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Thema: Horror in der Kinder- und Jugendliteratur

 

 

Ian Falconer: Olivia und das verlorene Kuscheltier

Vorsicht bissiger Hund! Olivia mag diese Warnung gekannt, doch sicher nicht damit ge-rechnet haben, dass damit ihr eigener Hund gemeint sein könnte. Der Schreck fährt ihr dementsprechend in alle Schweineglieder, als sich ihr im gewitterumtobten nächtlichen Ambiente ein Anblick des Grauens bietet: Einen furchteinflößenden Schatten an die Wand werfend hockt der Hund vor seinem Opfer: Dem in Stücke gebissenen Kuscheltier. Man darf sich hier also so richtig gruseln mit dem vieltalentierten Schwein; und man darf Olivia bei der Suche nach Schnuffel folgen - durch mit viel Bildwitz gestaltete Illustrationen. Dabei verirren sich doch tatsächlich auch grüne Effekte in das gewohnte, für Olivia so spezifische rot-weiß-schwarze Setting; sie verweisen wohl auf den besonderen Status, den Schnuffel in Olivias Leben hat - zumindest ab jenem Zeitpunkt, da er verschwunden ist ...

Aus dem Engl. v. Monika Osberghaus. Oetinger 2004. 48 S.,
€ 13,30. ISBN 978-3-7891-6509-2

 


Carl Norac: Monster, friss mich nicht!

Naschen vor dem Essen verdirbt bekanntlich den Appetit. Doch Alex, der äußerst gefräßige und so knapp vor dem Abendmahl dementsprechend hungrige Nachwuchs der Familie Ferkel, stopft trotzdem ein paar Kartoffeln in sich hinein - bis er von der Mutter erwischt, geschimpft und zum Baden in den Fluss geschickt wird. Dort wird er von einem bösartigen Monster gepackt, um unverzüglich verspeist zu werden. Eine Zeit lang kann Alex seinen Peiniger jedoch durch Tricks abhalten, ihn als saftigen Schinken zu verzehren. Die Rettung kommt von unerwarteter Seite und der/die erleichterte LeserIn kann feststellen, dass sich Ferkel-Mamas und Monster-Mamas zum Glück in Erziehungsfragen völlig einig sind … Diese schmackhafte Geschichte wird mit kräftigen und farbintensiven Illustrationen untermalt, die mit liebe- und kunstvollen Details nicht geizen.

Aus dem Französ. v. Pauline Katz. Residenz 2006. 26 S., € 7,90.
ISBN 978-3-7017-2014-9

 


Susanne Straßer / Helmut Krausser: Wenn Gwendolin nachts schlafen ging. Kunstmann 2002.

Von Mordsgelächter ist hier die Rede, von Rohrkrepiererinnen und dem Kampf auf Tod und Leben. Denn kaum ist Gwendolin (die selbst im Buch nie vorkommt) sanft entschlafen, hebt in ihrem Kinderzimmer das Ernstfalltraining an: Nightmare pur. Mit Wortwitz, sprachlicher Doppeldeutigkeit und außergewöhnlicher illustratorischer Kunstfertigkeit wird der erbitterte Kampf der Spielfiguren um die Vormachtstellung in der Zuneigung Gwendolins inszeniert. Dem gestempelten und damit ebenso bestimmt wie unbeholfen wirkenden Text stehen gar nicht unbeholfene Realisationen des jeweiligen Mordes (respektive seiner Opfer) gegenüber - wobei die unter starkem Einsatz von Stoff- oder Tapetenmustern sowie Fotos und Bildchen collagierten Bilder die gewitzte Deutung von Indizien fordern und stets noch bissige Kommentare oder zusätzliche Pointen verbergen. Nichts für Kinder, nichts für schwache Nerven, aber eine bemerkenswerte Variante der Kunstform Bilderbuch.

Kunstmann 2002. 48 S., € 17,40. ISBN 978-3-88897-299-7

 


 

Paul van Loon: Rölfchen Werwölfchen

Paul van Loon gilt in den Niederlanden als der Schöpfer eines neuen Gruseltrends – und hat mit Rölfchen Werwölfchen einen besonders sympathischen Vertreter dieses Genres gestaltet: Sein Schrecken ist groß, als er an seinem siebten Geburtstag plötzlich Veränderungen an sich entdeckt. Eine ungekannte Sensibilität für Mondlicht, starke Behaarung und sogar ein buschiger Schwanz … Es dauert, bis Rölfchen lernt, mit diesen Veränderungen umzugehen und als sein Großvater auftaucht, findet er heraus, wem er dieses ungewöhnliche Erbe zu verdanken hat. Werwolf-sein wird hier nicht nur von seiner abenteuerlichen Seite her geschildert, sondern als Parabel auf die emotionalen Turbulenzen der Kindheit – denn wer würde nicht manchmal am liebsten beißen und kratzen?

Fischer Schatzinsel 2004. 156 S., € 6,20. ISBN 978-3-596-80481-8

 


Ian Ogilvy / Chris Mould: Miesel und der Kakerlakenzauber. Ravensburger 2005.

Mies ist nicht die 12-jährige Hauptfigur, mies sind dessen Lebensumstände: Weil er sich die Haare mit einem Küchenmesser absäbelt, sieht er aus, als hätten Mäuse an ihm genagt. Er stinkt erbärmlich und seine Kleider hängen ihm in Fetzen vom Leib. Er ist ein Waisenkind und lebt mit seinem fiesen Onkel an einem finsteren Ort. Das Setting ist nicht neu und dennoch besticht die Geschichte durch Originalität und skurrile Wendungen. So wird der Handlungsort kurzerhand auf die Oberfläche einer Modelleisenbahn geschrumpft: Miesel wird von seinem Onkel verhext und findet sich als zwei Zentimeter große Figur auf der Spielzeuganlage wieder. Als er dort auf weitere verhexte Figuren trifft, startet ein fulminanter und raffinierter Rachefeldzug gegen das Böse …

Aus dem Engl. v. Cornelia Krutz-Arnold. Ravensburger 2008. 224 S., € 5,10. ISBN 978-3-473-36986-7

 


 

Emmanuelle Houdart: Die Monster sind krank

Kindheit ist nicht nur ein Zustand von Aufgehobenheit und Glück, sondern auch ein Dasein im Zeichen von Angst und Entsetzen, Krankheit und Furcht. Doch dieses xxl-formatige Buch ist wie Medizin für kleine Kinderseelen, macht gepaart mit Angstlust und der Freude an Grusel und Schrecken alles wieder gut. Denn auch große und kleine Monster können krank werden und sind in diesem Zustand aller Schrecklichkeit beraubt. Sie kriegen Windpocken, Migräne und Zahnweh, leiden an Angst, Übelkeit und Depression. Die großflächigen, großköpfigen, und grellfarbigen Ungeheuer sind mit Akribie und Detailverliebtheit ausgeführt. Den rotzenden und weinenden Monstern sind poetische, augenzwinkernde Texte gegenüber gestellt, die Symptomatik und Behandlung von Krankheiten einmal ganz anders darstellen und damit nachhaltig die Grenzen der Phantasie ausloten.

Aus dem Französ. v. Edmund Jacoby. Gerstenberg 2006. 40 S., € 27,40. ISBN 978-3-8067-5129-1

 

Alan Snow: Die Monster von Rattingen. Arthur und die Käsediebe.

Man nehme etwas Monty Python, beginne mit einer rasanten Käsejagd zu Pferde und ergänze um Humboldts Taxonomie der Trolle und Kreaturen. Lässt man einen Meister der britischen Kinderbuchillustration erstmals selbst schreiben, entwickelt sich so ein grotesker Serienauftakt um das Städtchen Rattingen, im dem der Junge Arthur mit Hilfe kurioser Schachteltrolle und einem älterlichen Mentor gegen die verdächtige Käsegilde ermitteln muss. Kleinteilig und skurril geben sich die überzeichneten, an Originalität kaum zu überbietenden Figuren der reizvoll antiquiert erscheinenden Illustration geradezu hin und machen neugierig auf weitere Bände. Denn "Wer genau sind der Mann mit den eisernen Socken, die Kaninchenfrauen und die Quiekser? Und wird es Arthur gelingen, einen Weg zu Großvater zu finden, bevor der Rhabarber alle ist?" Britischer Humor at his very best.

Aus dem Engl. v. Ann Lecker. Boje 2009. 208 S., € 15,40. ISBN 978-3-414-82191-1

 


Dean Lorey: Die Monsterjäger-Akademie. Das Portal des Barrakas.

Begonnen hatte eigentlich alles mit dem Mittagsschläfchen-Fiasko. Charlie Benjamin, " das einsamste Kind auf der ganzen Welt", weiß bald, dass etwas mit ihm nicht stimmen kann, wenn er durch seine Albträume ganz unbeabsichtigt ungeheuerliche Monster auf seine Mitmenschen loslässt. Noch kann er aber nicht wissen, dass er bald zum sogenannten Albtraumdienst gehören wird, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, in unsere Welt "portalierte" Monster zu bändigen und er sich bald mit Wahrheitsforellen, charakterstarken MitschülerInnen, verdächtig nach Zimt riechenden Mimics und natürlich dem Ungetüm Barakkas herumschlagen muss. Satirisch und sprachlich raffiniert, unvorhersehbar und logisch gestrickt präsentiert sich hier eine Horror-Serie, bei der einem thematisch zwar vieles bekannt erscheinen mag, durch seine aberwitzige und kuriose Ausführung aber beste Unterhaltung bietet.

Aus dem Engl. v. Katharina Orgaß und Gerald Jung. Ravensburger 2010. 320 S., € 5,20. ISBN 978-3-473-54351-9

 


Dan Greenburg / Katja Gehrmann: Die Schluffmuffins

Da werden die Zwillinge Charlie und Cheyenne endlich adoptiert und werden damit aus dem furchtbaren Waisenhaus entlassen, nur um dann festzustellen, dass ihre "Adoptivtanten" in Wahrheit fiese Riesenameisen sind, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen. "Wann wollt ihr uns denn umbringen? Jetzt gleich?", fragt Charlie da gegen Ende des Buches. "Aber um Himmels willen, nein!", sagte Dagmar. "Auf keinen Fall. Es ist doch viel zu spät für euch Kinder! […] Jetzt sollten wir uns alle erst mal ein paar Stunden guten, erholsamen Schlaf gönnen." Das Buch steckt voll skurriler Dialoge dieser Art und - dies als Warnung - setzt Nasenrotz und Fußschweiß, menschenfressende Nacktschnecken oder blutrünstige Wölfe recht unverfroren ein. Die Illustrationen sind mit viel schwarzem Humor gefertigt, sodass Text und Bild sich ausgezeichnet ergänzen.

Aus dem Engl. v. Yvonne Hergane. Dressler 2006ff. 128 S., € 10,20. ISBN 978-3-7915-0747-7

 


 

Lemony Snicket / Brett Helquist: Eine Reihe betrüblicher Ereignisse

Die Lust am Horror wird von Lemony Snicket bis zum letzten ausgereizt: An grusligen Schauplätzen wie dem schaurigen Spital, dem grausigen Jahrmarkt oder dem haarsträubenden Hotel müssen sich die drei Baudelaire-Waisen Sunny, Violet und Klaus gegen das Böse, verkörpert durch ihren hinterlistigen Vormund, behaupten. Am Ende jedes einzelnen Bandes entrinnen sie nur knapp dem Tod, bis schließlich im finalen 13. Band, angesiedelt auf einem idyllischen Schelf, die in den bisherigen Bänden begonnenen Handlungsfäden geschickt in bewährt abstruser Weise zusammengeführt werden – von aufgelöst kann in diesem Fall keine Rede sein. Das Spiel mit der Sprache, besonders aber die zahlreichen Anspielungen auf literarische Werke, aber auch den Prozess des Lesens an sich, machen die "Reihe betrüblicher Ereignisse" zu einem wunderbar skurrilen Lesevergnügen der etwas anderen Art!

Aus dem Engl. v. Klaus Weimann. cbj 2009. 176 S., € 7,20. ISBN 978-3-570-22085-6

 


Neil Gaiman: Das Graveyard-Buch

Nobody Owens ist Ehrenbürger eines Friedhofs, seit er in seiner frühesten Kindheit von den wandelnden Verstorbenen vor dem mysteriösem Jack gerettet wurde, der Nobodys Familie gemeuchelt und ihm damit ursprünglichen Namen und Existenz unter den Lebendigen geraubt hat. Fortan begleiten in morbide und skurrile Figuren, Ghule, Hexen oder Geister in kleinen, größtenteils losen Episoden, die von seinem Heranwachsen unter den Verblichenen erzählen. Poetisch und pathetisch in Sprache und Handlung entwickelt sich so eine Art Dschungelbuch mit Gräberflair, mit dem gleichen stoffimmanenten Ende: "Die Welt ist weiter als ein kleiner Friedhof auf einem Hügel" und Nobody verabschiedet sich - inzwischen herangereift zum jungen Mann - auf Zeit, bis er irgendwann wieder hinabsteigen wird ins Souterrain der Existenz. "Aber zwischen jetzt und dereinst lag das Leben."

Aus dem Engl. v. Reinhard Tiffert. Arena 2009. 310 S., € 17,50
ISBN 978-3-401-06356-0

 



Rachel Caine: Haus der Vampire

Lange ist es her, dass Vampire richtig böse sein durften - Zeit also für eine Reise nach Morganville. Denn während andernorts die Vampire ihr Schattendasein zwischen den Menschen fristen müssen, ist die kleine Stadt in Texas El Dorado der Unsterblichen: Hier herrschen sie über Gesetz, Geschäft, Blutzoll und das College, das ihnen für den Reiz der Jagd unwissende auswärtige Studierende liefert. Claire ist eine von ihnen und rettet sich nach ersten Komplikationen in eine WG jenseits des Campus, wo sie sich mit drei anderen jugendlichen BewohnerInnen fortan der Abwehr korrupter wie tückischer Vampire stellen muss. Das alte Haus wird im Lauf dieser vielversprechenden Vampirserie zur menschlichen Enklave inmitten untoter Fehden und bietet Ausgangspunkt für temporeiche Handlung, schlagfertige Dialoge und unkonventionelle Motivvarianten.

Aus dem Engl. v. Sonja Häußler. Arena 2009. 312 S., € 13,40. ISBN 978-3-401-06360-7

 


Carrie Ryan: The Forest. Wald der tausend Augen

Eine Invasion von Zombies - jugendliterarisch zu Ende gedacht: Mary, ihr Dorf und die sogenannte Schwesternschaft müssen sich in ihrer mittelalterlichen zivilisatorischen Enklave gegen die "Ungeweihten" auf der anderen Seite des Zauns wehren, die ihnen nicht nur zahlenmäßig überlegen sind, sondern auch die unüberwindbare Grenze zur eigentlichen, ihnen unbekannten Welt markieren. Das postapokalyptische Szenario inmitten der von Instinkt getriebenen Infizierten wird kontrastiert mit einer zarten Liebesgeschichte und dem adoleszenten Entwachsen aus einer streng geregelten Welt ohne jede Überlieferung von Vergangenem, ohne jede Hoffnung auf Zukünftiges. Dialogarm und reflexionsreich entspinnt sich Marys Reise auf die jenseitige Seite des schützenden Zaunes, wo nicht nur ihr dogmatisches geglaubtes Weltbild ein Ende findet…

Aus dem Engl. v. Catrin Fischer. cbt 2009. 400 S., € 17,50. ISBN 978-3-570-16049-7