Thema: Schweigen in der Kinder- und Jugendliteratur
Franz-Joseph Huainigg/Verena Ballhaus: Wir sprechen mit den Händen
Wie Unkenntnis über die Weltwahrnehmung des Anderen Fremdheitsgefühle hervorrufen können, wird in diesem Bilderbuch zum Thema Gehörlosigkeit aufgezeigt. Während Lisa ihre Mutter für übernatürlich begabt hält, weil diese scheinbar ohne jedes Anzeichen erkennen kann, wann Menschen vor der Tür stehen, begegnen Lisa die Kinder auf dem Spielplatz mit Unverständnis und Ausgrenzung: "Die ist dumm und deutet nur komisch herum!" Die Sensibilisierung für ein Leben mit und ohne Hörfähigkeit wird schrittweise durch Thomas hergestellt, dessen Eltern selbst gehörlos sind und der daher die Gebärdensprache beherrscht und als Vermittler einspringen kann. Durch diese erste Kontaktaufnahme kann sich der Dialog darüber entspinnen, wie die Welt in gesprochener Sprache und Gebärden empfunden wird und sich zum Ausdruck bringen lässt. In den Illustrationen von Verena Ballhaus nimmt die geschwungene Linienführung Anleihen an den Gesten der Gebärdensprache, die im Buch durch ihre klare Darstellungsweise leicht nachvollziehbar sind.
Annette Betz 2005. 32 S., € 12,95. ISBN 978-3-219-11218-4
Shaun Tan: Ein neues Land
Um das Fremdsein auszudrücken, braucht es keine Worte, denn ein Verständnis kann ohnehin nicht geschaffen werden. So erzählt diese textlose Graphic Novel die Geschichte einer Reise, wie sie Hoffnungssuchende in allen Ecken der Erde in jedem Moment antreten. Ein Mann verlässt seine Familie, seine Heimat, um anderswo sein Glück zu finden – eine Welt, die zunächst vor allem fremd und verwirrend ist. Die anmutige Sprache der Bilder, schwarz- weiß und sepia, erzählt in sequenziellen Bildfolgen von der Entfremdung, die hier eine Stilisierung zur Allgemeingültigkeit erfährt. Oft sind die Illustrationen nur Bruchteile von Sekunden versetzt und erfahren eine faszinierende Dynamisierung durch den Einsatz von filmischen Ausdrucksmitteln. Die Illustrationen sind geprägt von einem fotographischen Realismus, der als Paradoxon zu den teils surrealen und phantastischen Bildinhalten zu sehen ist, die doch wieder von Erfahrungen berichten, wie sie Menschen tagtäglich und weltweit machen. In seinen eindrucksvollen Bildwelten zeigt der australische Künstler Shaun Tan, dass textloses Erzählen alles andere als sprachlos ist.
Carlsen 2008. 128 S., € 30,80. ISBN 978-3-551-73431-0
Sofie Laguna: Ich bin Bird
"Dad, wie schnell kann eine Elster fliegen?" / "Weiß nicht – schnell." / "Aber wie schnell, Dad?" / "Keine Ahnung – schnell eben."
Der Dialog zwischen James Burdell und seinem Vater zieht bis zu jenem Zeitpunkt hin, an dem der Vater etwas über "blöde Vögel" murmelt: "Danach redete ich mit Dad nicht mehr über Vögel. Das war jetzt meine Sache." Die elterliche Überforderung mit spezifischem Fachwissen von Kindern jedoch greift hier tiefer: In ihrem Vogeldisput zeichnet sich die grundsätzliche Unmöglichkeit von Vater und Sohn ab, miteinander zu sprechen. Die beiden sind alleine zurückgeblieben, seit James' Mutter "durchgebrannt" ist. Zwar ist der handfeste Byker-Typ redlich um seinen Sohn bemüht, seine emotionale Knorrigkeit jedoch gibt er durchaus an James weiter. Als auch Craig Hill, genannt Sugar Boy, der als einziger James Burdells Wesen erkannt und ihn stets Birdy genannt hat, ebenfalls "abhaut" (weil seine Eltern wegziehen), bleibt Huck ohne seinen Tom zurück. Birdys Vorstellungswelt orientiert sich immer ausschließlicher an seiner Vogelseele und er unternimmt in mehrfacher Hinsicht eine Reise in ein diese Vogelseele befreiendes Land. Als sich seine Wahrnehmungsgrenzen so sehr verwischen, dass er selbst zu fliegen versucht, landet Birdy hart und mit gebrochenem Flügel in der Realität. In dieser Realität jedoch vermag man sich als Vater und Sohn dann doch der eigenen Stärken zu besinnen – und es wagen, miteinander zu sprechen.
Aus dem Engl. v. Ingo Herzke. Carlsen 2010. 176 S., € 13,30. ISBN 978-3-551-55542-7
Nora Raleigh Baskin: Jason und PhoenixBird. Alles andere als typisch
ASD, NLD, PDD-NOS – mit diesen rätselhaften Buchstabenkombinationen versucht die klinische Diagnostik festzumachen, was an Jason, dem Ich-Erzähler dieses Jugendromans, anders ist: Eine Entwicklungsstörung aus dem autistischen Spektrum. Doch während seit Rain Man autistischen Menschen in der Populärkultur eher Begabungen im Bereich der Mathematik zugeschrieben werden, schreibt Jason Geschichten, die er anschließend auf eine Website stellt. Ein Mädchen mit dem Nickname Phoenixbird beginnt diese zu kommentieren. Während Jason im persönlichen Kontakt nicht in der Lage ist, Beziehungen aufzubauen, entspinnt sich zwischen den beiden ein reger Austausch. Doch als es zu einer realen Begegnung kommen könnte, gerät er in Panik. Jason reflektiert nicht nur sein Leben mit seinen Besonderheiten, sondern Literatur. Seine Geschichten spiegeln und verfremden Jasons Realität – doch wenn der kleinwüchsige Protagonist seiner Geschichte letzten Endes selbstbewusst zu sich und seinen Eigenheiten stehen kann, gilt das vielleicht auch ein kleine Stück für ihn selbst.
Aus dem Engl. v. Uwe-Michael Gutzschhahn. Gerstenberg 2010. 224 S., € 14,30. ISBN 978-3-8369-5289-7
Sarah Weeks: So B. It. Eine Geschichte vom Glück
"Vielleicht bist du nach dem Buch benannt oder auch nach dem Film. Shirley Temple hat da mitgespielt." Doch alles, was Heidi über sich weiß, ist ihr Vorname. Ihre Nachbarin Bernadette, genannt Dette, hat das Mädchen einst als Baby im Arm ihrer geistig behinderten Mutter im Stiegenhaus gefunden; die Mutter konnte nur mit einem Satz über sich und ihr Kind Auskunft geben: So Be It. Diesem Fatalismus jedoch will Heidi nicht nachgeben. Als sich mit dem zufälligen Fund eines alten Fotoapparates erstmals ein Anknüpfungspunkt an die Vergangenheit der behinderten Frau ergibt, begibt Heidi sich neugierig, mutig und stur auf eine Reise, die sie weit überfordert und doch unumgänglich ist. Wie schon bei Johanna Spyri wird dabei ein geschlossener Handlungsraum (der hier durch die Sprachlosigkeit der Mutter und die Agoraphobie von Dette bis hin zur Skurrilität gesteigert wird) einem fremden, offenen gegenübergestellt, indem Heidi sich erst in ganz basalen Alltagsvollzügen zu Recht finden muss. Entstanden ist daraus ein lakonisch erzählter Kinderroman, der gerade in seinem Konstruktcharakter ständig zu überraschen weiß. Denn orientiert sind Rhythmus und Dynamik des Geschehens dabei an den wenigen Worten, die Heidis Mutter zu sagen im Stande ist – darunter das geheimnisvolle "Soof", dessen Bedeutung Heidi und Dette nie klären konnten.
Aus dem Engl. v. Brigitte Jakobeit. dtv 2007. 224 S., € 8,20. ISBN 978-3-423-62307-0
Avram Kantor: Die erste Stimme. Ich und mein Bruder - mein Bruder und ich
Der namenlose Ich-Erzähler dieses, von Mirjam Pressler meisterhaft aus dem hebräischen übersetzten, Romans kann nicht sprechen: Alles medizinischen und therapeutischen Bemühungen, ihn zum Reden zu bringen, scheitern, die Ursache dafür bleibt unklar. Der gesamte Text ist also aus einer Welt der scheinbaren Sprachlosigkeit heraus erzählt, denn niemand weiß, dass er heimlich lesen gelernt hat und eigentlich kognitiv viel weiter entwickelt ist, als seine Familie ahnt. Beim Stöbern am Computer seines großen Bruders Kobi entdeckt er wiederum dessen Geheimnis:Er bekommt mit, wie dieser nach und nach einer orthodoxen Sekte verfällt. Als der Bruder plötzlich verschwindet, liegt es also an ihm, ihn zu finden. Ein ungewöhnlicher Roman, dessen Reiz für deutschsprachige LeserInnen nicht nur in der ungewöhnlichen Erzählperspektive, sondern in der selbstverständlichen Art, vom für uns so fremden Alltag in Israel zu berichten.
Aus dem Hebr. v. Mirjam Pressler. Hanser 2008.
208 S., € 15,40.
ISBN 978-3-446-20903-9
Kathrin Schrocke: Freak City
"Ich sehe, dass du denkst. Ich denke, dass du fühlst. Ich fühle, dass du willst, aber ich hör dich nicht." Die deutsche Band "Wir sind Helden" steuert mit diesen Lyrics sowohl den Soundtrack einer jungen Liebe als auch den Leitgedanken dieses Adoleszenzromans bei: "Freak City" ist jene soziale Einrichtung für Jugendliche, in der Mika auf die gehörlose Lea trifft. Beiden fehlt anfangs nicht nur eine gemeinsame Sprache, sondern auch der Mut sich einander zu nähern. Die Nutzung verschiedenster Medien, nicht zuletzt der Gebärdensprache, die Mika für Lea lernt, ergibt eine sehr vielfältige Dialogizität, die die beiden schließlich einem Happy End und die Lesenden der gemeinsamen Schnittmenge beider Sinneswelten näher bringt.
Sauerländer 2010.
184 S., € 14,30.
ISBN 978-3-7941-7081-4
Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht
13 Gründe warum sich die Highschool-Schülerin Hannah das Leben genommen hat, 13 Personen, die daran beteiligt waren. Für jede/n von ihnen hat sie vor ihrem Tod eine Kassettenseite besprochen und mit der Auflage ergänzt, das Paket nach dem Hören an das nächste Glied der Kette weiterzugeben. Als Erzählinstanzen fungieren sowohl Hannah als auch ihr Mitschüler Clay, der ihre Worte, die bei seiner Wanderung an Orten der Erinnerung durch die Kopfhörer schallen, reflektiert. Das analoge Moment der altmodischen Kassetten korrespondiert hier ganz mit der Chronologie der Ereignisse: Nur auf einem analogen Medium kann die Kette von Schuld erzählt werden. Hannahs Ohnmächtigkeit sich anderen mitzuteilen wird erst nach ihren Entschluss zum Suizid überwinden – ihre letzten Worte werden zum bitteren Nachlass, der zwar erklären, aber nicht mehr retten kann.
Aus dem Engl. v. Knut Krüger. cbt 2009. 288 S., € 15,40. ISBN 978-3-570-16020-6
Liz Neudecker: Gehör-Los
Seit dem 1. September 2005 wird die Gebärdensprache laut Bundes-Verfassungsgesetz in Österreich offiziell als Sprache anerkannt. Lis Neudecker, seit 1993 als Gehörlosenlehrerin und später auch als Gehörlosendolmetscherin tätig, hat sich dafür stets eingesetzt: Wie bei jeder Sprache geht es dabei auch um ein Wissen um die Sprache selbst – um die Tatsache, dass es Unterschiede zwischen dem amerikanischen Usus, Buchstaben und dem europäischen Usus, Begriffe und Begriffskombinationen zu gebärden, gibt. Die Gebärdensprache kennt Zeitformen und Dialekte und die Fähigkeit, in Gebärdensprache zu kommunizieren, beinhaltet auch die Umkehrung von der Gebärde ins Wort: das sogenannte "Voicen". Lis Neudecker, die für Veranstaltungen des Österreichischen Bibliothekswerks und der STUBE auch literarische Texte gebärdet hat (bei Lesungen von Renate Welsh oder – besonders herausfordernd – Gedichte von Heinz Janisch), zieht in diesem schlichten und doch sehr eindringlichen Buch ihre Lebenslinien nach: Die Form des erzählenden Ich wählend führt sie die Erinnerungen an ein Leben mit ihren gehörlosen Großeltern herauf bis in ihr eigenes Bemühen, einem alltäglichen Leben im Miteinander jenseits des laut ausgesprochenen Wortes die entsprechende (auch politische) Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Bibliothek der Provinz 2002. 120 S., € 15,00. ISBN 978-3-85252-458-0