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Lektorix des Monats
Ein Buchtipp von STUBE, Institut für Jugendliteratur und DIE FURCHE

 

Buchtipp in DIE FURCHE 48/2. Dezember 2010

Erwachen und Entschlafen

"Es träumt vom vollmond die sonne, / aus liebe zur sonn seufzt der mond, / von mir wird aus sehnsucht die welle / als menschlicher zierfisch bewohnt." Wenn h.c. artmann seine "wimpel bunt flattern" lässt, dann ist angezeigt, dass in einer Anthologie, die sich als Hausbuch auch an eine junges Lesepublikum richtet, nicht einfach Altbewährtes unter neuem thematischen Deckmäntelchen präsentiert wird.
Vielmehr wird hier das große Lalula eines Kinderkosmos ausgebreitet, wenn der Bogen über das Firmament ebenso wie über das Werden und Vergehen des Tages, aber auch des Jahres gespannt wird: Schöpfung und Hahnenschrei werden dabei ebenso in literarische Beziehung gestellt wie Mondenschein und Liebesleid, Sternenlicht und Schlaf.
Sonne, Mond und Sterne geben nur die primären Impulse wenn Gedichten, Geschichten, Märchen und Lieder den Spielarten des Erwachsens und Entschlafens – der Welt, des Tages, des Jahres, der Natur, des Menschen – folgen.
Pathos und Brüchigkeit der gesammelten Texte, die eine Spanne über drei Jahrhunderte schlagen, werden dabei aufgefangen in den Illustrationen von Linda Wolfsgruber, die nüchtern und intensiv die Verbindung zwischen Alltag und Vorstellungswelt, zwischen Himmel und Erde herstellt. Ohne die Himmelskörper zu personifizieren, macht sie doch faszinierende figurale Angebote. Sie spannt die Farben der Nacht zwischen Blütenblättern auf und fängt die Flüchtigkeit des Morgengrauens in ebenso hauchzarten Bildern ein wie das Ende des Tages, wenn Heinrich Seidel reimt: "Flieg zum Nest / und schwimm zum Hafen! Gute Nacht! Die Welt will schlafen!"

Heidi Lexe

 


Sonnenschein und Sternenschimmer.
Hrsg. v. Christine Knödler. Ill. v. Linda Wolfsgruber. Gerstenberg 2010.
ISBN 978-3-8369-5317-7

Buchtipp in DIE FURCHE 40/7. Oktober 2010

Wortlos glücklich

Wortlos miteinander glücklich zu sein, bekommt in dieser Bilderbuchwelt eine ganz besondere Bedeutung. Denn Paul, der in das Nachbarmädchen Marie verliebt ist, verfügt über keie Worte. Gemeint ist damit nicht ein metaphorischer Makel verbaler Unsicherheiten, sondern ganz wortwörtlich eine konkrete soziale Unzulänglichkeit: In dem Land, in dem Paul lebt, werden Wörter von der Wörterfabrik produziert und müssen käuflich erworben werden. Die argentinische Bilderbuchkünstlerin Valeria Docampo, von der im deutschen Sprachraum erstmals Bilderbuchillustrationen zu sehen sind, taucht dieses Land in Sepia- und Brauntöne und setzt mit roter Farbe bildliche Akzente.
Die runden, markanten Gesichter ihrer Figuren, deren schwingende Kleider und außergewöhnliche Hüte durchdringen das industriell anmutende Sujet, das bestimmt wird von der an den Turm zu Babel gemahnenden Wörterfabrik. Die Buchstaben bekommen ganz besonderen Wert, werden zum modischen Accessoire der Wohlhabenden, während diejenigen, die kein Geld haben, die Mülleimer nach weggeworfenen Wortschnipseln durchsuchen. Wie soll Paul Marie mit solchen Sprachresten seine Liebe erklären? Doch wenn der Ausverkauf und das Sonderangebot auf die Welt der Sprache übertragen werden, haben jene, die in fetten Lettern sprechen, das Nachsehen gegenüber jenen, die Worte einfangen, als seien sie Schmetterlinge. In das kräftige Rot junger Liebe hineingehaucht, vermögen gerade die scheinbar schlichtesten Worte ihre überraschende Kraft zu entfalten und die Spiralform der Wörterfabrik in einen emotionalen Wirbel zu verwandeln.

Heidi Lexe

 


Agnès de Lestrade:
Die große Wörterfabrik
Ill. v. Valeria Docampo. Aus dem Franz. v. Anna Taube. mixtvision 2010. ISBN 978-3-939435-26-6

Buchtipp in DIE FURCHE 22/2. Juni 2010

Wie war das damals?

Die Vertreibung aus dem Paradies – ein alttestamentarisches Motiv, das in der Literatur vielfach variiert wurde. In der Jugendliteratur bietet sich die Verschränkung mit dem Ende der Kindheit an: Eine Variante, die die mehrfach preisgekrönte Autorin Kirsten Boie hier virtuos gestaltet.
Der Text setzt mit "Das Paradies" im Sommer 1961 ein, die dreizehnjährige Karin liebt die Ferien mit Baden an der Dove Elbe, dem neuen Fernsehapparat und Klönen mit ihrer Freundin Regina. Doch dann erzählt Regina über ein Buch "von diesen Judensachen", und Karin beginnt sich und ihren Eltern erstmals Fragen zu stellen. Wie war das eigentlich damals? Warum steht dieser Eichmann jetzt in Jerusalem vor Gericht?
Im Februar 1962 folgt "Die Vertreibung": Historischer Hintergrund dafür war eine Sturmflut an der deutschen Nordseeküste, die rund 340 Todesopfer forderte. Familie wie jene der Protagonistin, die als Bombengeschädigte in einstöckigen Behelfsheimen in Kleingartenanlagen lebten, verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Der dritte Teil "Asche zu Asche" erzählt schließlich vom Leben nach dieser Katastrophe im Sommer 1963: Nichts ist mehr, wie es vorher war. Der Vater ist unglücklich in der neuen Stadtwohnung, Karin wird immer aufsässiger – umso mehr, als sie herausfindet, dass die Mutter belastende Fotos aus dem Krieg verschwinden hat lassen. Boie literarisiert anhand einer einzelnen Mädchenfigur gesellschaftspolitische Fragestellungen der Nachkriegszeit. Sprachlich empfindet sie dabei den Duktus der Zeit nach und entwirft so ein Porträt einer Generation, die lernen musste, die Erzählungen der Eltern infrage zu stellen.

Kathrin Wexberg

 


Kirsten Boie: Ringel, Rangel, Rosen.
Oetinger 2010.
ISBN 978-3-7891-3182-0

Buchtipp in DIE FURCHE 13/1. April 2010

Lenys Geschichte

Dem Album als Organisationsform narrativer Kohärenz widmete sich im vergangenen November eine Konferenz an der Universität Wien, veranstaltet gemeinsam mit der Wienbibliothek im Rathaus und dem Literaturhaus, Institutionen, die in ihren Beständen zahlreiche Alben verschiedenster Provenienz archivieren.
In ihrem neuen Jugendroman setzt Rachel van Kooij ein real existierendes Album zwar nicht als Organisationsform, aber als Ausgangspunkt ihrer Geschichte ein, die historische Ereignisse literarisiert: Als Kinde hatte sie im Haus ihrer niederländischen Großeltern ein Album mit Ansichtskarten entdeckt. Auf die Frage, wem es gehöre, bekam sie als Antwort: einer Freundin, Leny, die ermordet wurde. Jahre später beschloss die Autorin herauszufinden, wer dieses Mädchen war.
Der Text beginnt mit der Ermordung von Leny und ihrer Familie in den Gaskammern von Birkenau, um dann chronologisch die Jahre von ihrer Geburt 1929 an, meist personal aus der Sicht von Leny, nachzuerzählen. Eine Zeitleiste, die jeweils an den Rand der Seite gesetzt ist, erleichtert die Einordnung der Geschehnisse, deren historischer Verlauf in einer ausführlichen Chronologie nachgereicht wird: Dort weist die Autorin auch aus, welche Begebenheiten durch Berichte von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen überliefert sind und welche sie erfunden bzw. weitererzählt hat. Die Alltagserfahrungen von Leny ähneln denen anderer junger Mädchen wie Ruth Klüger oder Anne Frank, die bereits in literarischer Form vorliegen – bemerkenswert ist aber die Verschränkung von Fakten, eigener Familiengeschichte und Fiktionen, die die Autorin hier vorgenommen hat.

Kathrin Wexberg

 


Rachel van Kooij: Eine Handvoll Karten.
Jungbrunnen 2010.
ISBN 978-3-7026-5817-5

Buchtipp in DIE FURCHE 5/4. Februar 2010

Suche nach den Mondstücken

Über 40 Jahre ist es her, seit der Mensch auf dem Mond gelandet ist. Zeit, den Mond auch einmal auf die Erde zu holen – wenn auch diese „Mondlandung“ unter verkehrten Vorzeichen weit weniger planvoll erscheint als das Apolloprogramm: In der Silvesternacht möchte Lenas Papa mit seinen Raketen höher hinaus als alle anderen. Mama schilt ihn zwar einen alter Angeber, doch Papa zündet „die höchs – te Ra – ke – te al – ler Zeit – ten“! Pfeilgerade schießt sie hoch – und katapultiert die Vollmondscheibe vom Himmel.
Illustratorin Karoline Kehr setzt auf kontrastive Farbflächen, wenn der Mond im nächtlichen Feuerwerksgewühl wie ein Cracker bricht und in vier gezackten, leuchtenden Splittern einem verdutzten Vater entgegensinkt. Ob hier die Haftpflichtversicherung hilft? Während sich die Erwachsenen silvesterlich illuminiert aus dem Mondstaub machen, brechen Lena und ihr Bruder Paul auf, die Splitter in der nunmehr pechschwarzen Nacht zu finden.
Regula Venske, die ihre Kindergeschichten stets mit hohem sozialem Bewusstsein erzählt, nutzt diesen Versuch einer Zusammenführung auch im übertragenen Sinn: Auf ihrer Suche nach den Mondstücken treffen die Kinder auf schrullige Randfiguren ihrer unmittelbaren Umgebung, denen selten jemand ein gutes, neues Jahr wünscht. Dem Anspruch eines Buches für das frühe Lesealter folgend, wird sprachlich einfach und doch mit Augenzwinkern erzählt. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt – und so lässt sich der Mond am Ende wieder zusammentackern und in den Himmel zurückschießen. Wer genau hinsieht, erkennt: Er trägt jetzt eine Sektkorkennase!

Heidi Lexe

 


Regula Venske: Als Papa den Mond abschoss.
Ill. v. Karoline Kehr.
Tulipan 2009.
ISBN 978-3-939944-38-6

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