005.
150 S., € 6,10.
ISBN 978-3-407-78620-3