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Animorphe Figuren in der KJL

 

Beginnend mit den Zentauren, wilden, in Arkadien lebenden Figuren, die – halb Mensch halb Pferd – vorrangig der Wollust frönen, werden Mythen und Märchen von zahlreichen Wesen bevölkert, die gleichzeitig Tier und Mensch sind.

Die berühmteste unter ihnen ist wohl Hans Christian Andersens kleine Meerjungfrau: Getrieben von ihrer Sehnsucht nach den Menschen und ihrer Liebe zum schönen Prinzen, den sie vor dem Ertrinken gerettet hat, opfert sie ihre Stimme für eine menschliche Gestalt: Jeder Schritt, den sie tat, war, als trete sie auf spitze Nadeln und scharfe Messer, wie die Hexe ihr vorausgesagt hatte, aber das ertrug sie gerne.

So wie die kleine Meerjungfrau unter dem Pakt mit der grausamen Meerhexe leiden zahlreiche andere Märchenfiguren unter Flüchen und Zaubersprüchen, die sie zu einer Existenz in fremden Körpern verdammen: Neben dem armen Biest ist der bekannteste unter ihnen wohl der Froschkönig. Generationen von Frauen wurden seinetwegen animiert, Frösche zu küssen: Ein eklatanter Rezeptionsfehler, wird der Frosch bei den Brüdern Grimm doch an die Wand geworfen, um in den Prinzen rückverwandelt zu werden.

 


Ill. v. Lisbeth Zwerger

 


Ill. v. Rotraut
Susanne Berner

Doch nicht nur weibliche Wesen leiden unter dem Ekel der Froschküsserei, nein auch Fröschinnen laufen Gefahr, mit gebrochenem Herzen zurück zu bleiben, wenn der neue, ungelenke, sich nur schwer ins Froschdasein einfügende Geliebte sich per Rückverwandlung plötzlich als Mensch entpuppt:

„Wer seid ihr?“ fragte die Menschenfrau.
„Der Foff Pin“, antwortet der Menschenmann.
Und das machte mich wirklich wütend. Was für eine Frechheit! Er war nichts im Vergleich zu meinem schönen Pin. Oh, wo war mein schöner Pin?
(Der Prinz vom Teich)

Dass Rückverwandlungen wie diese bittere Folgen haben können, muss auch der Verräter an Harry Potters Eltern am eigenen Leib erfahren: Seither versteckt er sich mit Hilfe seiner animagischen Fähigkeiten in der Gestalt von Rons Ratte Scrabbles. Er gehört zu der Gruppe der vier derzeit wohl berühmtesten animorphen Figuren der Kinderliteratur: James Potter, Remus Lupin, Sirius Black und Peter Pettigrew.

 

 


Coverbild "Der Prinz
vom Teich"

Im Zauberreich von Hogwarts leben nämlich nicht nur Zentauren, wie der attraktive Firenze, oder Werwölfe, wie der schwer an seinem Schicksal leidende Professor Lupin, sondern auch Animagi: Zauberer und Hexen, die die Fähigkeit besitzen, sich in ein Tier zu verwandeln. Minerva McGonagall ist eine von ihnen; einen anderen – diesmal illegalen – Animagus enttarnt die clevere Hermine: Klatschreporterin Rita Skeeter gelangt nur an ihre Informationen, weil sie als Käfer die hintersten Winkel von Hogwarts durchschlurft.

Dass die Kunst der Verwandlung Auszeichnung und Bürde zugleich sein kann, zeigen all jene HeldInnen, die im jugendliterarischen Unterhaltungsgenre mithelfen, die Welt zu retten: Die Switchers bekämpfen mit Hilfe ihrer Fähigkeiten ein urzeitliches Kältewesen, verbleiben an ihrem 14. Geburtstag jedoch in jener Gestalt, in die sie sich gerade verwandelt haben: Tier oder Mensch. Die Animorphs hingegen, die serienweise gegen wurmartige Aliens kämpfen, laufen Gefahr, auch in ihrer menschlichen Form immer stärke die Instinkte jenes Tieres auszuleben, in das sie sich verwandeln können.

Wie sehr eine solches Leben in zwei Gestalten jedoch als schmerzliche Erfahrung begriffen werden kann, zeigt sich an den jugendlichen Hauptfiguren in Patrice Kindl erstem Roman: Owl lebt untertags das Leben eines scheinbar normalen Mädchen, verwandelt sich jedoch nachts in eine Eule. Auf ihren Streifzügen stößt sie auf David, der am gleichen Schicksal leidet – im Vergleich zu Owl jedoch nicht die Unterstützung von FreundInnen und Familie genießt. Erzählt wird also eine Identitätsfindungsgeschichte unter ungewöhnlichen – eben animorphen – Vorzeichen.

 


Coverbild "Harry Potter
und der Gefangene von Askaban"

 

 

Literaturliste:

Hans Christian Andersen/Lisbeth Zwerger: Die kleine Meerjungfrau. Minedition 2004.

Donna Joe Napoli: Der Prinz vom Teich. Deutsch von Gabriele Haefs. Illustriert von Caroline Ronnefeldt. Sauerländer 1995.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Gefangene von Azkaban. Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Carlsen 1999.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Feuerkelch. Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Carlsen 2000.

K. A. Applegate: Animorphs. Deutsch von Christoph Arndt. Ravenburger 1998ff.

Kate Thompson: Switcher. Du bist mehr als du weißt. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. Carlsen 2000.

Patricia Kindl: Eule verliebt. Aus dem Amerikanischen von Angelika Eisol-Viebig. Anrich 1996.

 

Ein Beitrag zu animorphen Figuren ist auch im STUBE Skriptum der Schriftenreihe Fokus mit dem Titel Katz&Co. Tierfiguren in der Kinder- und Jugendliteratur zu finden.

Reihe Fokus