Angebote
Fernkurs
Buchtipps
Tagebuch
Wir über uns
 

 

 

Lektorix des Monats
Ein Buchtipp von STUBE, Institut für Jugendliteratur und DIE FURCHE

 

Buchtipp in DIE FURCHE 49/3. Dezember 2009

Zwei Menschen - eine Nation

"Niemand ist eine Insel." Denn für eine Insel bedarf es weit mehr als einen Menschen. John Donne hat bereits vorweggenommen, was Pratchetts Parabel von Religion, Wissenschaft und Menschheit erzählt. Eine Flutwelle zerstört das pazifisch anmutende Inselreich zur Kolonialzeit einer Parallelwelt und unterbricht den Initiationsritus des jungen Mau, der so nicht nur kein Mann, sondern einzig Überlebender seiner Insel geworden ist. Fortan wird der "Junge ohne Seele" von den Göttern, seinen Vorfahren, lautstark genötigt, die "Nation" – so auch der Originaltitel – wieder zu errichten.
Zur Hilfe kommen ihm Gestrandete, allen voran das "Hosenmenschenmädchen" Daphne, das als überzivilisierter europäischer Adelsspross den Gegenentwurf zu Maus Kultur darstellt. Regelstarr und bis zur Handlungsunfähigkeit geprägt von ihren Wurzeln sind anfangs jedoch beide. In ihren ersten, durch Sprachbarrieren erschwerten Begegnungen werden Natur- und Kulturvolk gleichermaßen persifliert wie vermengt, unreflektierter (Aber)glaube offengelegt. Pratchetts Sprachwitz wirkt dabei trotz der ungewohnten Ernsthaftigkeit pointiert wie nie.
Mau wird Häuptling dieser neuen Zivilisation und lotst die Insulaner mit Daphne durch die Konfrontation mit überholten Göttern, angreifenden Kannibalen und bahnbrechenden Erkenntnissen über die scheinbar europäischen Wissenschaften …
Am Ende ist ob der wortwörtlich weltenübergreifenden Entwicklung weder Mau noch Daphne noch der großartige Roman selbst wiederzuerkennen – und die fordernde Stimme der Götter verstummt.
Was bleibt, ist Glauben, Welt und Horizont ganz neuer Art: "Ein Mensch allein ist nichts. Zwei Menschen sind eine Nation."

Christina Ulm

 


Terry Pratchett:
Eine Insel.
Ill. v. Jonny Duddle.
Aus dem Engl. v.
Peder Brehnkmann.
cbj 2009.
ISBN 978-3-570-13726-0

Buchtipp in DIE FURCHE 40/1. Oktober 2009

Wie weit darf man gehen?

Das vierte, letzte Buch der 2007 verstorbenen Autorin ist ein historischer Roman im doppelten Sinne: Die Rahmenhandlung setzt 1981 in Irland (laut Titel "Anfang und Ende allen Kummers") ein, als der achtzehnjährige Protagonist Fergus beim illegal Torfstechen die Leiche eines Mädchens findet. Er vermutet, dass sie erst vor kurzem einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel – doch dann zeigen die archäologischen Untersuchungen, dass Mel, wie sie ihr Finder tauft, um 80 nach Christus gelebt haben muss. In Fergus’ Leben überschlagen sich die Ereignisse: Sein wegen IRA-Aktivitäten inhaftierter Bruder tritt in Hungerstreik, er selbst wird gezwungen, dubiose Kurierdienste zu übernehmen, und verliebt sich in die Tochter der Archäologin, die die Forschungsarbeiten leitet.
Parallel dazu wird auf einer zweiten Ebene in Ich-Form das Leben von Mel und die Verwicklungen, die zu ihrem gewaltsamen Tod führten, auserzählt. Spannend und voll überraschender Wendungen zeigen sich die Prallelen zwischen den beiden Handlungsebenen nicht auf den ersten Blick, sondern erst im Nachdenken über das Gelesene. Eingewobenen in den Plot ist eine Fülle an ethischen Fragestellungen: Wie weit darf man gehen, um seine eigenen politischen Überzeugungen zu vertreten? Wie schwer wiegt die Entscheidung eines Menschen, der seine eigenes Leben für eine Sache opfern möchte? Wie kann es gelingen, als Individuum aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt auszubrechen?
Das gesellschaftspolitische Engagement der Autorin zeigt sich auch in ihrem außerliterarischen Vermächtnis: Einnahmen aus ihren Büchern fließen einer Stiftung zu, die Kindern aus bildungsfernen Schichten den Zugang zu Büchern ermöglicht.

Kathrin Wexberg

 


Siobhan Dowd:
Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort.
Aus dem Engl. v.
Salah Naoura.
Carlsen 2009.
ISBN 978-3-551-58208-9

Buchtipp in DIE FURCHE 36/3. September 2009

Kleine Hex' in Patchworkwelt

Arcimboldo war gestern. Die Hexe von heute trägt das Gemüse nicht im Gesicht, sondern führt es im Beiwagen ihres Motorrads mit sich. Um es dann mit der Kettensäge kleinzuschnippeln, während der Rabe auf ihrem Kopf die Uhrzeit krächzt: "morgens früh um sieben, schabt sie gelbe Rüben". Koboldhaft und in ein exquisites, grün eingefärbtes Kleid aus Höhenlinien-Papier gekleidet wird die kleine Hex' in eine Szenerie gesetzt, die so wirkt, als hätte Pippi Langstrumpf sie soeben verlassen. Doch wird hier nicht eine Villa Kunterbunt dargestellt, sondern eine Skyline schräger und verwinkelter Bauten erinnert an jenes legendäre "gammalt hus". Wie einst Susi Weigels Frau Hullewulle dirigiert die kleine Hex' sich selbst durch eine auszahlreichen (Bild-) Requisiten gepatchworkte Welt.
Bis – "pünktlich um halb eins" – der dicke Heinz kommt, denn Jens Sparschuh erweitert den traditionellen Kinderreim nicht nur um mehrere Zeiteinheiten, sondern auch um eine weitere Figur. Aus ihr macht Illustratorin Julia Neuhaus ein bemerkenswert aktives Schwein, das im Stundentakt für zwei frisst, musikalisch aufspielt und sich am Hexeneinmaleins abmüht. Um sich dann gemeinsam mit der kleinen Hex' wohlig schaudernd bei einem Horrofilm zu entspannen …
Alles verschiebt, verdoppelt und vervielfacht sich hier – von den Blubberblasen der Zahnpasta bis hin zum Katzengesicht. Größenverhältnisse werden lustvoll aufgelöst, sodass die ganze Welt Platz findet und sowohl "morgens früh um neune" als auch noch einmal um Mitternacht umrundet werden kann. Fuchs und Hase sagen sich derweil irgendwo zwischen Klimanwensi und Ugweno Gute Nacht.

Heidi Lexe

 


Jens Sparschuh: Morgens früh um sechs ...
Die Geschichte von der kleinen Hexe und dem dicken Heinz.
Ill. v. Julia Neuhaus. Hinstorff 2009.
ISBN 978-3-356-01327-6

Lektorix 2009
Hier finden Sie den Lektorix des aktuellen Jahres …

Lektorix 2008

Lektorix 2007

Lektorix 2005-2006
... und der letzten Jahre